Mittwoch, 08. Februar 2023

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Ein Ritual stirbt aus

An Weihnachten holt manch einer seine besten Tropfen aus dem Weinkeller, damit das Weihnachtsmenü so richtig genossen werden kann. Zum Genießen gehört bislang auch das Ritual des Entkorkens, doch der Naturkorken ist auf dem Rückzug.

Von Katrin Russ | 24.12.2010

    Korkbauer Adolfo Miravet zeigt stolz einen großen Korb mit Naturkorken, die er an einen seiner Kunden, einen spanischen Winzer verkauft. Was Adolfo Miravet besonders mit Stolz erfüllt: Er ist der erste Korkbauer in Europa, dessen Korken das Waldgütesiegel FSC- Forest Stewardship Council tragen. Ein Naturkorken- er schützt nicht nur den Wein, sagt Adolfo Miravet, er schützt auch die Natur.

    "Viele Waldstücke mit Korkeichen sind schon jetzt verlassen, weil zum einen der Trend für andere Weinverschlüsse stark zugenommen hat und zum anderen gibt es immer mehr Menschen, die wegziehen aus den Dörfern der Arbeit wegen. Und wenn dann die Wälder keiner pflegt, wachsen zum Beispiel die Kiefern immer schneller und breiten sich über den Korkeichen aus, verdecken sie und sie bekommen schließlich kein Licht mehr, werden krumm und gehen ein."

    50 bis 60 Jahre müssen die Eichen hier im Osten Spaniens wachsen, bevor sie erstmals geschält werden können. Alle 12 bis 14 Jahre ist Erntezeit- ein nachhaltiges System, das die Bäume am Leben lässt und gleichzeitig die Familien der Brüder Miravet und ihrer Arbeiter ernährt. Die Korkeichenwälder sind ein Juwel der Vielfalt und das Rückgrat einer ganzen nachhaltigen Wirtschaft. 135 Pflanzenarten haben Biologen in diesen Beständen gezählt. Iberische Luchse und Wildschweine tummeln sich im Unterholz. Ohne die Naturkorkenproduktion droht dieser Landschaftsraum unterzugehen, warnt Pedro Regato von der Weltnaturschutzunion IUCN.

    "Der Lebensraum von Beutetieren und Greifvögeln würde ganz zerstört werden und sie müssten sich einen anderen Ort suchen. Teilweise ist das auch schon so. In kleinen Studien hat sich bereits gezeigt, dass sich Tiere ein anderes zuhause gesucht haben. Im schlimmsten Falle sterben diese auch aus. Man muss diese ökologischen Folgen aber auf ein Jahrzehnt circa hochrechnen."

    Derzeit sind die ökologischen Folgen noch nicht so gravierend. Umso mehr aber spürt Korkbauer Miravet die finanziellen. Die Zukunft des über hundert Jahre alten Familienbetriebs ist ungewiss.

    "Mit den Jahren ist der Korkabsatz gesunken und von Jahr zu Jahr schließen Korkfirmen. In diesem Jahr haben drei oder vier aus der Umgebung zugemacht. Und wir mussten drei Mitarbeiter entlassen."

    Der Duft von Zimt, Vanille, Karamell und Eukalyptus hängt in der Luft, wenn die Korkeichen im Sommer geschält werden. In der Sierra de Espadán in der Nähe von Valencia produzieren Adolfo und sein Bruder León Miravet sechs Millionen Weinkorken pro Jahr. Die Preisspanne liegt zwischen drei Cent und 1,50 Euro pro Korken. Im Schnitt kostet ein Espadán Korken einen Euro. Handarbeit hat ihren Preis erklärt Miravet.

    "Die Baumrinde wird mit der Hand vom Baum abgebrochen. Und die Hänge unserer Wälder sind so steil, dass Esel den Kork ins Tal schleppen müssen."

    Mit Maschinen, die sich seit Generationen kaum verändert haben, werden die Stopfen in der kleinen Fabrikhalle von Espadán Corks ausgestanzt, geschliffen, sortiert. Die Plastikkonkurrenz setzt Adolfo und seinem Bruder zu. Synthetische Pfropfen sind schon für fünf Cent zu haben.

    "Deshalb haben wir derzeit auch eine Überproduktion an Korken geringer Qualität. Es ist sehr schwer, diese zu verkaufen. Wir können mit den großen Multinationalen nicht mithalten."

    Die Brüder Miravet suchen deshalb im Luxussegment ihr Heil. Ein Edelpfropfen für edle Tropfen. Denn selbst Weine, die 15 bis 20 Jahre lagern sollen, haben mit den Espadádan Korken kein Problem. Kindergarten- und Schulgruppen werden ab und an durch die Wälder und Fabrikhallen geführt. Man möchte zeigen und sensibilisieren, was alles hinter einem auf den ersten Blick simplen Korken steckt. Wegen des Sparkurses den Spanien in Folge der Finanzkrise einschlagen musste, können die Korkbauern jetzt mit Finanzhilfen vom Staat nicht mehr rechnen. Doch Adolfo hat schon eine Idee: Mit einigen Restaurantbesitzern hat er vereinbart, künftig den Gästen bei der Auslese nicht nur die Weinflaschen zu präsentieren, sondern auch den Espadán-Korken. Und den dürfen die Weinkenner dann als kleines Präsent mitnehmen.