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Die Lage in den irakischen Krankenhäusern

Meurer: Die zivile und humanitäre Hilfe im Irak läuft noch nicht so richtig an. Ein Hilfsflugzeug der europäischen Union, zum Beispiel, steckt auf dem Flughafen in Kuwait fest und erhält keine Landeerlaubnis für Bagdad. Unangenehme Erfahrungen hat auch jetzt die Organisation 'Ärzte ohne Grenzen' machen müssen. Am Telefon begrüße ich die Ärztin, Marie-Luise Linderer. Guten Morgen, Frau Linderer!

    Linderer: Guten Morgen!

    Meurer: Sie waren zwei Wochen im Irak. Wo waren Sie, und was haben Sie dort erlebt?

    Linderer: Ich war in Bagdad selber. Ich war nur in Bagdad und bin nicht weiter herumgekommen, unser Team schon. Ich hatte die Aufgabe, zusammen mit einem Chirurgen für die Verletzten zu sorgen. Wir haben das ja alles im Fernsehen gesehen und sind dort mit Sack und Pack angekommen. Leider wurde uns der Zugang zu den Krankenhäusern verwehrt.

    Meurer: Wer hat Ihnen den Zugang verwehrt?

    Linderer: Wenn wir das so genau wüssten! Das war sehr merkwürdig. Wir haben ja dieses Chaos gesehen. Wir sind von den Patienten und Ärzten, die dort vor Ort gearbeitet haben, begrüßt worden. Teilweise waren es auch Studenten, man weiß in diesem Chaos manchmal gar nicht, wer wer ist. Sie waren froh, dass endlich jemand kommt. Als wir dann zum Direktor gingen, sagte er am ersten Tag: Ja, wunderbar, wann kommt ihr? Ich könnt gleich anfangen. Am nächsten Tag kamen wir dann mit Sack und Pack, und dann hieß es, sie bräuchten niemanden mehr. Das waren dann teilweise andere Direktoren. Es war total merkwürdig. Es ist auch nicht nur uns so gegangen, sondern es ist allen Nicht-Regierungsorganisationen so gegangen.

    Meurer: Es gibt ja zwei Möglichkeiten, Frau Linderer. Entweder die Iraker wollen Sie nicht oder die Amerikaner. Was glauben Sie, trifft bei Ihnen zu?

    Linderer: Ich glaube, das ist so eine allgemeine Furcht. Wenn jemand mit dem einen etwas macht, könnte ihm ja auf der anderen Seite etwas Besseres entgehen. Das steckt dahinter. Dann wurde bei den Treffen mit den Amerikanern und den Nicht-Regierungsorganisationen gesagt, dass zur Zeit überhaupt keine Vereinbarungen mit den Nicht-Regierungsorganisationen getroffen würden, bis ein Gesundheitsminister wieder eingesetzt ist. Das ist allerdings nun am Samstag passiert. Trotzdem hat sich nichts geändert. Wenn wir die Ärzte vor Ort befragt haben, ich war auch auf der Station und habe mich nicht so leicht abweisen lassen, dann haben diese immer gesagt, sie hätten zur Zeit keine Autoritäten und könnten gar nichts entscheiden. Das war sehr merkwürdig. Ich hatte auch ein Schreiben dabei. Wir hatten zwei Tage vorher von dem Chef ein Schreiben in arabisch bekommen. Es hieß darin, dass sie sich freuten und wir arbeiten könnten. Dann kommen wir mit unserem Jeep und unseren Sachen dort an. Es sitzt ein anderer in dem Chefsessel und sagt, wir könnten dort nicht arbeiten und sie bräuchten auch gar nichts und niemanden.

    Meurer: Haben Sie auch versucht, außer dass Sie jeden Morgen mit dem immer wechselnden Direktor geredet haben, mit irgendwelchen amerikanischen Stellen in das Gespräch zu kommen und nachzuhaken?

    Linderer: Es fanden ja ständig diese Treffen statt. Da hieß es einfach, es würde jetzt erst einmal eine Verwaltung eingesetzt. Dann haben die Amerikaner verkündet, dass die Krankenhäuser funktionierten. Dann hat unser Chef von unserem Team gefragt, was sie denn mit dem Wort 'funktionieren' meinten. Er hat sich erkundigt, ob die Amerikaner geguckt hätten, wie es denn in den Krankenhäusern aussähe. Außerdem hatte er ihnen gegenüber gesagt, dass es dort überhaupt keine medizinische Versorgung gäbe. Funktionieren hieße, die Patienten könnten in das Krankenhaus, würden behandelt und könnten dann wieder gehen. Er fügte hinzu, dass die Patienten schlecht behandelt würden. Mit den Amerikanern war gar keine Diskussion möglich. Sie haben auch nichts hinterfragt.

    Meurer: Sie konnten ja in das Krankenhaus hineingehen. Wenn Sie schon nicht helfen konnten, was haben Sie dort gesehen?

    Linderer: Wir haben gesehen, dass die Patienten da teilweise auf den Gängen liegen. In einem Krankenhaus wurde die Eingangshalle zum Erste-Hilfe-Raum umfunktioniert. Es fehlte an Material. Es fehlte an Schmerzmitteln. Die Patienten haben geschrieen. Die Kinder haben geschrieen. Die Angehörigen sind dazwischen gegangen und haben die Patienten beim Verbandswechsel festgehalten. Die Doktoren waren total überfordert. Sie waren alle sehr bemüht, aber einfach überfordert. Ich bin ja auch in die Operationsräume gegangen und habe meine Hilfe angeboten. Aber ich wurde abgewiesen. Sie bräuchten niemanden, hieß es.

    Meurer: Aber es wird schon noch operiert.

    Linderer: Es wird operiert. Wenn man in den großen Krankenhäusern sieben Säle hat, dann wird vielleicht in einem oder in zwei Sälen operiert. Ich habe auch gefragt, warum das so ist und angeboten, einen Saal zu übernehmen. Nein, das ginge nicht, hieß es wieder. Wir haben alles angeboten, was überhaupt möglich ist, aber es war nichts zu machen. Deshalb bin ich auch wieder abgereist.

    Meurer: Was sind denn so die häufigsten Verletzungen, die Sie beobachtet haben?

    Linderer: Die häufigsten Verletzungen sind Schussverletzungen und Verletzungen von den Splitterbomben. Es kommen jedoch zunehmend mehr Schussverletzungen, weil die Plünderungen weitergehen und viel zu viele Gewehre in der Stadt sind. Es laufen auch Kinder mit Kalaschnikows auf der Straße herum. Da fallen einem die Augen heraus.

    Meurer: Auch die Krankenhäuser sind ja geplündert worden. Ist auch das geplündert worden, in das Sie wollten?

    Linderer: Es hat in allen Krankenhäusern, die ich gesehen habe, Plünderungen gegeben, bis auf eines. Das hatte vorher plastische Chirurgie gemacht und ist nicht geplündert worden. Das wurde dann umfunktioniert und mit Verletzten belegt. Weil sie gar keine Aufnahmestation hatten, wurde die ganze Eingangshalle in einen Erste-Hilfe-Raum umgewandelt. Das war das Schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen kann.

    Meurer: Wie schlimm sind die Folgen der Plünderungen für die Krankenhäuser?

    Linderer: Es ist schlimm. Es fehlen die elektrischen Leitungen. Dann sind die Waschbecken aus der Wand gerissen. Es gibt Krankenhäuser, wo die Betten fehlen. Teilweise wurden die Röntgengeräte herausgerissen und auf der Straße verbrannt. So etwas habe ich noch nie gesehen.

    Meurer: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Linderer!

    Link: Interview als RealAudio