Mittwoch, 20.02.2019
 
Seit 05:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteLegendäre Stoffe - hochmodern interpretiert26.01.2019

Doppeljubliäum an Pariser OpernLegendäre Stoffe - hochmodern interpretiert

Ein Fest für Opernfans: Die Pariser Oper wird 350 Jahre alt, die Bastille Oper 30. An beiden Häusern sind spektakuläre Premieren zu sehen. Ein selten gespieltes Stück von Scarlatti an der Pariser Oper und "die Trojaner" von Berlioz an der Bastille.

Von Franziska Stürz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Innenansicht der goldverzierten und samtbehangenen Opéra Garnier in Paris. (picture alliance / Xavier de Torres/ MAXPPP)
Die Opéra Garnier ist eines der beiden Opernhäuser, welches neben der Opéra Bastille zur staatlichen Institution Opéra National de Paris gehört. (picture alliance / Xavier de Torres/ MAXPPP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Pocket
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Rimski-Korsakows "Schneeflöckchen" in Paris Gefährliche Sonnenstrahlen

Grand Opéra von Hector Berlioz in Wien Schicksal gegen große Liebe

"Snegurotschka" an der Pariser Oper Vor Liebe schmelzend

Biblisches, oder antikes Drama? Selten zu hörendes Barock-Oratorium, oder romantisches Monumentalwerk? In Paris kann der Opernliebhaber derzeit beides haben. Die Pariser Oper feiert sich und das Genre mit zwei synchron stattfindenden Neuproduktionen, die jeweils einen mächtigen Bogen spannen zwischen legendärem Stoff und hochmoderner Interpretation. In Alessandro Scarlattis Oratorium " Il primo Omicidio" geht es um die Geschichte von Kains Brudermord aus dem alten Testament. Sechs Solisten verkörpern Adam und Eva, ihre beiden Söhne und die Stimmen von Gott und Luzifer. Scarlattis Musik ist eine Offenbarung an barockem Ausdruck, liefert betörend schöne Lamenti und mit Donnergrollen und Windessausen durchsetzte, sehr dramatische Momente. Dirigent René Jacobs entfaltet mit seinem B´Rock Orchestra einen wunderbar sanft dahinströmenden Sog, und das homogene Ensemble aus Barockspezialisten singt tadellos.

Schuld und Vergebung - Erbsünde und göttlicher Kampf

Regisseur Romeo Castellucci arbeitet zunächst mit überirdisch oszillierenden Lichteffekten und Farbspielen hinter matten Gazevorhängen und bewegt die Protagonisten in stilisierten Posen, die barocke Tanzhaltungen imitieren, oder manchmal an Robert Wilsons Körpersprache erinnern. Der Brudermord findet auf einem nächtlichen Feld statt, auf dem für den Rest des Abends Kinderdoubles mit vollem Körpereinsatz das szenische Spiel übernehmen. Die Sänger verbannt Castellucci dann in den Orchestergraben. Schuld und Vergebung , Erbsünde und göttlicher Machtkampf – man braucht gute Bibelkenntnisse um Castelluccis tiefgehender, assoziativer Deutung folgen zu können, und seine bedeutungsschwere Interpretation verliert gegen Ende des Werkes etwas an Spannung. Nicht so die Musik, die den gesamten Abend außergewöhnlich macht. Als Koproduktion kommt "Il primo Omicidio" auch an die Berliner Staatsoper, und man darf sich darauf freuen!

Düstere Straßenschluchten - ein bombastisches Bühnenbild

An der Bastille Oper geht es ebenfalls um die Frage, wie Menschen mit ihrer Schuld fertig werden. Regisseur Dmitri Tcherniakov zeigt das vom Krieg gezeichnete Troja als düstere Straßenschlucht mit Betonruinen und die Regierungszentrale von König Priamos als holzgetäfeltes Kabinettszimmer, in dem die gesamte Familie zum Foto posiert. Aeneas verliert seine Frau Kreusa, als die feindlichen Truppen im Schutzanzug die Stadt einnehmen. Auf ein Trojanisches Pferd verzichtet Tcherniakov in seinem bombastischen Bühnenbild.

Dido und Aeneas brauchen eine Therapie

Der zweite Teil der "Trojaner" spielt nicht etwa in Karthago, sondern in einem Reha-Zentrum für Kriegstraumatisierte. Hier wird in heller Umgebung Tischtennis gespielt und Yoga gemacht, und Dido braucht wie Aeneas dringend eine Therapie. Die Solisten meistern die enorme darstellerische und musikalische Aufgabe in diesem fünfstündigen Abend grandios. Brandon Jovanovich als Aeneas und Ekaterina Semenchuk als Dido sind auch als Traumatisierte ein wunderbar sich in Extase singenden Liebespaar. Aude Extrémo als Anna gehört hier zum Pflegepersonal und lässt mit ihrer vollen Altstimme aufhorchen. Auch Stéphanie d´Oustracs Kassandra ist herausragend gut gesungen und verkörpert. Philippe Jordan muss an manchen Stellen des mächtig sich verwebenden Klangteppich noch korrigieren, doch der Duktus stimmt, und das sich in Zeitlupe entfaltende Drama berührt, auch wenn das Pariser Publikum am Ende vehement gegen die Lesart des Regisseurs protestiert. Paris hat zwei überaus spannende Neuproduktionen für sein Doppel-Jubiläum herausgebracht, die vom Zuschauer eine intensive Auseinandersetzung fordern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk