Einschränkungen in der CoronakriseDer Breitensport und die Hoffnung auf Bewegung

Nahezu jeder Gesellschaftsbereich hat laut nach einer Öffnungsperspektive in dieser Coronakrise gerufen - auch der organisierte Sport. Nun gibt es Lockerungen, doch vieles bleibt unbefriedigend und unklar, kritisieren Vereinspräsident Peter Völker und Christoph Niessen vom Landessportbund NRW im Dlf.

Christoph Niessen und Peter Völker im Gespräch mit Marina Schweizer | 07.03.2021

Ein dunkle und leere Sporthalle mit einem Handball-Tor.
Die Sportstätten bleiben bisher noch unbenutzt (imago images / Patrick Scheiber)
Der Breitensport ist tief in der Gesellschaft verankert: Es gibt in Deutschland rund 90.000 Sportvereine mit rund 28 Millionen Mitgliedern. Einen neuen Ansatz gibt es seit dieser Woche: Je nach Bundesland, je nach Pandemielage, dürfen Kinder beispielsweise wieder draußen in größeren Gruppen Sport betreiben.
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Öffnungsperspektive für den Breitensport
In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten DOSB und DFB eine Öffnungsperspektive für den Breitensport gefordert. Bund und Länder sind diesem Ruf gefolgt.
Peter Völker ist ehrenamtlicher 1. Vorsitzender der Turngemeinde Bornheim, mit über 30.000 Mitgliedern einer der größten Breitensportvereine Deutschlands. In der Coronazeit habe man sehr viele Erfahrungen in der digitalen Welt gesammelt, berichtet er, unter anderem Trainingseinheiten per Livestream. Damit habe man sogar ein Mitglied in Australien dazu bekommen.

"Manchmal fehlt das Verständnis"

Man habe einiges angeboten, auch für die Kinder. "Aber ich sage Ihnen eines: Das ersetzt nicht den persönlichen Kontakt." Vieles ginge einfach zu Hause nicht beim Turnen. Zudem fehle der persönliche Kontakt. "Und was natürlich auch absolut fehlt, ist der ganze Wettkampf. All das ist seit über einem Jahr weg, und da fehlt die Freude. Da fehlt so vieles. Manchmal fehlt auch das Verständnis, weil die Politik sicherlich auch nicht alles dabei richtig gemacht hat."
Verschwommenes Bild der Beine von Teilnehmern in einer Sporthalle.
Breitensport während Corona - Große Vereine, große Probleme
Zwei Shutdowns haben die Vereine erlebt. Wie schlimm die Folgen sind, ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Eine Tendenz zeigt sich aber: Die größeren Sportvereine haben mehr zu kämpfen.
Die oft kritisierten politischen Grundsatzbeschlüsse muss Christoph Niessen, Vorsitzender des Vorstands und der Geschäftsführung beim Landessportbund NRW, von der Bundes- auf die Landesebene übersetzen. "Die grundsätzliche Frage lautet immer: Was heißt das denn jetzt eigentlich? Und damit ist auch schon die ganze Problematik beschrieben."
Es fange bei den Begrifflichkeiten an. "Was ist Individualsport oder Kontaktsport? Kontaktsport ist Boxen, Ringen, Judo. In der Verordnung wird unter Kontaktsport etwas ganz anderes verstanden. Dort zählt beispielsweise auch Fußball als Kontaktsport, weil Menschen dort miteinander in Kontakt kommen." Niessen fordert einfachere Sprache, Fall-Beispiele und mehr Vorbereitungszeit.

"Es gibt noch keine Teststrategie"

Und noch eines ist laut Niessen trotz Ankündigung noch gar nicht klar: die Teststrategie. "Es gibt noch keine Teststrategie. 18.000 Vereine in NRW mit 5 Millionen Mitgliedern - sagen wir mal, die Hälfte davon wollte jetzt aktiv werden. Einmal in der Woche. Dann müssten wir alleine für den Vereinssport in Nordrhein Westfalen pro Woche zweieinhalb Millionen Tests durchführen. Die Frage ist, wer bezahlt die? Und die Frage ist auch: Wo bekommt man die überhaupt her?"
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Peter Völker von der Turngemeinde Bornheim nennt die Beispiele Österreich und Pflegeheime, wo die Schnelltests bereits im Einsatz sind: "Ich könnte mir auch vorstellen, wenn die Tests kostenlos sind, dass wir unsere Kindergruppen, Juniorengruppen, einmal die Woche bei uns testen." Völker erinnert auch an die Senioren im Verein, die meist schon die zweite Corona-Impfung hinter sich haben und dennoch nicht zum Seniorenturnen dürfen.

Hilfen werden abgerufen - von kleinen Vereinen

Es gebe momentan noch eine große Solidarität der Mitglieder in den Vereinen - aber es gebe auch Fluktuation. Diese werde momentan nicht durch Neuzugänge abgefangen. Kleine Vereine verzeichnen laut Landessportbund NRW einen Mitgliederrückgang von drei bis vier Prozent. 800 Vereine hätten die Soforthilfe-Programm bereits abgerufen. "10 Millionen Euro sind ausgezahlt worden, die das Land uns zur Verfügung gestellt hat, um sie über ein Förderportal sehr einfach, unkompliziert abzuwickeln."
Die Großvereine verzeichnen laut Niessen Mitgliederrückgänge durchweg im zweistelligen Bereich: zwölf bis sogar 20 Prozent. Dennoch seien sie bisher noch nicht in Zahlungsschwierigkeiten, denn sie nutzten Kurzarbeitergeld. "Sie lassen sich Kredite bei den Banken stunden, et cetera. Deswegen profitieren sie davon nicht. Das sind auch nicht die Summen, die ihnen helfen", gibt Niessen zu bedenken.
Der organisierte Sport habe durch die Coronapandemie immerhin auch einen Digitalisierungsschub erfahren. Doch Niessen warnt: "Kinder vor den Fernseher zu stellen und digitale Sportangebote machen zu lassen, das ist das eine. Aber Kinder wollen sich begegnen. Sie wollen sich miteinander messen. Sie wollen in Kontakt miteinander sein. Das brauchen sie unabdingbar. Nur dann kann der Sport und der Vereinssport wirklich auch seine volle Wirkung entfalten."