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Empörung über BildungsministeriumIsrael verbannt Liebesroman aus Schulen

Eigentlich erzählt die israelische Autorin Dorit Rabinyan in ihrem Roman "Borderlife" eine simple Liebesgeschichte. Doch das Bildungsministerium hat die Lektüre des Buchs in Israels Schulen verboten. Der Grund: Es ist eine Liebe zwischen einer jüdischen Israelin und einem Palästinenser.

Von Peter Kapern | 31.12.2015

Eine Tafel in einem Klassenzimmer einer Schule, aufgenommen am 10.03.2015 in Leipzig.
An Israels Schulen soll ein Buch über eine Liebesgeschichte nicht im Unterricht besprochen werden. (Symbolbild) (pa/dpa/Ending)
Es ist eine Mischung aus Spott und Empörung, die sich da seit heute früh über die Spitze des israelischen Bildungsministeriums ergießt. Kommentatoren in Zeitungen und Radiosendern zerreißen Minister Naftali Bennett und seine Top-Beamtin Dalia Fenig förmlich in der Luft, in den sozialen Netzwerken brodelt es, und Schriftsteller zeigen sich in zahlreichen Interviews fassungslos. Fassungslos darüber, dass der Roman "Borderlife" der israelischen Autorin Dorit Rabinyan in israelischen Schulen nicht mehr gelesen werden darf. Was auch die Schriftstellerin selbst fassungslos macht:
"Das Kultusministerium hat das Buch abgelehnt wegen des Themas, wegen unserer Angst vor dem Verlust der jüdischen Identität. Wir haben 2.000 Jahre in der Diaspora gelebt und uns trotzdem nicht assimiliert. Jetzt leben wir aber mit fließenden Grenzen zwischen den jüdischen und den arabischen Menschen. Und jetzt glauben die im Ministerium, man könnte die zarten Seelen von Jugendlichen vor der Realität schützen, indem man sie von einem Roman fernhält, der sich mit dieser Frage beschäftigt."
Autorin erhält Bernstein-Preis
Auf eine Art ist es eine simple Liebesgeschichte, die Dorit Rabinyan da erzählt. Ein Mann und eine Frau verlieben sich. Aber wenn die Geschichte nicht mehr als das zu bieten hätte, dann wäre sie nicht mit dem renommierten Bernstein-Preis für junge israelische Autoren ausgezeichnet worden.
Die Frau in Dorit Rabinyans Roman heißt Liat, sie ist Übersetzerin. Der Mann heißt Hilmi, er ist Künstler. Beide laufen sich in New York über den Weg, wo sie einen Winter verbringen. Fernab ihrer Heimat. Liat, die Frau, stammt aus Tel Aviv, sie ist Jüdin. Hilmi stammt aus Ramallah, er ist ein palästinensischer Moslem.
Kehrtwende im Bildungsministerium
Der große alte Mann der israelischen Literatur, Amos Oz, war tief beeindruckt, als das Buch vor eineinhalb Jahren erschien. Beeindruckt waren auch viele Literaturlehrer in Israel. Und die beantragten, das Buch auf eine Lektüre-Liste für alle staatlichen Schulen zu setzen. Der zuständige Ausschuss des Bildungsministeriums stimmte zu. Und dann plötzlich die Kehrtwende. Dalia Fenig, eine Spitzenbeamtin, untersagte die Lektüre des Buchs in Israels Schulen. Und kurz darauf gab ihr der Minister Naftali Bennet von der rechten Siedlerpartei Rückendeckung.
Mit messerscharfem Sarkasmus seziert die Zeitung "Haaretz" heute die Begründung des Lektüre-Verbots. Jugendliche seien nicht in der Lage, heißt es im Ministeriums-Entscheid, die Bedeutung der Beibehaltung der Identität eines Volkes zu ermessen. Die Zeitung übersetzt das in die Umgangssprache. Und dann lautet der Satz: Das Erziehungsministerium ist gegen die Vermischung jüdischen und arabischen Blutes. Und deshalb kommt der Kolumnist zu dem Ergebnis: In Israels wichtigstem Ministerium wird gerade eine Rassentheorie institutionalisiert. Angesichts der massiven Kritik ruderte das Ministerium bereits zurück. Das Verbot könne demnächst nochmal überprüft werden.
Im Armeesender Galatz gab es heute früh ein Hörerrätsel. Die Frage: Wie viele der sechseinhalb Millionen Juden und eineinhalb Millionen israelischen Araber lassen jedes Jahr den Albtraum des Bildungsministeriums wahr werden und heiraten? Die Hörer tippten auf tausende, manche gar auf zehntausende solcher Eheschließungen pro Jahr. In Wahrheit sind es nur etwa zwanzig.