Montag, 03. Oktober 2022

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Erneut Tote nach Taliban-Angriff
Muss Trump den Afghanistan-Rückzug überdenken?

US-Präsident Donald Trump will die Zahl von derzeit 14.000 in Afghanistan stationierten Soldaten auf 8.600 reduzieren. Nach einem erneuten Angriff der Taliban mit mehreren Toten fordern jetzt auch Republikaner, Trump solle seine Pläne nochmals überdenken.

Von Sebastian Hesse | 04.09.2019

US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede zur US-Politik in Afghanistan.
Im US-Kongress gibt es keinen klaren Frontverlauf in der Afghanistan-Frage (AFP/Nicholas Kamm)
Nach 18 Jahren Militärpräsenz am Hindukusch sind die meisten Amerikaner den zermürbenden Endlos-Einsatz leid. 3.500 Soldaten der USA und ihrer Verbündeten sind seit 2001, seit Beginn der Mission nach dem 11. September, in Afghanistan ums Leben gekommen. Trump wäre gerne der Präsident, der die US-Truppen nach Hause holt:
"Sehen Sie, wir sind genau aus einem Grunde da: Wir wollen nicht, dass Afghanistan ein Laboratorium für Terror ist. Das haben wir beendet! Wir haben eine Menge Leute aus dem Verkehr gezogen: Von ISIS und von El Kaida!"
Trump macht Druck
Trump macht Druck auf seine Unterhändler, die Verhandlungen mit den Taliban in Doha zu beschleunigen. Die Islamisten sollen ihre Verbindungen zu internationalen Terrororganisationen kappen. Und zusagen, dass Afghanistan nie mehr sicherer Hafen für El Kaida und ähnliche Gruppierungen sein wird. Im Gegenzug stellt Trump einen schrittweisen Truppenabzug in Aussicht. Taliban-Vertreter, - wie hier der Sprecher ihres Verbindungsbüros in Doha, Suhail Shaheen, geben sich im US-Fernsehen als seriöse Verhandlungspartner:
"Das ist unser Land! Hier geht es um unsere Freiheit und unser Überleben! Wenn die jetzige Generation nicht siegt, wird eine neue Generation übernehmen, um die Besatzung zu beenden. Das ist ein Generationenkrieg. Je schneller wir ihn beenden, desto besser: Für beide Seiten."
Keine falschen Hoffnungen schüren
In der amerikanischen Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, die Taliban würden für die afghanische Nation sprechen und verhandeln. Daher warnen Kenner des Landes am Hindukusch davor, die komplexe Lage zu sehr zu vereinfachen und damit in der Öffentlichkeit falsche Hoffnungen zu schüren. Ketti Davison hat als Offizier in der US-Armee gedient und leitet jetzt das Institute For The Study Of War, das Institut für Kriegsstudien in Washington. Davison im National Public Radio:
"Ein Friedensvertrag zwischen den USA und den Taliban: Da gibt es aber noch viele andere Akteure, die bei den Verhandlungen nicht dabei sind. Nicht zuletzt El Kaida und ISIS. Diese Gruppierungen haben keine Veranlassung, die Waffen niederzulegen oder sich an einen Waffenstillstand zu halten, dem die Taliban zugestimmt haben."
Ebenfalls nicht beteiligt: Die afghanische Regierung. Deren Vertreterin in Washington, Botschafterin Roya Rahmani, sprüht in Radiointerviews nicht gerade vor Optimismus:
"Nun, die Verhandlungen finden bislang zwischen den Taliban und der US-Regierung statt. Wir sind erst dabei, wenn die Taliban sich auch mit den Vertretern des afghanischen Volks zusammensetzen. Man kann die wieder integrieren: Dafür müssten die Taliban aber anerkennen, wo Afghanistan heute steht. Die müssen ihre barbarischen Ansichten aufgeben und dürfen uns nicht zurückwerfen in unserer Entwicklung."
Bislang sind nur grobe Konturen dessen bekannt, was die USA den Taliban in Aussicht stellen: Die derzeit 14.000 in Afghanistan stationierten Soldaten sollen zunächst auf 8.600 reduziert werden, so Trump letzte Woche. Das geht einigen seiner Parteifreunde schon zu weit. Etwa dem republikanischen Senator aus South Carolina,
"Ich bin besorgt, dass der Präsident den gleichen Fehler wiederholen könnte, den Obama im Irak gemacht hat. Wenn wir abziehen und unsere Sicherheitsinteressen an die Taliban delegieren, - dass die sich um El Kaida und ISIS kümmern -: Das wäre eine desaströse Entscheidung!"
Im Kongress gibt es keinen klaren Frontverlauf in der Afghanistan-Frage. Befürworter und Kritiker eines baldigen Truppenabzugs gibt es in beiden Lagern.