Drohnenabwehr
Wo Deutschland seine hybride Abschreckung stärken muss

Drohnenvorfälle, Sabotage, Cyberangriffe: Experten sehen Deutschland gegen hybride Bedrohung nicht ausreichend gerüstet. Das neue Zentrum für Drohnensicherheit sei nur ein Schritt für mehr Sicherheit.

    Eine Drohne und ein Flugzeug am Himmel über Stacheldraht bei Sonnenuntergang
    Hybride Kriegsführung: Deutschland hat weiter Nachholbedarf bei der Sicherheit vor Drohnen (Symbolbild) (picture alliance / imageBROKER / Lilly)
    Deutschland ist nach Angaben der Bundesregierung täglich Ziel hybrider Kriegsführung. Dazu zählen auch Drohnenflüge, um militärische Standorte und kritische Infrastruktur auszuspähen. Das Bundeskriminalamt erfasste 2025 mehr als 1000 verdächtige Drohnenflüge. Anfang August 2026 entdeckte ein Busfahrer auf dem Flughafen Leipzig/Halle zufällig eine mit Sprengstoff beladene Drohne. In der Nähe standen ukrainische Frachtflugzeuge.
    Angesichts dieser Vorfälle wurde nun in Sachsen-Anhalt ein Forschungszentrum für Drohnensicherheit eröffnet. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bezeichnet es als „zentralen Baustein der Sicherheitsarchitektur gegenüber der hybriden Bedrohung durch Drohnen“.
    Die Politologin Ulrike Franke wertet es dagegen als „nur ein Puzzleteil in dem Ausbau unserer Fähigkeiten zur Drohnenabwehr“. Sie und weitere Experten warnen, Deutschland habe bei der hybriden Abwehr und Abschreckung insgesamt erheblichen Nachholbedarf.

    Inhalt

    Was das neue Zentrum für Drohnensicherheit bringen soll

    Es handelt sich um ein Bundesforschungszentrum auf dem Gelände eines früheren sowjetischen Militärflugplatzes in Cochstedt (Sachsen-Anhalt). Dort sollen Technologien für die Drohnensicherheit erforscht, entwickelt und unter realistischen Bedingungen erprobt werden.
    An dem Standort des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wird bereits seit Jahren militärische und zivile Forschung zur Drohnenabwehr betrieben. Der Bund stärkt das Testgelände mit zusätzlich zehn Millionen Euro und bis zu 40 neuen Stellen. Derzeit arbeiten dort rund 70 Menschen.
    Die Politologin Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations (ECFR) bewertet das neue Zentrum grundsätzlich positiv. Einen wichtigen Vorteil sieht sie darin, dass in Cochstedt auch Start-ups ihre Technologien testen. So könnten sie ihre Produkte schneller auf den Markt bringen. Sie erhofft sich eine enge Zusammenarbeit mit der Ukraine, die wie kein anderes Land über Erfahrung in der Drohnenabwehr verfüge. Allerdings muss Deutschland aus Sicht der Expertin noch deutlich mehr tun.

    Wo Deutschlands Defizite bei der Drohnenabwehr liegen

    „Es müssen mehr Drohnenabwehrsysteme beschafft werden“, sagt Franke. Das sei nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch des Tempos. Zahlreiche Systeme zur Drohnendetektion und -abwehr seien bereits auf dem Markt. Weil es jedoch ein Überangebot an Lösungen gebe, beobachtet Franke bei Entscheidungsträgern eine „Paralysierung“.  
    Ein weiteres Problem: unterschiedliche Zuständigkeiten bei der Drohnenabwehr. Deutschland verfügt zwar seit Dezember 2025 über ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum, in dem Bund, Länder, Sicherheitsbehörden, Bundeswehr und Nachrichtendienste Informationen austauschen und Einsätze koordinieren sollen. 
    Doch sicherer sei Deutschland dadurch „ausdrücklich“ nicht geworden, sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Heiko Teggatz. Er verweist auf das Beispiel Flughafen: „Für die Sicherung des Flughafengeländes ist der Betreiber zuständig, für die Gefahrenabwehr außerhalb des Zauns die Polizei der Länder, für die Gefahrenabwehr innerhalb des Flughafenzauns die Bundespolizei.“ Sein Fazit: „Ein Drohnenabwehrzentrum kann nur funktionieren, wenn die Zuständigkeit tatsächlich behördlich gebündelt bei einer Stelle ist.“
    Aus Frankes Sicht müsste das Zusammenspiel der Beteiligten spätestens bis Ende des Jahres besser funktionieren. Die Expertin sieht zwar Fortschritte bei der Drohnenabwehr, auch durch neue Befugnisse für die Bundeswehr und den Ausbau einer Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei.
    Insgesamt sei Deutschland gegen hybride Bedrohungen durch Drohnenangriffe, Cyberattacken und Sabotage aber weiterhin unzureichend aufgestellt. „Wir haben auch noch nicht die richtigen Antworten, wie wir da gerade Russland gegenübertreten können“, sagt sie.

    Was Deutschland für eine wirksamere hybride Abschreckung tun müsste

    Deutschland sollte hybride Angriffe konsequenter abschrecken, fordern mehrere Experten und Politiker in einem von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) veröffentlichten Papier. Mitautor Jan Stöckmann plädiert für eine bessere nachrichtendienstliche Aufklärung und eine gezielte Veröffentlichung von Erkenntnissen, um Angreifer bloßzustellen und deren Vorgehensweise zu erschweren. Zudem brauche es leistungsfähigere Antidrohnentechnologie sowie einen besseren Schutz kritischer Infrastruktur.
    Ziel müsse es sein, die Kosten für Angreifer zu erhöhen, etwa durch Sanktionen, Festnahmen, Ausweisungen oder Beschlagnahmungen. Auch könne man die Konten von Drahtziehern hacken. Dafür braucht die Bundesregierung nach Auffassung der Autoren mehr politischen Mut.  
    Als Beispiele für ein entschlosseneres Vorgehen nennt Stöckmann Großbritannien und Schweden. In deren Gewässern würden keine Tanker der russischen Schattenflotte mehr verkehren – „stattdessen nun vor der deutschen Küste“.

    Onlinetext: Beate Thomsen, Quellen: Deutschlandfunk