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StartseiteKalenderblattEine neue Epoche der Autopflege08.08.2012

Eine neue Epoche der Autopflege

Vor 50 Jahren meldeten zwei Augsburger Unternehmer eine Waschanlage für Kraftfahrzeuge zum Patent an

Der Samstag war lange Zeit rituell für die Handwäsche des Autos reserviert. Doch im August 1962 begann eine neue Epoche der Autopflege: Die Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger meldeten ein Patent für eine "selbsttätige Waschanlage für Kraftfahrzeuge" an.

Von Georg Gruber

Zu den beliebtesten samstäglichen Freizeitbeschäftigungen der Deutschen gehört seit jeher das Auto waschen. (picture alliance / dpa / gms NSU)
Zu den beliebtesten samstäglichen Freizeitbeschäftigungen der Deutschen gehört seit jeher das Auto waschen. (picture alliance / dpa / gms NSU)

Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind. Das war nicht immer so. Um 1900 hatte es noch viele Feinde, denn es machte Krach und zog Staubfahnen hinter sich her. Leisten konnte es sich sowieso nur, wer Geld hatte. Und der hatte dann auch das Personal, um sein neues Prestigesymbol waschen und polieren zu lassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann im Zuge des Wirtschaftswunders die Motorisierung der breiten Bevölkerung.

"Es war wie ein Dammbruch."

Schreibt Wolfgang Sachs in dem Buch "Die Liebe zum Automobil".

"In den 13 Jahren zwischen 1960 und 1973 vervierfachte sich die Anzahl der Pkw, verdreifachte sich die Anzahl der gefahrenen Autokilometer, und verdoppelte sich die Streckenlänge der Bundesautobahnen. (...) Es begann die geräderte Gesellschaft."

Und damit veränderte sich der Alltag der Deutschen. Samstags wurde nun rituell das Auto gewaschen, per Hand, manchmal vom Tankwart, meist aber vom stolzen Besitzer selbst. Auf dem Hof, auf der Straße vor dem Haus oder im flachen Wasser von Seen und Flüssen. Damals freute man sich noch über das Farbenspiel der Ölschlieren auf der Wasseroberfläche.
Dann begann eine neue Autopflegeepoche. Am 8. August 1962 meldeten die Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger ein Patent an, für eine "selbsttätige Waschanlage für Kraftfahrzeuge".

"Schmutzige Autos können in Augsburg, so unglaublich dies auf Anhieb klingen mag, jetzt kurzerhand in die Waschmaschine wandern."

Schrieb die Augsburger Allgemeine und berichtete von Neugierigen aus der ganzen Bundesrepublik.

"Dabei hat es den Anschein, als seien die zwei jungen Erfinder aus Augsburg auf das Ei des Kolumbus gekommen. In ihrem Schnauferl-Waschsalon ist keine Arbeitskraft mehr nötig. Das ist deshalb außerordentlich wichtig, weil kaum noch Autowäscher aufzutreiben sind. Ihre Arbeit wird durch klug ausgetüftelte Maschinen übernommen."

In den USA gab es bereits seit den 30er-Jahren automatische Waschanlagen, wenn auch anderen Typs. Beim Augsburger Modell, das sich leicht in bestehende Hallen einbauen ließ, kreisten rotierende Bürsten um das Auto. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Wesumat, die Firma der beiden Erfinder, ist heute nach verschiedenen Fusionen und Umbenennungen Weltmarktführer im Bau von Maschinen für Autowaschanlagen.

1966 meldete der Spiegel, dass bereits 30 Prozent der Autofahrer Waschanlagen benutzten, doch das Geschäft war stark witterungsabhängig:

"Als größtes Geschäftshindernis fürchten die Wasch-Unternehmer anhaltendes Regenwetter, weil ihr Service dann nur wenig in Anspruch genommen wird. Der nasse Sommer 1965 beispielsweise hat dem Gewerbe ‘übel mitgespielt’."

Inzwischen gibt es mehr als 17.000 Waschanlagen in Deutschland, an fast jeder Tankstelle. Viele Städte und Gemeinden untersagen aus Umweltschutzgründen das Waschen von Autos auf Straßen und Plätzen. Und doch putzen noch immer rund ein Fünftel der Wagenbesitzer ihre Autos vor der eigenen Haustür. Aus Liebe, so "Die Zeit":

"Nie ist der Mensch dem Auto inniger verbunden, als wenn er beim Schamponieren selbst Hand anlegt. (...) Vielleicht ist das der Grund, warum die erotische Beziehung des Mannes zu seinem Auto oft länger ihre Intensität behält als die zur Ehefrau."

Die besten Kunden der Waschanlagen sind heute die verunsicherten Vertreter der Mittelschicht. Sie demonstrieren ihre gesellschaftliche Stellung mit permanent blitzsauber glänzenden Autos, die ständig so aussehen, als seien sie gerade erst ausgeliefert worden. Fabrikneu - alles andere wäre der erste Schritt in Richtung sozialer Abstieg. Für die, die wirklich Geld haben, eröffnete vor vier Jahren in Zürich eine Luxuswohlfühloase für Mensch und Fahrzeug. Während der vierrädrige Freund gewaschen, gewachst und poliert wird, kann man stilvoll in der Lounge und Piano-Bar im ersten Stock warten und durch den gläsernen Boden die Pflege des Autos verfolgen. Und man kann auch gleich seinen Hund abgeben, den zweitbesten Freund des Menschen, zum Waschen, Schamponieren und Föhnen, in der Doggy-Wösch-Station.

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