
Von Leipzig bis Dormagen: Angriffe auf die kritische Infrastruktur in Deutschland häufen sich. Einer Recherche von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR zufolge haben Behörden in diesem Jahr bereits 165 mutmaßliche Fälle von Sabotage registriert. Das gehe aus einer BKA-Analyse hervor, die Spionage, Attacken auf Stromleitungen und Bahntrassen, Cyber- und Drohnenangriffe aufführt. Angesichts dieser Gefahren wächst die Debatte über die Widerstandsfähigkeit unserer Infrastruktur und notwendige Reaktionen des Staates.
Was zählt zur kritischen Infrastruktur (KRITIS)?
Für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind kritische Infrastrukturen (KRITIS) Einrichtungen mit „wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“.
Dazu zählen die Bereiche Energie, Transport und Verkehr, Finanz- und Versicherungswesen, öffentliche Verwaltung, Gesundheit, Ernährung, Trinkwasser, Abwasser, Abfallentsorgung, IT, Telekommunikation und Weltraum.
Sabotage 2026: Wo Stromnetze und Flughäfen angegriffen wurden
Der versuchte Drohnenangriff auf dem Flughafen Halle/Leipzig ist der bekannteste Sabotageakt der vergangenen Wochen. Anfang August 2026 entdeckte ein Mitarbeiter eine Drohne mit Sprengstoff und Zündtechnik. Die Bundesregierung macht inzwischen Russland für den Angriff verantwortlich.
Anfang September häufen sich Vorfälle an Umspannwerken:
- Im zwischen Köln und Düsseldorf gelegenen Dormagen wurde am 3. September an einem Umspannwerk vermutlich eine Abschussvorrichtung entdeckt. Nach dem Eingang eines Bekennerschreibens geht die Polizei von einem Sabotageakt aus.
- Kurz zuvor hatte es auch in Bergheim westlich von Köln einen Anschlag auf ein Umspannwerk gegeben. Die Ermittler gehen auch hier von verfassungsfeindlicher Sabotage aus.
- Auch an einem Umspannwerk in Jänschwalde in Brandenburg wurden am 2. September Sprengvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden. Brandenburgs Innenminister schließt nicht aus, dass „fremde Mächte“ dahinterstecken.
- An einem Umspannwerk in Ganderkesee im niedersächsischen Landkreis Oldenburg wird derzeit ermittelt. Die Hintergründe sind noch unklar
Während es in keinem dieser Fälle zu größeren Stromausfällen kam, sah die Lage im Januar 2026 in Berlin anders aus: Mutmaßlich linksextreme Täter kappten Starkstromleitungen nahe einem Kraftwerk. Rund 45.000 Haushalte, Geschäfte und Firmen sowie Krankenhäuser und Pflegeheime waren tagelang ohne Strom. Zu dem Anschlag bekannten sich die linksextremen „Vulkangruppen“.
KRITIS-Dachgesetz & Drohnenabwehr: So schützt der Staat
Einen absoluten Schutz kann es nicht geben, da es praktisch nicht möglich ist, etwa die Tausenden Umspannwerke in Deutschland lückenlos zu überwachen. Maßnahmen konzentrieren sich daher nicht nur auf die Prävention, sondern auch auf die Schaffung alternativer Versorgungswege, die das System widerstandsfähiger gegen Ausfälle machen.
Am 17. März 2026 trat das KRITIS-Dachgesetz in Kraft. Es soll Anlagen und IT-Systeme widerstandsfähiger machen und verpflichtet Unternehmen in Bereichen wie Energieversorgung, Gesundheitswesen oder Wasserversorgung zu strengeren Sicherheitskonzepten und Notfallplänen.
Darüber hinaus änderte sich im März 2026 das Luftsicherheitsgesetz. Demnach darf die Bundeswehr künftig auf Anordnung der Polizei Drohnen abschießen. Um der zunehmenden Zahl von Drohnenangriffen zu begegnen, hatte die Bundespolizei bereits im Dezember 2025 eine spezialisierte Einheit zur Abwehr von Drohnen sowie ein neues Drohnenabwehrzentrum eingerichtet, das Bundesländer, Bundespolizei und Bundeswehr enger miteinander vernetzen soll.
Sicherheitslücken: Warum die Kritik am KRITIS-Dachgesetz wächst
Knapp ein halbes Jahr nach seinem Inkrafttreten gibt es noch viel Kritik am KRITIS-Dachgesetz. IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug, Vorsitzender der AG Kritische Infrastruktur, bezeichnet das Gesetz als weitgehend leere Hülle. Tatsächlich sind die entscheidenden Rechtsverordnungen nicht ausgearbeitet, etwa was Betreiber kritischer Infrastruktur konkret tun müssen und dürfen, beispielsweise bei der Videoüberwachung.
Für Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energiebetreiber, sind strenge Datenschutzbedingungen ein Hindernis, das eine Überwachung erschwere. Er fordert zudem, den Einsatz eigener Drohnen zu ermöglichen und gegebenenfalls auch fremde Drohnen abschießen zu dürfen.
Sicherheitsexperte Manuel Atug plädiert hingegen für mehr Präventivmaßnahmen wie Schutzzäune oder Mauern und Zugangskontrollen. Zur Drohnenabwehr könnten wie in der Ukraine auch Käfige um Umspannwerke gebaut werden.
Nun ist Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gefordert. Derzeit wird innerhalb der Bundesregierung und in Abstimmung mit den Ländern über neue Befugnisse für die Drohnenabwehr und weitere Schutzmaßnahmen beraten.







