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Dritter Onno-Viets-Roman
Mehr als nur ein mystischer Regionalkrimi

Onno Viets ist arbeitslos, Mitte 50, und beschließt, Privatdetektiv zu werden. Qualifikationen hat er keine, Talente auch nicht. In seinem dritten Band spinnt Frank Schulz die Geschichte des eigenwilligen Privatdetektivs nun weiter. Es ist ihm nicht nur ein mystischer Regionalkrimi gelungen, sondern auch der Höhepunkt seiner Buchreihe.

Von Maik Brüggemeyer | 30.09.2016

    Der Autor Frank Schulz posiert am 18.03.2015 im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne in Köln.
    Der Autor Frank Schulz im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne in Köln. (picture alliance/ dpa/ Rolf Vennenbernd)
    Frank Schulz gibt es auf der Landkarte der Literatur eigentlich zweimal. Einmal als Autor der autobiografisch geprägten, nach seinem niedersächsischen Heimatort bei Stade benannten Hagener Trilogie, in der er seinem alter ego Bodo Morten sprachmächtig durch allerlei Irrungen und Wirrungen, Trinkabende, Obsessionen und psychische Deformationen aus dem niedersächsischen Kaff Beeckdörp ins apollinische Hamburg, ins dionysische Harburg und schließlich ins bukolische Griechenland folgt. Und andererseits als Verfasser von, na, nennen wir es mal: zur Abschweifung neigenden Kriminalromanen um den Totalverweigerer und Lebensversager Onno Viets, einen gutmütigen Mittfünfziger, der seine lebenstüchtigeren Freunde – unter ihnen der Erzähler dieser Saga, der Anwalt Doktor Christopher Dannewitz – beim Tischtennisspiel auf Noppensocken und ohne einen Tropfen Schweiß zu vergießen zur Verzweiflung treibt. Der sich als Privatdetektiv versucht und in seinem ersten Abenteuer, "Onno Viets und der Irre vom Kiez", die Bekanntschaft des titelgebenden diabolischen Psychos von St. Pauli macht. Im zweiten Band, "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen", kehrt er nicht ganz unbeschadet von einer ziemlich heiklen Mittelmeerkreuzfahrt heim.
    Das Idyll wird nochmal interessant
    Der neue Schulz, "Onno Viets und der weiße Hirsch", liegt die Handlungszeit betreffend zwischen den ersten beiden Bänden, der Handlungsort wiederum befindet sich nah des Ursprungs der Hagener Trilogie. Onno leidet nämlich nach seinem ersten Abenteuer an Panikattacken und ist aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung zu seinen Schwiegereltern aufs Land geflohen. Finkloch heißt das niedersächsische Kaff, von durchreisenden Touristen auch "Funkloch" genannt. Ruhiger geht’s nun wirklich nicht. Und natürlich erkennt der kundige Leser hier schon, dass es in diesem Idyll noch mal interessant werden könnte, denn sowohl für spannende Geschichten als auch für große Literatur gilt immer: Mobiltelefone müssen ausgeschaltet sein – hätten sie nicht Maigret vom Denken und Odysseus vom Herumirren abgelenkt?
    Zunächst passiert aber im neuen "Onno" nicht viel, was in Romanen von Frank Schulz allerdings selten ein Nachteil ist, denn am besten ist der 59-jährige, wenn er seinem Leser unter der starken Lupe seiner Beobachtungsgabe das Vertraute zunächst noch vertrauter und schließlich ins Groteske vergrößert vollkommen fremd macht, wenn auf das Wiedererkennen das Erkennen und schließlich das erstaunte Lachen folgen. Den dörflichen Mikrokosmos von Finkloch stellt er uns im Mai 2005 auf dem 70. Geburtstag des pensionierten Försters Henry Baensch vor, Vater von Onnos Frau Edda. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier der Witwer Knut Wiesmann.
    "Heller als sein Haar noch strahlte das Gebiss, das eine Nummer zu groß schien"
    "Während Onno ihn auf die Straße lotste, um ihm die beiden Rehe zu zeigen – sie waren allerdings mittlerweile verschwunden –, begrüßte Edda Knut Wiesmann, den greisen Freund des Hauses. Vierzehn Jahre lang hatte er Henry als Forstwirt gedient (gemeinsam mit einem weiteren namens Klaus-Dieter Heinrich), und auch im Ruhestand noch weitere zehn Jahre. Mittelgroß war er und drahtig, und die Bräunung der Schädeldecke glänzte durch die Schäfchenwolke seines Schopfs. Heller als sein Haar noch strahlte das Gebiss, das eine Nummer zu groß schien. Ständig machte er Geräusche damit. Damit, und überhaupt. »Mensch, Edda ... mm-nn-rrrrrr ... Edda, Edda ... Mensch, ich bin vielleicht nervös, du! ... Ft, ft."
    Der unverwüstliche Wiesmann hat einige vokale, dentale und körperliche Ticks, nähert sich beispielsweise vorgebeugt, mit schrittweise vorrückendem Kinn quasi im Hahnentritt vorzugsweise Frauen unter 60, um ihnen, wie es heißt, "seine braun gebrannten Finger auf Schulter oder Schulterblatt" zu legen. Dem Selbstbild nach ist der Schwerenöter von der unverwüstlichen Konstitution eines Luis Trenker.
    "Onnos fast den Beschluss, wieder detektivtechnisch tätig zu werden"
    Drei Jahre später, Onno hat mittlerweile sein Refugium im frequenzarmen Kaff bezogen, kommt eben dieser Knut Wiesmann auf mysteriöse Weise ums Leben. Man findet ihn am Rand des sogenannten Mondwaldes leblos auf der Kanzel eines Hochsitzes kauernd, in seinem weißen Gebiss steckt ein Tannenzweig – ein letzter Bissen, der einem alten Jägerbrauch zufolge eigentlich dem erlegten Wild vorbehalten ist. Onnos Panikattacken melden sich zurück, Schwiegervater Henry scheint nach dem Ableben seines Freundes ebenfalls psychisch mitgenommen, schweigt, verhält sich seltsam und wird schließlich im Mondwald in einen Schusswechsel mit einer geheimnisvollen Person verwickelt, die ihr Zielfernrohr auf ihn gerichtet hat. Kurz darauf bricht er zusammen. Onno muss handeln.
    "Kurz nach Henrys Zusammenbruch war es, dass Onno den folgenschweren Beschluss fasste, wieder detektivisch tätig zu werden. Die Frauen waren dem Notarztwagen ins Klinikum Geestend gefolgt. Im Hause Zumfort wartete Onno auf telefonische Nachricht – die nach zwei Stunden in Form von Entwarnung auch kam: Es handele sich nicht um einen Herzinfarkt, sondern offenbar um eine schwere Panikattacke. Nicht sofort wollte sich Erleichterung bei Onno einstellen. Vielmehr drohte ihn die mittlerweile allgegenwärtig lauernde Verzweiflung stündlich heimtückisch anzuspringen, zu zerfleischen. Zwei tage lang war er drauf und dran, sich auf- zugeben ... doch dann, im Grunde aus dem nichts, erstarkte seine angeborene Widerstandskraft in Form eines Funkens von quasispiritueller Energie, einer Idee: wieder als Privatdetektiv tätig zu werden. Auftraggeber: er selbst. Auftragsgegenstand: Identifikation des rätselhaften Schützen mit dem lasergelenkten Zielfernrohr."
    Die Gegenwart scheint Onno mehr und mehr zu entgleiten
    Eine erste Fährte führt den Hobbydetektiv zu einer bayrischen Esoterikerin und Ex-Astro-TV-Moderatorin, der "Katzenzenzi", die sich im ehemaligen Försterhaus der Baenschs niedergelassen hat und im Mondwald ziemlich lukrative so genannte Vollmondseminare abhält. Doch schon bald stößt Onno auf eine zweite Spur, die ihn mitten in die dunklen Geheimnisse seiner angeheirateten Familie führt und somit zu zwei Verschollenen: Henrys angenommener Tochter Evelyn, die irgendwann von zu Hause floh und gerüchteweise in den terroristischen Untergrund ging, und seinen älteren Bruder Gustav, der nicht aus dem Krieg heimkehrte. Und während sich Onno immer tiefer in die Mysterien der Geschichte und des Okkultismus vergräbt, scheint ihm die Gegenwart – und damit auch seine geliebte Ehefrau Edda – zu entgleiten.
    "Onno Viets und der weiße Hirsche", ein mystischer Heimatroman, auf den die Schatten der deutschen Vergangenheit fallen, ist ohne Frage der Höhepunkt der Onno-Viets-Reihe, weil sich Schulz hier auf das besinnt, was er am besten kann: sich einfühlen, beschreiben, die Exzentrik des Gewöhnlichen aufspüren. Gerade weil er auf den grotesken Schauwert des ersten Bandes und die Kalauer des zweiten verzichtet, wird der tragikomische Held Onno Viets in seiner ganzen Komplexität und Tiefe sichtbar.
    Frank Schulz: "Onno Viets und der weiße Hirsch"
    Galiani Verlag, Berlin 2016
    368 Seiten, 19,99 Euro