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StartseiteKalenderblattEin Ort wird zum Schreckenswort10.06.2012

Ein Ort wird zum Schreckenswort

Vor 70 Jahren wurde das tschechische Dorf Lidice völlig zerstört

Nichts sollte mehr an dieses Dorf erinnern: In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 löschten deutsche Truppen den mittelböhmischen Ort Lidice vollständig aus - ein grausamer Vergeltungsschlag für das Attentat auf Hitlers Prager Statthalter Reinhard Heydrich. 340 Männer, Frauen und Kinder fielen dem Massaker zum Opfer.

Von Doris Liebermann

Mitglieder deutscher Einheiten vor Leichen nach dem Massaker im böhmischen Ort Lidice. (picture alliance / dpa)
Mitglieder deutscher Einheiten vor Leichen nach dem Massaker im böhmischen Ort Lidice. (picture alliance / dpa)

"Diese Nacht, wenn wir nach der Mitternacht geweckt waren in den Häusern. Und wir mussten die Häuser verlassen und wurde uns gesagt: ‚Ihr geht für drei Tage in die Schule. Nehmt warme Kleidung und etwas zu essen mit und Ihr geht.’ An dem Dorfplatz wurden die Männer getrennt und die Frauen mit den Kindern wurden in die Schule geführt. Dann mussten wir auf Kraftwagen vor der Schule einsteigen und wurden nach Kladno, in eine Schule, wo gegenüber war die Amtsstelle von Gestapo."

Lidice hatte eine lange Geschichte, bevor es von einem Tag auf den anderen von der Landkarte verschwand. Es war 700 Jahre alt, hatte 503 Einwohner und 102 Häuser. 14 Höfe, eine Mühle, drei Wirtshäuser, ein paar Läden, eine Kirche. So behielten die Frauen ihr Heimatdorf in Erinnerung, als sie weggebracht wurden. Sie ahnten nicht, dass sie es nie wiedersehen würden. Eine dieser Frauen war Mila Kalibová. Sie war damals neunzehn Jahre alt.

"Und am dritten Tag sind mehrere Gestapo-Männer gekommen und sagten: ‚Ihr geht für eine Zeit in ein Lager, geht mit dem Zug, und die Kinder gehen mit dem Bus, damit die Reise für sie bequemer wäre.’ Gewaltsam wurden die Kinder von den Müttern getrennt, die wollten nicht gehen. Natürlich wollten sie nicht gehen. Es weinten beide Seiten."

Die Frauen kamen in das KZ Ravensbrück. Dort starben viele von ihnen. 98 Kinder wurden ihren Müttern weggenommen. Zehn Kinder wurden "eingedeutscht", sieben kamen in ein Prager Kinderheim. Die Suche nach den anderen wurde 1949 eingestellt. Man ging davon aus, sie seien im Vernichtungslager Chelmno vergast worden.

Am 10. Juni 1942 meldete der deutsche Rundfunk:

"Nachdem die Einwohner dieses Dorfes durch ihre Tätigkeit und durch die Unterstützung der Mörder von SS-Obergruppenführers Heydrich gegen die erlassenen Gesetze schärfstens verstoßen haben, sind die männlichen Erwachsenen erschossen, die Frauen in ein Konzentrationslager überführt und die Kinder einer geeigneten Erziehung zugeführt worden. Die Gebäude des Ortes sind dem Erdboden gleichgemacht, und der Name der Gemeinde ist ausgelöscht worden."

Die Zerstörung des Dorfes war ein Racheakt auf das von der tschechoslowakischen Exilregierung in London geplante Attentat gegen Reinhard Heydrich, den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Am 27. Mai 1942 hatten der Tscheche Jan Kubis und der Slowake Jozef Gabcik in einer engen Straßenkurve in Prag eine Granate in Heydrichs offenen Wagen geworfen. Er wurde so schwer verletzt, dass er am 4. Juni starb. Die Gestapo verhängte das Standrecht und leitete eine umfangreiche Fahndung nach den Attentätern ein.

Lidice fiel in Verdacht, weil zwei junge Männer des Dorfes in der tschechoslowakischen Auslandsarmee in Großbritannien dienten. Die beiden waren aber bereits seit September 1939 verschollen. Ohne irgendwelche Beweise nahm die Gestapo die Verwandten dieser beiden Soldaten fest – sieben Frauen und acht Männer – und erschoss sie.
Ein Exekutionskommando erschoss weitere 173 Männer an der Scheunenwand eines Bauernhofes. Auch Mila Kalibovás Vater war darunter. Dann steckten die Soldaten die Häuser in Brand, sprengten die Kirche, zerstörten den Friedhof.

Die Frauen von Lidice blieben drei Jahre im KZ Ravensbrück. Einmal im Monat durften sie ihren Verwandten schreiben. Die Verwandten verschwiegen die schreckliche Wahrheit.

"Die Mithäftlinge, die später nach uns kamen, die wussten es schon im Lager. Aber weil sie unsere Situation der Verzweiflung sahen, es wurde ihnen verboten, uns etwas zu sagen von den älteren Häftlingen. Also wir wussten die ganze Zeit es nicht. Wir hofften, dass unsere Familienmitglieder noch leben. Erst 47, wenn 17 Kinder gefunden wurden, haben wir von einem Zeugen in Polen erfahren, dass die Kinder in Lodz in Lastkraftwagen geführt wurden und so vergast. 82 Kinder."

Da, wo einst Lidice stand, halten heute eine Gedenkstätte und ein Museum die Erinnerung an das Schicksal des Dorfes und seiner Bewohner wach. Nach dem Krieg entstand in unmittelbarer Nähe des alten Lidices eine neue Siedlung.

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