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StartseiteKalenderblattDie staatlichen Bauernfänger03.06.2009

Die staatlichen Bauernfänger

Vor 50 Jahren: Gesetz der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR

Noch 20 Jahre nach der Wende sind die Folgen der DDR-Landwirtschaftspolitik sichtbar: Riesige Anbauflächen zeugen von der Zeit, als Ackerbau in der Hand der sozialistischen Großbetriebe lag. Am 3. Juni 1959 verabschiedete die DDR-Volkskammer das Gesetz über die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.

Von Kirsten Heckmann-Janz

Ab 1959 wurde die Landwirtschaft in der DDR weitgehend von staatlicher Hand organisiert.   (AP)
Ab 1959 wurde die Landwirtschaft in der DDR weitgehend von staatlicher Hand organisiert. (AP)

""Wir kommen zum Punkt zwei unserer Tagesordnung: Gesetz über die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften."

Frühjahr 1959. Wenige Monate vor der 10-Jahres-Feier zur Gründung der DDR verhandelt die Volkskammer über ein Gesetz, das die Kollektivierung der Landwirtschaft vorantreiben soll.

"Dieses Gesetz soll als Teil unseres neuen sozialistischen Rechts zur weiteren Entwicklung und Festigung der LPG beitragen und die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft fördern",

... begründet der Abgeordnete Paul Scholz die Vorlage.

Bislang fehlten gesetzliche Regelungen für die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. So genannte "Musterstatute" hatten vor allem die innergenossenschaftlichen Beziehungen festgelegt. Nun sollten die gesellschaftlichen und ökonomischen Beziehungen der sozialistischen Großbetriebe gesetzlich geregelt werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Sowjetunion zunächst eine "antifaschistische, demokratische" Phase in ihrer Besatzungszone angestrebt. Unter der Parole "Junkerland in Bauernhand" wurden Großgrundbesitzer und ehemalige Nationalsozialisten entschädigungslos enteignet.

"Ich bin rüber zum Baron und hab' ihm gesagt, dass seine Zeit hier zu Ende ist, und dass wir nun die Dinge selbst in die Hand nehmen. Daraufhin erklärt der Baron: Ja, das sind nun kommunistische Machenschaften. Ich sagte: Nein, das sind nicht kommunistische Machenschaften, das ist der Wille des Volkes",

... erinnert sich der ehemalige Bürgermeister von Schleiz, Willy Heilmann.

Willy Heilmann:

"Wir haben die Bodenkommission dann, als ich zurückkam, gebildet, den Boden verteilt, die Bauern erhielten ihr Land als Eigentum, kriegten ihre Urkunde und waren nun eigener Bauer auf eigener Scholle."

Die Bodenkommissionen verteilten mehr als zwei Millionen Hektar Land an rund eine halbe Million Landarbeiter, Kleinpächter, Flüchtlingsfamilien, Arbeiter und Angestellte. So entstanden mehr als 200.000 neue landwirtschaftliche Kleinstbetriebe.

Nur sieben Jahre später änderte sich dann die Politik. Im Sommer 1952 beschloss die SED in der DDR den Sozialismus nach sowjetischem Vorbild aufzubauen und forcierte die Gründung von Produktionsgenossenschaften. Damit begann in der Landwirtschaft der zweite grundlegenden Strukturwandel. Ministerpräsident Otto Grotewohl im Februar 1953:

"Der Kongress der werktätigen Bauern findet in einer bedeutungsvollen historischen Phase unserer gesellschaftlichen Entwicklung statt. Eine neue landwirtschaftliche Produktionsform ist entstanden und drängt kühn voran: die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft."

Obwohl der Eintritt in die Genossenschaft persönliche und wirtschaftliche Vorteile brachte und der in die Genossenschaft eingebrachte Boden Eigentum der Mitglieder blieb, ging die Kollektivierung nur schleppend voran. Als die SED den politischen und ökonomischen Druck auf die Bauern verstärkte, verließen weit mehr als 10.000 Bauern ihre Höfe und flohen in den Westen. Im Zeichen des Kalten Krieges wurden die Flüchtlinge im Osten wie im Westen für propagandistische Zwecke benutzt.

"Was soll denn aus einem solchen jungen Bauern werden?",

... fragte Konrad Adenauer 1953 anlässlich der Landwirtschaftsausstellung "Grüne Woche" in Westberlin.

Adenauer:

"Die müssen wir dem Bauernstande zu erhalten suchen, damit sie eines Tages wieder mit dazu beitragen können, den Osten zu kolonisieren."

Der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht sah die Schuld bei den westlichen Rundfunksendern, die durch ihre "Hetze" die Großbauern in den Westen treiben würden.
Walter Ulbricht:

"Sie bringen sie dort in Konzentrationslager, die man Flüchtlingslager nennt, und das ist für sie der Ausdruck der westlichen Freiheit dann."

Trotz aller finanziellen und sozialen Vergünstigungen für die Genossenschaften wurden 1958 immer noch zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen von privaten Bauern bewirtschaftet. Und so beschloss die SED, die sozialistische Entwicklung auf dem Dorf zu beschleunigen. In Verbindung mit dem am 3. Juni 1959 verabschiedeten Gesetz über die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wurde der "Klassenkampf auf dem Lande" verschärft, widerspenstige Bauern terrorisiert und kriminalisiert.

Innerhalb von nur drei Monaten wurden zweieinhalb Millionen Hektar Land kollektiviert, fast soviel wie in den sieben Jahren zuvor. Ende April 1960 konnte Walter Ulbricht in einer Regierungserklärung den "Sieg der Genossenschaftsbewegung auf dem Land" bekannt geben.

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