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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Wiedervereinigung, die keiner wollte12.03.2009

Die Wiedervereinigung, die keiner wollte

Jahrestagung der Gesellschaft für Deutschlandforschung Berlin

Im 20. Jahre nach dem Fall der Mauer debattierten auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für Deutschlandforschung Politikwissenschaftler, Historiker und Zeitzeugen über die unterschiedlichen Ursachen, Interessen und Bedingungen, die zum "Deutschen Herbst 1989" und damit letztendlich zur deutschen Einheit geführt hatten. Auffällig dabei - weder im Osten noch im Westen Deutschlands stand vor 20 Jahren die nationale Frage auf der politischen Agenda.

Von Barbara Leitner

Das Jahr 2009 ist reich an Jubiläen. (AP)
Das Jahr 2009 ist reich an Jubiläen. (AP)

"Die nationale Frage spielte bei der DDR-Opposition kaum eine Rolle, wenn dann in dem Sinne, dass man gesagt hat, die Bundesrepublik Deutschland raus aus der NATO und die DDR raus aus dem Warschauer Pakt, also ein dritter Weg, eine Neutralitätsvorstellung. Aber keinesfalls eine Einheit, wie wir sie heute haben."

Eckhard Jesse, Professor für Politikwissenschaften an der Technischen Universität in Chemnitz. Die deutsche Einheit, wie sie seit dem 3. Oktober 1990 als Nationalfeiertag begangen wird, wollte die Bürgerrechtsbewegung in der DDR nicht. Vielmehr artikulierte sie im stürmischen Herbst 1989, wie ihr Land demokratisiert werden sollte. Dass dennoch das bürokratische Datum die Erinnerung an den verspätet doch erfolgreichen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 auslöschte sieht der Wissenschaftler auch als einen Hinweis auf die widersprüchliche Bilanz der Oppositionsbewegung.

"Sie ist gescheitert und ist erfolgreich. Das ist das Paradoxe. Gerade weil sie gescheitert ist, war sie erfolgreich. Dass was sie gewollt hat, hat sie nicht erreicht. Eine Reform der DDR. Das was sie nicht gewollt hat, hat sie erreicht, eine Abschaffung der DDR."

"Auf der anderen Seite gab es auch im Westen Leute, die sagten, was heißt hier nationale Einheit, die Geschichte hat entschieden. De Facto hat sich das hier auseinander entwickelt, wir orientieren uns im Westen nach dem Westen und das spaltete durchaus auch in der westdeutschen Führungsschicht die Politiker, sowohl in der CDU als auch noch stärker in der SPD und letztlich hat sich Willy Brandt zumindest mittelfristig durchgesetzt in der Sozialdemokratie. Aber es gab starke Kräfte, die sagten, nein, wir wollen die Staatsbürgerschaft der DDR anerkennen. Wenn das gekommen wäre, wäre die nationale Frage erledigt gewesen aus westdeutscher Sicht."

Tilmann Mayer, Professor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn und Vorsitzender der Gesellschaft für Deutschlandforschung.
Diese Vereinigung gründete sich 1978 mit der Absicht, die nationale Frage offen zu halten.

"Und das war durchaus nicht einfach in einer Zeit der Entspannungsära. Denn wenn man so argumentiert, dann heißt das doch, an sich ist die DDR eines Tages zur Disposition zu stellen und das ist natürlich nicht der Geist der Entspannung, der auch in der Wissenschaft und der Publizistik herrschte und insofern hatten die Vertreter der Gesellschaft für Deutschlandforschung schwer diesen Standpunkt zu artikulieren. Weil sie galten dann sehr schnell als Friedensfeinde oder kalte Krieger."

Diese Zurückhaltung zur nationalen Frage aber spiegelte sich auch im Herbst 89 in den politischen Reaktionen in der BRD auf die Entwicklung in Ostdeutschland wieder. Selbst der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sprang erst spät auf den Einheitszug auf, weil er zuvor seine Entspannungspolitik nicht gefährden wollte. Erst Ende November 1989 reagierte er mit seinem "Zehn-Punkte-Programm" für die Wiedervereinigung auf die Konföderationsidee aus der DDR und sorgte so dafür, dass er weiter an der Macht blieb. Hinzu kam die Haltung der Verbündeten, der Amerikaner wie der Russen:

"Wenn man vergleicht, die Situation 1953 mit 1989, die ja auch der Stasi-Chef Mielke vor Augen hatte, dann muss sagen, der große Unterschied von damals zu 1989 war, dass die Sowjets eine andere Rolle spielten. Die Sowjets sagten 1953 unter keinen Umständen ein Nachgeben, sondern mit voller Macht gegen die Konterrevolution. Und in dem Maße, wie die Gorbatschow-Politik in der DDR griff, man sagte, die jeweiligen Systeme sind selbst souverän verfiel die Macht der DDR-Nomenklatur und das war das Aus. Insofern war der Unterschied zwischen 1953 und 1989 ganz eindeutig auf einer militärischen Ebene zu finden."

All diese Faktoren zusammen übertönten den demokratischen Gestaltungswillen der Ostdeutschen und gaben der Wiedervereinigung eine ungeahnte Dynamik; und das, obwohl auch die Westdeutschen sie nicht wollten. Meinten 1974 noch 70 Prozent von ihnen, die beiden deutschen Staaten gehörten einer Nation an, waren es fünf Jahre vor Mauerfall nur noch 42 Prozent. Bei allem Gefühl der Zusammengehörigkeit - vor allem jungen Leuten in der BRD waren die Deutschen in der DDR zunehmend gleichgültig geworden:

"Natürlich war dieses Bewusstsein der Einheit der Nation etwas Abstraktes, wenn man es nicht erlebt hatte, wenn man nicht Verwandte in der DDR hatte, wenn man nicht dort zu Besuch gewesen war. Deshalb ist es nicht überraschend, dass in der jungen Generation das mit einer größeren Distanz, auch gefühlsmäßigen Distanz wahrgenommen wurde."

Monika Glaab, Leiterin der Forschungsgruppe Deutschland von Centrum für angewandte Politikforschung in München. Dieses Meinungsbild wendete sich im Herbst 89. So wie die Ostdeutschen riefen "Wir sind ein Volk", äußerten sich auch die Westdeutschen in Meinungsumfragen zustimmend. Schon kurz nach den Feiern zur Wiedervereinigung aber mischte sich auf beiden Seiten zu der Freude Sorge um Nachteile. Einig sind sich zwar die Deutschen in Ost und West bis heute, dass die Einheit etwas Gutes sei,

"aber es gibt diese Ost-West-Gegensätze vor allem wenn man sich die Daten anschaut, wer hat am Ende davon profitiert. Da gibt es Enttäuschungen auf beiden Seiten. In Ostdeutschland das Gefühl, benachteiligt zu sein, Bürger zweiter Klasse zu sein und auf der anderen Seite in Westdeutschland ein geringes Verständnis dafür, dass man das nicht stärker anerkennt, was geleistet ist, seither. Aber man darf aus meiner Sicht diese Ost- West-Gegensätze auch nicht überinterpretieren, weil es aus meiner Sicht auch gemeinsame Probleme gibt. Befunde wir Parteienverdrossenheit, wie eine wachsende Demokratieunzufriedenheit. Das finden wir mittlerweile in Gesamtdeutschland und insofern kann man nicht die Frage stellen, wer gleicht sich hier wem an, sondern die Frage ist, wohin entwickelt sich die politische Kultur in Deutschland."

In diese Richtung die Forschung voranzutreiben, könnte eine Herausforderung für die Gesellschaft für Deutschlandforschung sein, so die Meinung von Eckhard Jesse.

"Man müsste eigentlich erkennen, wir haben seit 20 Jahren die deutsche Einheit, dass man ein bisschen breiter aufgestellt sein müsste. Die Frage sind dann: Welche Perspektiven haben wir in Deutschland? Gibt es noch Ost-West-Gegensätze, überlagern die die Nord-Süd-Gegensätze die Ost-West-Gegensätze. Diese Fragen sollten künftig stärker in den Vordergrund gerückt werden."

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