Sonntag, 29. Mai 2022

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"Ein sehr, sehr angenehmer Zeitgenosse"

Der ehemalige Grüne Otto Schily hat Baden-Württembergs designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann als eine respektable Persönlichkeit bezeichnet, von der man eine pragmatische Politik erwarten könne. Er halte viel von Kretschmanns Motto: "Erst das Land und dann, mit großem Abstand, die Partei und meine Person."

Otto Schily im Gespräch mit Friedbert Meurer | 12.05.2011

Friedbert Meurer: Es war das Jahr 1983, nach den vorgezogenen Bundestagswahlen: Gut zwei Dutzend Grüne ziehen in den Bonner Plenarsaal im Wasserwerk ein, in selbst gestrickten Pullovern, viele mit langen Bärten und mit Sonnenblumen in der Hand. Seitdem ist viel passiert: Die Grünen haben Landesminister gestellt, einen Bundesaußenminister und heute wird mit Winfried Kretschmann in Stuttgart im Landtag von Baden-Württemberg der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

Ich begrüße am Telefon jemand, der in den Anfangszeiten bei den Grünen war, dann nach zehn Jahren zur SPD gewechselt ist, nämlich den ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily. Guten Morgen, Herr Schily!

Otto Schily: Guten Morgen.

Meurer: Freuen Sie sich, dass heute ein Grüner Ministerpräsident wird?

Schily: Ja die Freude ist etwas geteilt. Wir hätten natürlich lieber einen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten in Stuttgart gewählt. Aber ich werde Winfried Kretschmann ein Glückwunschschreiben übersenden. Das ist eine durchaus beachtliche Persönlichkeit, respektable Persönlichkeit, von dem können wir eine pragmatische und bodenständige Politik erwarten, natürlich mit sehr starker ökologischer Betonung – das kann dem Land auch nur gut tun.

Meurer: Sie kennen ihn von früher?

Schily: Ich kenne ihn von früher. Ich finde, er ist ein sehr, sehr angenehmer Zeitgenosse und war ja immer auch bei den Grünen auf der realpolitischen Seite verankert. Also er gehört eigentlich zu dem Urbestand der Realos bei den Grünen, hat immer diese pragmatische Linie bevorzugt. Mir hat sehr gut gefallen ein Satz, der jetzt nach der Wahl gefallen ist, den er da geprägt hat, und wenn er sich daran hält, dann, glaube ich, wird er auch Erfolg haben: Erst das Land und dann mit großem Abstand die Partei und meine Person. Das ist ein sehr guter Vorsatz und wie gesagt, das ist eine gute Leitlinie für den Beginn einer neuen politischen Formation in Baden-Württemberg.

Meurer: Was wäre passiert, wenn der Satz "erst das Land" irgendwann in den 80er-Jahren auf einer Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen gefallen wäre?

Schily: Das wäre durchaus denkbar gewesen. Nur Sie wissen, in den Anfangsjahren der Grünen war zunächst mal ja vollkommen verpönt, sich eine Regierungsbeteiligung vorzustellen. Ich war der Erste, der seinerzeit 83 schon, also in dem Jahr, in dem wir erstmals in den Bundestag – wir sage ich jetzt, weil ich damals auch bei den Grünen war -, als die Grünen das erste Mal im Bundestag waren, habe ich ja schon davon gesprochen. Wenn man den ersten Schritt tut, in die parlamentarische Verantwortung sich hinein begibt, dass man dann auch die Zielsetzung haben muss, an der exekutiven Verantwortung sich zu beteiligen. Das galt am Anfang noch als Verstoß gegen alle grünen Prinzipien. Man wollte die Antiparteien-Partei sein ...

Meurer: Und das drückte sich ja auch in Äußerlichkeiten aus, dass die Grünen Pullover trugen, Sie allerdings Anzug und Schlips. Heute läuft jeder zweite Grüne in Anzug und Schlips herum.

Schily: Ja. Selbst Jürgen Trittin trägt jetzt einen Dreiteiler, das hat auch, sagen wir mal, vom Outfit sich ein bisschen gewandelt. Aber ein bisschen ist auch von dieser pittoresken Szene auch geblieben.

Meurer: Und wie gefällt Ihnen der äußerliche Wandel der Grünen?

Schily: Da ist natürlich ein Stückchen Anpassung darin, aber ich kann darin nichts Böses erkennen. Man muss ja auch nicht sein Anderssein immer auf eine Weise betonen, die dann doch nicht so hineinpasst. Aber wie gesagt, die Grünen sind trotzdem immer noch ein buntes Völkchen, und ich glaube, wenn man objektiv urteilt, dann muss man einfach anerkennen, dass die deutsche Parteienlandschaft, die Politik insgesamt durch diese neue Gruppierung erheblich gewonnen hat. Die ganzen Debatten sind anders verlaufen. Sie wissen, dass ich heute nicht mit allem einverstanden bin, was die Grünen politisch für richtig halten. Da gibt es durchaus kontroverse Themen. Aber ich fühle mich den Grünen immer noch freundschaftlich verbunden, ungeachtet dieser Kontroversen, die wir in fairer Weise ausgetragen haben.

Meurer: Was würde wohl, Herr Schily, Petra Kelly heute sagen, die Mitbegründerin und Ikone der Grünen, wenn sie die Grünen im Jahr 2011 sehen würde und heute in Stuttgart dabei wäre?

Schily: Ja, das ist schwer zu beantworten. Ich halte Petra Kelly für eine der größten Persönlichkeiten in der Grünen-Bewegung. Ich gehe sogar so weit zu sagen, ohne die Petra Kelly wären die Grünen nie entstanden. Sie war eine ungeheuer dynamische und charismatische Figur, ist auf sehr tragische Weise umgekommen, ums Leben gekommen, aber ihr wäre wahrscheinlich das heutige Leben etwas fremd. Petra Kelly war eigentlich nicht so sehr im Parlament, das war nicht ihr größtes Wirkungsfeld. Ihr größtes Wirkungsfeld war sozusagen die außerparlamentarische Szene, da hat sie ihre größten Erfolge auch in Symbolaktionen, und ich bin überzeugt, sie hätte da auch Betätigungsfelder gefunden, gerade im internationalen Bereich. Wie sie sich dann in diese neue Struktur der Grünen mit sehr starkem realpolitischen Gepräge hineingefunden hätte, das kann man schwer beurteilen.

Meurer: Heute wird Winfried Kretschmann in Stuttgart aller Voraussicht nach zum Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt. Er wäre der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte überhaupt. Danke schön, Otto Schily, ehemaliger Bundesinnenminister und ehemaliger Grünen-Politiker. Danke und auf Wiederhören!

Schily: Auf Wiederhören.
Der designierte baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l, Grüne) und SPD-Landeschef Nils Schmid
Der designierte baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l, Grüne) und SPD-Landeschef Nils Schmid (picture alliance / dpa)