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Doping
Nicht nur in Russland wird gedopt

Das IOC hat russische Athleten teilweise für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio gesperrt, weil es in Russland laut WADA-Report jahrelang staatlich organisiertes, systematisches Doping gab. Auch wenn das eine besondere Qualität ist - Doping gibt es auch anderswo.

Von Victoria Reith | 24.07.2016

Doping
Ein weltweites Problem: Unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung (picture alliance / dpa / Foto: Patrick Seeger)
Ob es ein ähnliches staatlich gelenktes Dopingsystem wie das russische auch in anderen Ländern gibt - darüber gibt es innerhalb des Sports unterschiedliche Ansichten.
Fest steht aber: Auch andere Nationen haben sich strafbar gemacht, sind schlampig bei der Aufarbeitung oder halten die Füße still, was die Aufklärung betrifft. Zum Beispiel sind die Gewichtheber aus Bulgarien und Aserbaidschan für Rio gesperrt, weil es in ihren Reihen zu viele Dopingfälle gab.
Kenia: 14 Läufer gesperrt
Als besonders dopingverseucht gilt die Läufernation Kenia. Es gibt erhebliche Lücken und Verfahrensfehler im dortigen Dopingkontroll-System, wie die ARD und die englische "Sunday Times" herausgefunden haben. Der kenianische Athletenbetreuer Frimin Kiplagat Kipchoge beschreibt im Film, wie die Dopingkontrolleure des Leichtathletik-Verbandes gegen Regeln verstoßen:
"Die rufen dich vorher an und sagen dir, dass sie zu dir nach Hause kommen wollten. Wenn du dann sagst, du bist nicht da, machen sie eine neue Verabredung mit dir für den Test."
Laut WADA-Code müssen aber alle Kontrollen unangekündigt erfolgen. Wer dann doch positiv getestet wird, könne sich mit Zahlungen freikaufen, berichtet ein kenianischer Hindernisläufer. 14 kenianische Läufer sind derzeit gesperrt. Die WADA hatte das ostafrikanische Land wegen Doping-Verstößen im Mai als "non compliant", also nicht konform mit dem WADA-Code bezeichnet. Eine unabhängige WADA-Untersuchungskommission zu Kenia gibt es bisher allerdings nicht.
Spanischer Dopingarzt freigesprochen
Neben der russischen und kenianischen ist auch die spanische Anti-Doping-Agentur nicht von der WADA anerkannt, weil Spanien seine Gesetze nicht an den neuen WADA-Code angepasst hat. Spanien hätte zwei Jahre Zeit gehabt - es liegt also nicht daran, dass es seit einigen Monaten keine funktionierende Regierung hat.
Vor einem Monat wurde zudem der spanische Doping-Arzt Eufemiano Fuentes freigesprochen. Die Begründung: Doping war bei der Aufdeckung des Fuentes-Skandals vor zehn Jahren noch nicht strafbar - obwohl Fuentes hunderte Sportler beim Doping unterstützt haben soll. Immerhin werden die damals sichergestellten 200 Blutbeutel nun nicht, wie zwischenzeitlich angekündigt, vernichtet - sondern unter anderem der WADA ausgehändigt.
"Denn wir müssen die ganze Wahrheit kennen. Um Doping vorzubeugen, unsere Sportler dagegen zu schulen und um zu wissen, was in unserem System nicht funktioniert", so der Chef der spanischen Anti-Doping-Agentur, Enrique Gomez Bastida. Trotzdem: Spanien tut sich nicht gerade als oberster Aufklärer in Sachen Doping hervor.
Auch England schreibt negative Schlagzeilen
Auch in England steht ein Doping-Arzt im Fokus. Im April veröffentlichten WDR und Sunday Times eine Recherche. Demnach soll der Londoner Arzt Mark Bonar in den vergangenen sechs Jahren rund 150 Top-Athleten mit Dopingmitteln versorgt haben. Bonar berichtete einem Lockvogel vor versteckter TV-Kamera, dass er unter anderem Profifußballer der englischen Premier League, Boxer, Radprofis und Tennisspieler zu seinen Klienten zählte. Bonars Stimme ist hier nachgesprochen:
"Ich habe das schon mit vielen Sportlern gemacht. Jahrelang. So ziemlich aus jedem Sport. Die konsultieren mich diskret. Schließlich steht ihr Ruf auf dem Spiel, und meiner auch."
Der britische Leichtathletik-Trainer Toni Minichiello sagte daraufhin, diese Enthüllung werfe einen Schatten auf die Sommerspiele 2012 in London und die vielen britischen Medaillen: "Ich möchte weiter daran glauben, dass das britische Leichtathletik-Team ein ehrliches, ein sauberes Team war. Aber natürlich entstehen jetzt Zweifel."
Ein Whistleblower hatte die britische Anti-Doping-Agentur vor längerer Zeit auf Bonars Machenschaften hingewiesen, die hatte aber Anfang 2015 mitgeteilt, keine Grundlage für eine Ermittlung zu sehen. Vor wenigen Tagen teilte die britische Anti-Doping-Agentur mit, man habe einen grässlichen Fehler gemacht, der nie hätte passieren dürfen. Die Aufklärung lässt jedoch weiter auf sich warten.
Mangelhafte Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings
Aber auch in Deutschland tut man gut daran, nicht nur mit Fingern auf andere Nationen zu zeigen. Die Evaluierungs-Kommission Freiburger Sportmedizin hatte unter anderem auf flächendeckendes Doping im Radsport und Anabolikamissbrauch beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg hingewiesen. Querelen um die Unabhängigkeit der Kommission haben die Zusammenarbeit mit der Uni Freiburg aber inzwischen platzen lassen.
Und bei der Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings ist der Sport keineswegs so initiativ, wie er es gerne für sich reklamiert. Zum neuen Doping-Opfer-Hilfe-Fonds des Bundesinnenministeriums steuert der Deutsche Olympische Sportbund finanziell nichts bei. Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins, kritisiert den DOSB-Chef:
"Hier war es also so, dass Alfons Hörmann vor einem Jahr zwar die drastische Situation zur Chefsache erklärt hatte, aber dann dem BMI eine klare Absage erteilt hat. Also nichts, keinen Cent, kein Gespräch nach Form, keine Hilfe, sondern einfach deckeln und aussitzen."