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Ein Pfund gegen Rogge

Die Olympischen Jugendspiele in Singapur sind eröffnet, und so richtig weiß immer noch niemand, wozu sie da sind. IOC-Präsident Jacques Rogge hatte sein Projekt vor drei Jahren absegnen lassen. Es gab nur eine ausgefeilte Argumentation gegen Rogges Plan - sein größter Kritiker hat nun Konsequenz bewiesen.

Von Jens Weinreich | 14.08.2010

    Richard Pound gehört zu den verdienstvollsten IOC-Mitgliedern. Doch im Reich des Jacques Rogge wurde er aufs Abstellgleis geschoben. Pound ist zu unbequem. Er ist Olympier durch und durch. Aber er ist ein aufrechter Zeitgenosse, der sich eine eigene Meinung leistet - damit gehört er zu einer seltenen Spezies in der Vollversammlung von Opportunisten und Karrieristen.

    Pound hat oft genug Rückgrat bewiesen und unbequeme Wahrheiten ausgesprochen. Ob einst als Chef der hausinternen IOC-Detektive, die den olympischen Bestechungsskandal um Salt Lake City aufklären sollte, als eigentlicher IOC-Präsident in jenem fulminanten Krisenwinter 1998/99, oder als Gründungsvater der Weltantidopingagentur WADA.

    Pound hat sich mit seiner offenen Art und dem Kampf gegen Doping und Korruption keine Freunde gemacht im IOC. Aber er bleibt sich treu - und so bleibt er, der einzige Kritiker der Olympischen Jugendspiele, diesem Mini-Olympia für Kinder fern. Richard Pound erklärte dem Deutschlandfunk exklusiv, dass er einen Familienurlaub vorzieht und nicht nach Singapur kommt, wo bis Ende August fast alle der 115 IOC-Mitglieder erwartet werden.

    Es wäre heuchlerisch, es wäre verlogen, bei einer Veranstaltung zu erscheinen, die er so vehement kritisiert hatte und von der er immer noch nicht überzeugt ist, teilt Pound mit. Zitat:

    "Ich werde nicht noch mehr Geld des IOC für eine teure Reise zu etwas ausgeben, an das ich nicht glaube!"

    Pounds Fernbleiben ist natürlich auch eine Ohrfeige für den IOC-Präsidenten Jacques Rogge, der sich am Tag der Eröffnung der Jugendspiele als Renovator der Olympischen Spiele dargestellt hat und erstmals ganz klar öffentlich verkündete, dass man einige der neuen Events und Disziplinen der Jugendspiele zügig auch bei den echten Olympischen Spielen übernehmen werde. Man darf davon ausgehen, dass Rogge diese Programmänderungen noch auf seiner letzten Session als IOC-Präsident, in drei Jahren in Buenos Aires, durchziehen will.

    Pound dagegen hat das Konzept dieser Jugendspiele in Frage gestellt. Rogge redet unentwegt davon, ein weltweites Bildungs- und Erziehungsprogramm anzubieten. Pound hielt schon auf der historischen IOC-Session 2007 in Guatemala dagegen, das IOC erreiche mit den Jugendspielen nicht viel mehr als jene Jugendlichen, die ohnehin schon Sport treiben, also nur eine Elite von vielleicht zwei Prozent. Und Pound hat seine Überzeugung deutlich gemacht, dass er das Dopingproblem durch diese Jugendspiele weiter in die unteren Altersklassen verlagert sieht.

    Der Sportwissenschaftler Eike Emrich, langjähriger Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hat grössten Respekt vor der Entscheidung von Richard Pound. Und er weiß, dass fast alle hohen Sportfunktionäre anders denken:

    "”Man ist dort, wird gefeiert, begegnet sich gegenseitig. Also man entkoppelt Denken, Reden und Randeln, und das Ganze noch damit garniert, dass es angeblich um die olympische Idee geht. Die betrieblichen Entgleisungen muss man sich ja nicht direkt anschauen.”"

    Walther Tröger dagegen, IOC-Ehrenmitglied und langjähriger Kollege von Pound, meint, es wäre besser gewesen, Pound hätte sich die Jugendspiele angesehen, um dann seine Kritik noch fundierter vorzubringen.

    "”Das akzeptiere ich auch. Ich bin mit Dick Pound befreundet, seit vielen Jahren, seit den Spielen in Montreal haben wir eine enge Beziehung. Ich habe häufig mit ihm diskutiert, war oft auf seiner Linie, nicht immer, muss ich sagen. Aber ich habe für eine solche Haltung durchaus Verständnis. Nun muss man auch sehen: Ihm sind auch nicht alle Früchte gereift, die er gerne geerntet hätte. Das spielt vielleicht eine Rolle. Aber er ist sehr sachkundig. Er diskutiert zur Sache und er entscheidet zur Sache. Und wenn er der Meinung ist, nein zu sagen und dabei zu bleiben, dann akzeptiere ich das.”"

    Tröger spielt darauf an, dass Pound bei der IOC-Präsidentenwahl 2001 nicht nur Rogge, sondern auch dem korrupten Koreaner Kim Un Yong unterlegen war. Das hat er nie verwunden.

    Ein neues Kapitel in der Geschichte der Olympischen Spiele sei eröffnet, sagte Rogge auf der Eröffnungsfeier der Jugendspiele in Singapur. Derjenige, der einige Kapitel Olympias geschrieben hat, fehlte.