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StartseiteUmwelt und VerbraucherEinst innerdeutscher Todesstreifen, jetzt Naturraum19.06.2002

Einst innerdeutscher Todesstreifen, jetzt Naturraum

Wie steht es um das 'Grüne Band’?

<strong> Bis zum 20.6.2002 findet der diesjährige deutsche Naturschutztag statt, eine Veranstaltung, auf der sich so gut wie alle Vertreter der deutschen Umweltverbände treffen und über den Naturschutz diskutieren sowie über neue Ideen und gemeinsame Vorhaben austauschen. Im Rahmen dieser Veranstaltung erfolgt heute auch eine Bestandsaufnahme zum sogenannten "grünen Band". Damit ist der ehemalige Grenzstreifen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gemeint, den früher kein Mensch, der dazu nicht befugt war, betreten durfte. Für die Natur war dieser Todesstreifen natürlich ein Glücksfall, denn sie konnte sich dadurch ungehindert entfalten. Dieses Naturrefugium sollte nach der deutsch-deutschen Vereinigung erhalten bleiben, so der Wunsch der Umweltverbände. Was ist aus diesem Wunsch geworden? </strong>

von Lutz Reidt

Majestätisch thronen die beiden Holzpfeiler auf der Anhöhe. Eichenstämme sind es, zwölf Meter hoch. Und ein Tor bilden sie. Das WestÖstliche Tor bei Duderstadt im Eichsfeld. Heute wird es eingeweiht, als Symbol der deutschen Wiedervereinigung und als Mahnmal, dass das Schutzwürdige der ehemaligen innerdeutschen Grenze erhalten bleibt. Nämlich die längste Biotopverbundkette Europas, die im Schatten des Eisernen Vorhanges vier Jahrzehnte lang wachsen und gedeihen konnte. Matthias Fanck, der künstlerische Leiter des Projektes "WestÖstliches Tor", steht nun inmitten der beiden Eichenstämme, und erspäht über den blühenden Rosenbüschen im ehemaligen Grenzstreifen einen aschgrauen Vogel mit zimtbraunem Rücken: den Neuntöter:

Wir haben hier regelmäßig Neuntöter, ein Vogel, der sehr selten geworden ist. Wir haben regelmäßig Braunkehlchen, wir haben alle möglichen Arten von Grasmücken, die hier oben singen, fast immer kreist der Rotmilan über uns hier, und es gibt natürlich in der Insektenwelt und auch in der Pflanzenwelt viele Raritäten; also es bietet eigentlich wertvolle Artenausstattung des Grünen Bandes, so wie wir uns das wünschen.

Dennoch ist die Zukunft des Grünen Bandes als Biotopverbundkette unsicher, das wird auch hier im Eichsfeld bei Duderstadt deutlich. Auf einer Strecke von acht Kilometern ist diese Biotopkette im Eichsfeld intakt, dann jedoch reißt sie unvermittelt ab. Hochwertige Böden wie hier geraten allzu leicht unter den Pflug, wie die Biologin Dr. Liana Geidezis vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Nürnberg bedauert:

Immer wieder Acker, Intensivgrünland. Da spiegelt sich natürlich wider, dass die Böden sehr, sehr gut sind im Eichsfeld. Die Landwirtschaft drückt gerade dort sehr auf das Grüne Band, wo eben die Böden sehr gut sind. Das haben wir auch in anderen Bereichen im Grünen Band. In der Magdeburger Börde, auch sehr hochwertige Böden für die Landwirtschaft. Dort ist das Grüne Band zum Teil schon völlig zerstört, kann man überhaupt nichts mehr sehen. Im Süden setzt sich das genauso fort, in Südthüringen, im Landkreis Sonnenberg ist das Grüne Band auch schon zerstört durch Acker.

Bislang sind aber nur fünf Prozent des Grünen Bandes zerstört. Der überwiegende Teil ist immer noch intakt. Vor allem deshalb, weil vielerorts die Besitzverhältnisse noch nicht eindeutig geklärt sind. Alteigentümer haben bislang mehr als 4.000 Anträge gestellt, sie könnten bei einem positiven Bescheid die Flächen für 25 Prozent des gegenwärtigen Verkehrswertes zurückkaufen. Doch selbst wenn dies geschähe, könnte das Grüne Band erhalten bleiben:

Der BUND kauft Flächen von Privateigentümern, die ihre Grundstücke schon zurück erhalten haben, in drei Bereichen entlang des Grünen Bandes. Das ist mehr im Norden, in Sachsen-Anhalt, ein wunderschöner Bereich, wo man noch Kraniche findet, wo Fischotter im Grenzstreifen vorkommen; oder im Eichsfeld, in der Mitte vom Grünen Band, um auch dort unser WestÖstliches Tor zu erstellen; dort ist das Grüne Band auch sehr modellhaft entwickelt und es kommen auch sehr seltene Tierarten im Eichsfeld vor, vom Laubfrosch bis hin zum Schwarzstorch; und im Süden vom Grünen Band, in Südthüringen im Landkreis Sonneberg. Da haben wir 120 Hektar im Grünen Band schon angekauft von Privateigentümern, um vielleicht damit auch andere Privateigentümer dazu zu bringen, entweder ihre Flächen an uns zu verkaufen oder gar vielleicht zu verschenken oder vielleicht auch selber zu behalten, um es dann aber dem Naturschutz zur Verfügung zu stellen.

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