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StartseiteUmwelt und VerbraucherHerne als "Vorroller"05.06.2019

E-Scooter-StartHerne als "Vorroller"

Bundesweiter E-Roller-Start ist erst Mitte Juni, doch die Ruhrgebietsstadt Herne legt schon jetzt los. Ab sofort lassen sich Elektro-Scooter ausleihen, allerdings in einem begrenzten Umfang - um eine Roller-Überflutung in der Stadt zu vermeiden.

Von Kai Rüsberg

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E-Scooter stehen und liegen am Naschmarkt in Wien.  (Hans Klaus Tesch/APA/picture alliance )
Roller kreuz und quer wie hier am Naschmarkt in Wien - das will Herne verhindern (Hans Klaus Tesch/APA/picture alliance )
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Die kleinen Reifen rappeln auf den unebenen Straßen von Herne im Ruhrgebiet. Auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Steinkohle AG ist nun die Firma Circ ansässig. Viele Städte in Deutschland haben Sorge, von den abgestellten Rollern der Verleihfirmen überflutet zu werden, ähnlich wie im Ausland. Circ-Deutschland-Chef Max Hüsch hat deswegen mit der Stadt Herne schon früh eine Vereinbarung getroffen, in welchen Zonen wie viele Roller aufgestellt werden. "Es gibt Erfahrungen, die gezeigt haben, wie man es nicht macht. Wir glauben, wenn wir uns nachhaltig am Markt behaupten möchten, müssen wir mit den Städten zusammenarbeiten."

In anderen Großstädten ist die Situation mit wild abgestellten Rollern zum Teil außer Kontrolle geraten. Paris hat vor wenigen Tagen die Reißleine gezogen und beseitigt die Kleinstfahrzeuge, die verkehrswidrig oder behindernd auf Straßen, in Parks oder sogar in der Seine herumliegen. Gerome Comet, Bürgermeister des 13. Bezirks, südlich von Notre-Dame, warnte die Verleiher vor einem entschlossenen Durchgreifen, wenn sich nichts ändere: "Die Elektroroller, die wild auf den Bürgersteigen geparkt sind: Damit ist Schluss. Wir sammeln sie ein und bringen sie auf einen Sammelplatz. Ich werde dabei nicht locker lassen." 

Kombi-Tickets für Roller und ÖPNV

Der Herner Oberbürgermeister Frank Dudda versucht es mit einer vorwärts­ gewand­ten Strategie. Noch bevor eine Verordnung für Kleinfahrzeuge in Kraft tritt, hat er für 50 Tretroller der Firma Circ Einzelgenehmigungen ausgestellt, später sollen es 150 werden. "Weil wir das als Innovation sehen. Wir haben angefangen als Stadt ohne Hochschule. Mittlerweile haben wir die Spitzenforschung in diesem Bereich. Wir wollen transportieren, dass aus Spitzenforschung auch Produkte werden."

Herne sieht in den elektrisch angetriebenen Tretrollern eine Chance für die Verbesserung der Mobilität seiner Bürgerinnen und Bürger. Bürgermeister Dudda deutet an, dass auch Kooperationen mit den Verkehrsbetrieben geplant sind. Gedacht wird dabei an günstige Kombitickets per Smartphone-App. "Die meisten Leute denken nur an das Fahren. Hier geht es um Verein­barungen, die wir in der Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr abgeschlossen haben und vor allen Dingen in der Datennutzung. Der wahre Wert unserer Verein­barung liegt nicht im Fahren von Scootern, sondern in der Frage, wer kann die Bewegungsmuster-Daten aufnehmen. Hier haben wir erstmals eine richtungs­weisende Vereinbarung schließen können."

Circ-Tretroller sollen vorrangig stabil und sicher sein

Die Firma Circ ist bereits an sieben Standorten in Europa als Verleiher unterwegs, darunter Wien. Laut eigener Aussage fahren bereits 10.000 Roller, und in Kürze will das Berliner Start-Up auch in weiteren deutschen Städten starten. Für den deutschen Markt wurde ein neues, stabileres Modell entwickelt, dass in China gefertigt wird. Dadurch soll Vandalismus verhindert und die Haltbarkeit erhöht werden, beteuert Hüsch. "Wir haben von Anfang an gemerkt, dass das, was auf die europäischen Märkte und auf den amerikanischen Markt kommt, viel Konsumenten-Qualität aufweist, das heißt ein Kinderspielzeug, das mit einem Motor elektrifiziert wurde. Nur in den wesentlichen Aspekten Sicherheit und Qualität weist es große Probleme auf. Und deshalb haben wir von Anfang an darauf gesetzt, dass wir mehr Stabilität bieten." Alle Kabel laufen innen in den Holmen und sind mit einem Stahlgewebe vor Vandalismus geschützt. Ständer und Rahmen sind extra stabil und die Bremsen verstärkt. Circ will nicht die Fehler von Fahrradverleihfirmen wiederholen, deren Räder in vielen Großstädten schnell zu Schrott wurden. "Es gab dieses Problem mit den Fahrradanbietern. Wir möchten die Städte nicht fluten, was bedeutet: Immer wenn die Nachfrage da ist, werden wir das Angebot anpassen, und das hängt ganz stark davon ab, wie die Städte auch mit uns in Dialog treten und was da die Wünsche sind."

Entscheidend ist, wie das Angebot angenommen wird. Zehn Minuten Nutzung kosten 2, 50 Euro. Das ist so viel wie ein Busfahrschein für die ganze Stadt. Doch Circ setzt nicht nur auf Berufspendler als Kunden, sondern auch auf Touristen, die auf kleinen Rädern stehend die Sehenswürdigkeiten anrollern.
 
  

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