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Einschätzungen aus der Finanzwelt
2016 prima, 2017 risikoreich?

Die deutsche Wirtschaft ist im letzten Jahr um 1,9 Prozent gewachsen und hat damit die Erwartungen vieler Volkswirte übertroffen. Angekurbelt wurde sie vom privaten und staatlichen Konsum. Für ein langfristiges Wachstum fehle es aber an Strukturreformen und neuen Impulsen, meinen Finanzexperten.

Von Brigitte Scholtes | 12.01.2017

    Symbolbild Konsum
    Der private Konsum hat zum positiven Wirtschaftswachstum beigetragen. (dpa / Marc Müller)
    Das Wirtschaftswachstum ist im vergangenen Jahr mit 1,9 Prozent leicht besser ausgefallen als von den meisten Volkswirten erwartet. Treiber waren wieder der private und auch der staatliche Konsum, die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen haben jedoch im gesamten Jahr zu wünschen übrig gelassen. Da deute sich zum Jahresende ein Lichtblick an, sagt Stefan Mütze, Volkswirt der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen:
    "Auf der anderen Seite haben wir jetzt eine sehr günstige Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe, wir hatten ja jahrelang eine eher schwache Entwicklung. Zuletzt sind die Auftragseingänge hier sehr stark gestiegen, die Kapazitätsauslastung ist gestiegen. Und das deutet doch darauf hin, dass jetzt auch die Investitionen, die im letzten Jahr noch mal schwach verlaufen sind, dass da mehr kommen kann in diesem Jahr."
    Impulse aus der Bauwirtschaft erwartet
    Impulse könnten auch aus der Bauwirtschaft kommen, vor allem aus dem Wirtschafts- und dem öffentlichen Bau. Zumindest habe die Wirtschaft im vierten Quartal an Tempo gewonnen, sagt Stefan Mütze:
    "Das deutet darauf hin, dass wir ein Wachstum gehabt haben von 0,5 Prozent. Das heißt, wir gehen mit Schwung in das neue Jahr, haben einen deutlichen Überhang, und das ist eigentlich schon mal eine positive Basis für 2017."
    Doch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Diba, ist skeptischer:
    "Es ist eigentlich Wachstum, was in der Theorie immer am Ende eines positiven Zyklus kommt, normalerweise endet ein Aufschwung so. Ein Aufschwung endet mit starkem Wachstum im Inland, mit starkem Wachstum im Bausektor und endet dann irgendwann mit etwas höherer Inflation, mit höheren Löhnen, und danach folgt der Abschwung.
    Wir können uns im Augenblick freuen darüber, das ist positiv. Es ist auch ein noch einigermaßen nachhaltiges Wachstum. Aber gleichzeitig merkt man schon, dass neue Strukturreformen und neue Impulse fehlen."
    Konsum bleibt wesentlicher Treiber
    So reichen seiner Ansicht nach bisher die Investitionen in Digitalisierung, in die Energiewende und in Innovationen noch nicht aus. Bei Strukturreformen dürften in diesem Jahr die Politiker zurückhaltend sein: Es stehen schließlich Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen an und natürlich im September die Bundestagswahl. Noch profitiere die deutsche Wirtschaft von den für Deutschland eigentlich zu niedrigen Zinsen und von den staatlichen Investitionen für Flüchtlinge. Vorerst bleibe der Konsum der wesentliche Treiber.
    Die Ausfuhren jedenfalls sind es nicht mehr – das lag im vergangenen Jahr an der schwierigeren Wirtschaftslage in China, am Brexit-Referendum und der insgesamt noch relativ schwachen europäischen Konjunktur. Ob der Export mittelfristig auch bedingt durch den schwachen Euro seine Rolle als Hauptstütze der deutschen Konjunktur wiedererlangen könnte, daran hat ING-Diba Volkswirt Brzeski Zweifel:
    "Normalerweise hätten deutsche Exporte viel mehr davon profitieren müssen. Das gibt so ein bisschen an, dass sich eventuell der ganze Welthandel verändert. Wir sehen eine Verschiebung weg vom Verarbeitenden Gewerbe, also weg vom Maschinenbau hin zu Dienstleistungsgesellschaften. Und wenn dieser Wandel sich wirklich durchsetzt, dann müssen wir in Deutschland stark umdenken, dann müssen wir auch bei diesem Wandel mitmachen. Ansonsten wird der Export in den nächsten Jahren ausfallen als Wachstumstreiber."