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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Briefe eines Universalgenies17.08.2006

Die Briefe eines Universalgenies

Leibnizforschungsstelle der Universität Münster wird 50 Jahre alt

Der 1646 geborene Naturwissenschaftler, Politiker, Theologe, Diplomat und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb in seinem Leben 15.000 Briefe mit 1100 Briefpartnern und hinterließ ein schriftliches Werk von gut 200.000 Blatt. Die Auswertung dieses Mammutwerks ist eine Aufgabe der Leibnizforschungsstelle an der Universität Münster, die jetzt 50 Jahre alt wurde.

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Die Post hatte in Leibniz einen hervorragenden Kunden. (Deutschlandradio)
Die Post hatte in Leibniz einen hervorragenden Kunden. (Deutschlandradio)
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" Wir sind in der glücklichen Lage das Leibnizsche Werk, wie weniges von Geistesgrößen dieser Art, in dieser handschriftlicher Form noch zur Verfügung zu haben. "

Im Büro Martin Schneiders in der Leibnizforschungsstelle hängt ein Porträt von Gottfried Wilhelm Leibniz. Auf dem Bild ist er ungefähr fünfzig Jahre alt und trägt eine üppige dunkle Perücke. Seine Lippen umspielt ein Lächeln. Leibniz wurde 1646 geboren, in deutschen Landen tobte der Dreißigjährige Krieg. Leibniz ist ein Kind des Barock. Und ein Genie. Der achtjährige Leibniz erlernte zum Beispiel anhand der väterlichen Bibliothek autodidaktisch die Lateinische Sprache. Mit 15 studierte er Philosophie und Rechtswissenschaften. In den 70 Jahren seines Lebens war er Jurist, Naturwissenschaftler, Politiker, Theologe, Diplomat und Philosoph. Leibniz hinterließ ein schriftliches Werk von rund 200.000 Blatt. Philosophieprofessor Martin Schneider:

" Diese Handschriften haben wir alle, sie werden in Hannover in der niedersächsischen Landesbibliothek, übrigens jetzt "Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek" genannt, archiviert und werden uns von dort aus zur Verfügung gestellt. "

Viele der Originalschriften in französischer Sprache oder auf Latein werden zur Zeit im Tresor der Leibnizforschungsstelle verwahrt. Sie sind Leihgaben aus Hannover. Einige Schriften liegen auf dem Schreibtisch. Doppelte, vergilbte Bögen, eng beschrieben mit brauner Tinte. Es ist ein Brief an den Theologen Arnauld, einem berühmten Zeitgenossen. Die Schrift ist winzig damit möglichst viel auf die Bögen passte. Papier war vor ca. 350 Jahren ein kostbares Material. Die Wasserzeichen der Bögen, ein Posthorn, ein Hirsch oder ein Schild, ermöglichen es heutigen Forschern auch solche Schriften zeitlich einzuordnen, die nicht datiert sind. Martin Schneider über die Edition:

" In Münster werden also der philosophische Briefwechsel, der Leibnitz-Akademie-Ausgabe, und die philosophischen Schriften, herausgegeben. "

Seit 50 Jahren werden in Münster in chronologischer Folge die philosophischen Schriften und Briefe von Gottfried Wilhelm Leibniz ediert. Im Rahmen der historisch-kritischen Leibniz-Akademieausgabe. Eine Ausgabe, die allen wissenschaftliche Ansprüche an ein solches Werk erfüllen soll. Die Edition des philosophischen Werkes wird wahrscheinlich 2030 abgeschlossen sein, sagt Leibnizforscher Martin Schneider. Rechtzeitig zum 50. Jubiläum der Leibnizforschungsstelle ist jetzt die Neuauflage des bislang einzigen Briefbandes der philosophischen Korrespondenz von Leibniz aus den Jahren 1663 bis 1685 erschienen.

" Neuauflage deshalb nach 80 Jahren, weil dieser erste Band vor 80 Jahren in einer unzureichenden wissenschaftlichen Form, erschienen war. wie wir heute sagen können. "

Gerade dieser Briefband ist für den Philosophieprofessor Martin Schneider von besonderem Interesse, weil hier der junge Leibniz - die ersten Beziehungen zu berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit knüpft. Leibniz schrieb in seinem Leben 15.000 Briefe mit 1100 Briefpartner, Zu seinen Korrespondenten zählen zum Beispiel die Naturwissenschaftler Christiaan Huygens oder Velthuysen, Juristen und Staatsmänner wie Puffendorf, Wedderkopf oder von Seckendorff, dazu die Philosophen Hobbes, Spinoza und Jakob Thomasius. Nicht zu vergessen sein Schriftwechsel mit dem Theologen Arnauld. - 15.000 Briefe, wie hat Leibniz das geschafft?

" Leibniz war eben ein Mann, der das heißt das war sicher kein Spätaufsteher, der hat sicher auch in der Nacht lange gearbeitet, hat den Tag ausgenutzt, von ihm gibt es das Wort, dass was man tut, macht das Leben aus. Das was man leistet, also die Zeit ist kostbar Und das zeigt, dass sein Tagesverlauf vollgefüllt war mit Realisierung von Ideen, hat den Tag ausgenutzt. ... Er hat auch einmal gesagt, wenn ich morgens aufwache habe ich so viele Ideen im Kopf, ich habe gar keine Zeit dazu alle zu verwirklichen. "

In Laufe seines Lebens war Leibniz auch am Hof des Hauses Hannover angestellt und erfüllte die Aufgabe die Geschichte des der Dynastie zu schreiben.

" Aber dazwischen hatte er laufend, wenn er Zeit hatte, sei es ein philosophisches Thema entworfen, oder ein Kalkül. Ein Wort von ihm ist bekannt, er sagte, "Ich sitze hier in einem Gasthaus und entwerfe einen logischen Kalkül." Das zeigt alles, nicht. Wenn er Zeit hatte, er saß wartend, als er einmal in London war, es war hoher Wellengang in der Themse, hohe Windgeschwindigkeiten herrschten, das Schiff musste zehn Tage warten etwa, bevor es aufs Festland zurückfahren konnte, nach Holland, da hat Leibniz eben einen kleinen physikalischen Traktat entworfen, über die Bewegung. Was ist Bewegung? "

Leibniz war ein äußerst geistig beweglicher Mann, der keinen Moment der Zeit entgleiten ließ, Martin Schneider:

" Ist ja bekannt, dass er ein Universalgenie war, anderes Beispiel. Er war vier Jahre bevor er in die Dienste des Hauses Hannover trat in Paris, und hat sich dort als ja als Normalkenner der Mathematik zu einem Genie der Mathematik entwickelt, die Infinitesimalrechnung neben Newton ja entdeckt, Und er hat selbst gesagt, er hätte sich fast unmäßig damals den mathematischen Studien hingegeben. "

Leibniz entwickelte auch das binäre System, die Grundlage der Computertechnik. - Naturwissenschaftler, Diplomat, Jurist. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz ist unter anderem als Gründer der Monadenlehre bekannt. Für Leibniz bestand die Welt aus Monaden. Eine Monade ist für ihn, eine Substanz, die nicht zerlegt werden kann. Die Monadenlehre wurde 100 Jahre später von Kant nicht mehr akzeptiert. Doch die Lehre zu kennen, das gehört noch heute zum Lehrstoff der Philosophiestudenten. Doch welche Auswirkungen hat Leibniz auf die heutige Welt?

" Leibniz war zum einen Grundlagenforscher, Wie sie wissen, ist heute gerade die Grundlagenforschung wieder in gewisser Weise in. Und zwar deshalb, weil wir wissen, dass man, wenn man die Grundlagen nicht kennt, in vielen Wissenschaften nicht weiterkommt. Und Leibniz ist in dieser Hinsicht ein Vorbild für uns gewesen. Er war auch, was die heutige europäische Idee angeht, sicher ein Vorreiter. "

Leibniz hat immer die Tradition betont, Europa, das Christentum spielten bei ihm eine wichtige Rolle, er ist aus diesen Strömungen erwachsen:

" Er hat immer betont, dass man - es gibt eine lange Einleitung zu seiner so genannten Universalwissenschaft - diese Tradition bewahren muss, das Gute und Wahre daran und das Wichtige und Positive, das auch weiter wirkt, müssen wir bewahren. "

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