23. Juni 2026
Die internationale Presseschau

Neben der Wahl in Kolumbien geht es vor allem um den angekündigten Rücktritt von Großbritanniens Premierminister Starmer.

Der britische Premierminister Keir Starmer kündigt am Morgen des 22. Juni 2026 vor Downing Street 10 seinen Rücktritt an
Der britische Premierminister Keir Starmer hat seinen Rücktritt angekündigt - das ist zentrales Kommentarthema in vielen internationalen Zeitungen. (Henry Nicholls / Afp)
Der britische DAILY MIRROR würdigt den scheidenden Regierungschef: "Starmer ist ein guter Mann, der vom Dienst am Gemeinwohl angetrieben wird. Er hat die Labour-Partei in nur einer Legislaturperiode von ihrem schlechtesten Wahlergebnis seit Jahrzehnten an die Macht geführt. Seine Regierung hat bahnbrechende Reformen im Bereich der Mieter- und Arbeitnehmerrechte auf den Weg gebracht. Eine umfassende Reform des Justizsystems ist im Gange, und es wird an einer ehrgeizigen Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen gearbeitet. Die Abschaffung der Obergrenze für das Kindergeld wird eine halbe Million Kinder aus der Armut befreien. Die Nettozuwanderung hat sich im letzten Jahr fast halbiert. Auch Starmers Bilanz auf der Weltbühne ist beeindruckend. Doch Starmer war nicht in der Lage, den Wählern schnell genug Veränderungen zu liefern. Es fiel ihm schwer, seine Regierungsziele klar zu formulieren und seine Erfolge zu vermitteln", analysiert der DAILY MIRROR aus London.
"Er ist der sechste britische Premierminister, der in zehn Jahren an der Brexit-Folgeproblematik gescheitert ist", betont der italienische CORRIERE DELLA SERA: "Dabei war er im Juli 2024 mit einer überwältigenden Mehrheit in die Downing Street eingezogen - und vor allem mit vielen guten Absichten. Er war erst spät in die Politik gekommen, nach einem Leben im öffentlichen Dienst. Wie konnte es also geschehen, dass Starmer in kurzer Zeit zum unpopulärsten Premierminister der modernen Geschichte wurde - unbeliebter als der clowneske Boris Johnson, unbeliebter als Liz Truss, die Großbritannien in nur sieben Wochen an den Rand des finanziellen Bankrotts gebracht hatte? Er selbst konnte es nie begreifen. Doch genau darin zeigt sich das, was ihm am häufigsten vorgeworfen wird: ein völliger Mangel an politischem Urteilsvermögen", stellt der CORRIERE DELLA SERA aus Mailand fest.
Die belgische Zeitung DE TIJD sieht viele Gründe für Starmers Scheitern: "Zweifellos hat er Fehler gemacht. Da war der Skandal um den britischen Botschafter in den USA, Mandelson, der Verbindungen zum Sexualstraftäter Epstein hatte. Da war die Kehrtwende in Bezug auf das Versprechen, die Steuern nicht zu erhöhen. Es gab die Kürzung der Energiesubventionen für Rentner. Gleichzeitig spielten aber auch ungünstige Umstände eine Rolle. Die britische Wirtschaft wächst kaum, während die Bevölkerung findet, dass sie es ohnehin schon schwer genug hat und die Einwanderung drosseln will. Zudem weckt die rechte Partei Reform UK von Nigel Farage Erwartungen, die niemand erfüllen kann: Dass man das Land wieder auf die Beine bringt, ohne dass es jemanden etwas kostet", vermerkt DE TIJD aus Brüssel.
Für die Zeitung TAKUNGPAO aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong hat Starmers Rücktritt eine ganz allgemeine Bedeutung: "Sieben britische Premierminister in zehn Jahren sind ein Beleg für die Mängel westlicher demokratischer Systeme. Das parlamentarische System hat seinen Glanz längst verloren. Rückblickend war das Brexit-Referendum im Jahr 2016 zweifellos der Wendepunkt. Es spaltete die britische Politik, sodass der gesellschaftliche Konsens zerbrochen ist. Im krassen Gegensatz dazu steht die Entwicklung, die Hongkong seit seiner Rückgabe an China erfahren hat. Damit sind Stabilität und Wohlstand in Hongkong wieder eingekehrt", stellt TAKUNGPAO klar.
Die polnische POLITYKA befasst sich mit dem wahrscheinlichen Nachfolger Starmers, dem bisherigen Bürgermeister von Manchester. "Andy Burnham ist der Beste, den die Labour-Partei derzeit zu bieten hat. Er tritt entspannt auf und ist ein brillanter Redner. Als er 2017 Bürgermeister von Greater Manchester wurde, war die Stadt heruntergekommen und litt unter hoher Arbeitslosigkeit. Burnham holte Hightech-Unternehmen und Dienstleistungs-Betriebe in die Stadt. Er überführte den öffentlichen Nahverkehr aus privater in öffentliche Hand und schuf das landesweit am besten integrierte Nahverkehrssystem. Die Frage ist nur, ob ein Mann aus dem linken Labour-Flügel die richtige Antwort auf die extreme Rechte von Nigel Farage ist", hält die POLITYKA aus Warschau fest.
Der SYDNEY MORNING HERALD aus Australien gibt dagegen zu bedenken: "Bis vergangenen Donnerstag war Burnham Bürgermeister einer Großstadt, ohne Sitz im Parlament. Und womöglich wird er das Amt des Premierministers ohne eine Abstimmung erreichen. Das ist eine radikale Abkehr von den Führungswechseln, die die britische Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren erlebt hat. In den meisten Fällen kam der Herausforderer aus dem Kabinett und verfügte über aktuelle ministerielle Erfahrung. Das ist bei Burnham nicht der Fall. Noch vor einer Woche war er für Busse und Müllabfuhr zuständig. Nun wird er möglicherweise das Land führen. Innerhalb der Labour-Partei ist er äußerst beliebt, doch die Partei geht damit ein enormes Risiko ein", befindet der SYDNEY MORNING HERALD.
Die britische TIMES erwartet: "Höhere Steuern wird es mit ziemlicher Sicherheit geben, denn auf Wachstum kann Burnham sich für die Finanzierung seiner Pläne nicht verlassen. Seine politische Agenda hätte auf den Prüfstand gestellt werden sollen. Dadurch hätte die Öffentlichkeit zumindest einen gewissen Eindruck von den Vorstellungen dieses Mannes gewinnen können. Stattdessen wird Großbritannien bald ein neuer Premierminister aufgezwungen, dessen konkrete Pläne zur Lösung der strukturellen Probleme des Landes — Schulden, Sozialleistungen, Verteidigung, Energiesicherheit und vor allem Produktivität — alarmierend mysteriös bleiben", moniert THE TIMES mit Sitz in London.
Nun nach Kolumbien, wo der rechtsgerichtete Oppositionspolitiker De la Espriella die Stichwahl um das Präsidentenamt nach vorläufigen Ergebnissen knapp gewonnen hat. Die kolumbianische Zeitung EL HERALDO schreibt dazu: "In nur elf Monaten schaffte es der 47-Jährige vom Anwalt ohne jede politische Erfahrung zum Präsidenten der Republik. Ein solcher Aufstieg lässt sich nur durch das Zusammenwirken einer ganzen Reihe von Faktoren erklären. So erreichte De la Espriella durch seinen persönlichen Stil neue Zielgruppen und kultivierte das Image einer erfolgreichen Persönlichkeit jenseits der traditionellen politischen Strukturen. Er übernahm rhetorische Elemente von Leuten wie Donald Trump oder Javier Milei und passte sie an die aktuellen Themen in Kolumbien an, vor allem die fehlende Sicherheit. Gleichzeitig griff er die Unzufriedenheit mit der linken Regierung von Gustavo Petro auf", notiert EL HERALDO aus Barranquila.
Die türkische Zeitung BIRGÜN ist sich sicher: "Diese Wahlen sind ein Wendepunkt für die gesamte lateinamerikanische Region. In den vergangenen Jahren sind Argentinien, Chile, Ecuador, El Salvador und Honduras nach rechts gerückt. Die bisher linksgerichtete Regierung in Kolumbien war eines der letzten Bollwerke gegen diesen Trend. Die Präsidentschaft De la Espriellas würde das Land augenblicklich zu einem Vorposten für den sogenannten 'Hinterhof der USA' machen. Das Hauptziel dieses neokolonialen Projekts der Trump-Regierung besteht darin, unabhängige und progressive Regierungen in der Region zu isolieren", vermutet BIRGÜN aus Istanbul.
Auch die brasilianische Zeitung O GLOBO bemerkt: "De la Espriellas Wahlsieg spiegelt den Aufstieg der populistischen und radikalen Rechten in Lateinamerika wider, die von Donald Trump inspiriert und unterstützt wird. Sein Land steht vor ähnlichen Problemen wie Brasilien: Das Haushaltsdefizit ist hoch, und das Gesundheitswesen muss reformiert werden. Zudem kontrollieren Guerillas und Drogenhändler immer größere Gebiete. Allerdings werden Populisten in der Regel schnell von der Realität eingeholt. Polarisierung mag zu einem Wahlsieg verhelfen, ist aber verheerend für die Umsetzung von Vorhaben, bei denen man auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen ist", unterstreicht O GLOBO aus Rio de Janeiro, und damit endet die Internationale Presseschau.