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Elizabeth II.
Königin mit Herrschaftswissen

Der Besuch Queen Elizabeth II. in Deutschland ist 50 Jahre nach dem ersten eher historischer Natur. Doch sollte man ihr politisches Wirken nicht unterschätzen. Gleich ihr erster Premier war ein gewisser Winston Churchill, der Beginn einer unprätentiösen, aber keinesfalls einflusslosen Regentschaft.

Von Jochen Spengler | 23.06.2015
    Damals noch Prinzessin Elizabeth, begrüßt die spätere Queen Winston Churchill (März 1950)
    Damals noch Prinzessin Elizabeth, begrüßt die spätere Queen Winston Churchill (März 1950) (afp)
    Im September wird Queen Elizabeth II. die in der Geschichte am längsten amtierende britische Monarchin sein und den Rekord von Königin Victoria von 63 Jahren, sieben Monaten und drei Tagen einstellen. Entscheidender Unterschied zur Ururgroßmutter:
    "Sie hat keine Macht mehr, aber das ist der Grund ihres Erfolges. Auch der Grund, warum sie nicht abgeschafft wurde, während in Russland, in Wien und in Berlin sind diese ganzen großen Möchtegern-Kaiser und –Zaren hinweggefegt worden von der Geschichte. Weil sie einen Grundfehler gemacht haben: Sie haben die Demonstrationen ihres Pomps für eine Demonstration ihrer Macht gehalten."
    Sagt der Publizist und Queen-Biograph Thomas Kielinger, um noch hinzuzufügen:
    "Die britische Monarchie aber hat ihre Macht allmählich an die Politik vollkommen übergeben."
    Die Queen ist als Staatsoberhaupt nur noch oberste Repräsentantin, allerdings von immerhin sechszehn Staaten, unter anderen von Australien, Kanada und natürlich vor allem: vom vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland.
    Unerschütterliches Pflichtgefühl
    Nie war sie so beliebt wie heute und von ihren Umfragewerten im Volk können Politiker nur träumen. Ihr Ansehen hat sich Elizabeth II. durch unerschütterliches Pflichtgefühl und Stehvermögen hart erarbeitet:
    "Sie ist zu einem nationalen Schatz geworden genau wie Queen Victoria, ihre Ururgroßmutter. Sie hat einfach so lange durchgehalten und so viel Disziplin gezeigt, das muss man bewundern"
    Sagt Karina Urbach, Historikerin an der Universität Cambridge.
    Noch mit ihren 89 Jahren nimmt die Queen hunderte Termine im Jahr wahr: Empfänge, Besichtigungen, Begegnungen. Sie ist bestens informiert über die Lage im Land, allerdings schreibt sie nur die jährliche Weihnachtsansprache und die Rede ans Commonwealth selbst.
    Doch während Politiker, Premierminister und Regierungen kommen und gehen, steht Elizabeth II. als neutrale Instanz über der Partei- und Tagespolitik.
    "Diese Überparteilichkeit, dass man eben jemanden hat, der keine politischen Interessen verfolgt, das ist etwas, was die Briten an ihr schätzen. Und dann natürlich auch das, was man nach Max Weber dieses Herrschaftswissen nennt, dass sie eben so viele Leute gekannt hat, von Chruschtschow angefangen bis zu ihren eigenen vielen Premierministern. Sie hat dieses lange Wissen."
    Nur drei wissen Bescheid im Königreich – darunter, natürlich, die Queen
    Ihr Sohn Prinz Andrew meint, es gebe nur drei Leute im Staat, die wirklich Bescheid wüssten: der Schatzkanzler, der Premier und die Queen selbst. Seit 64 Jahren empfängt sie den jeweiligen Regierungschef zur vertraulichen Audienz. Der Hofberichterstatter Robert Jobson sagt:
    "Sie hat jede Woche die Konversation mit ihrem Premierminister. Sie rät ihm, sie leitet ihn – eine äußerst weise Frau, wenn man sich vorstellt, dass ihr erster Premierminister Sir Winston Churchill war. Sie hat so viel erlebt, so viele Menschen getroffen, ist unglaublich erfahren. Das ist ein großes Plus für einen jungen Premierminister, von dieser Weisheit zu profitieren. Da spielt die Queen eine große Rolle."
    Ex-Premierminister Tony Blair von der der sozialdemokratischen Labour-Partei stimmt zu:
    "Ich habe ihr in meiner Zeit eine Menge erzählt. Sie ist wie keine andere die Person, mit der man eine vollkommen vertrauliche Unterhaltung führt und sie wird nicht weitergetragen."
    Auch Blairs Vorgänger als Premier, der konservative John Major, hält die wöchentlichen Audienzen für ausgesprochen nützlich.
    "Wo sonst kann man mit einem Menschen sprechen in der absoluten Gewissheit, dass es vollkommen unter vier Augen bleibt. Deswegen sind die Gespräche sehr frei und unverblümt und hilfreich."
    Exekutive Macht also übt die Königin nicht aus, wohl aber einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Auch darauf, wohin ihre Reisen ins Ausland führen sollen, was sie dort besichtigt und wen sie trifft. Denn jede ihrer über 260 offiziellen Auslandsvisiten in über 100 Staaten wurde in enger Abstimmung zwischen ihr, dem Premier- und dem Außenminister festgelegt. Weswegen wir eines mit Sicherheit annehmen dürfen: Ihr fünfter Staatsbesuch in Deutschland, findet - 50 Jahre nach dem ersten - auf ausdrücklichen Wunsch Ihrer Majestät statt.