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StartseiteMusikjournalBriefe von Debussy mit viel Wortwitz und Ironie19.03.2018

Erste deutsche ÜbersetzungBriefe von Debussy mit viel Wortwitz und Ironie

Claude Debussy hat 451 Briefe an seine Verleger geschrieben. Nun wurde diese Korrespondenz erstmals ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Der Leser erfährt vom wechselvollen Leben des Komponisten: wie er mit dem eigenen Anspruch ringt, wie er Scheidung und Krankheit durchlebt.

Von Dagmar Penzlin

Zeitgenössische Aufnahme des französischen Komponisten Claude Debussy. Debussy wurde am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye geboren und starb am 25. März 1918 in Paris. | Verwendung weltweit (picture-alliance / dpa)
Debussy schreibt in seinen Briefen mit viel Wortwitz und Ironie, außerdem mit sehr eigenwilliger Zeichensetzung. (picture-alliance / dpa)

Komponieren wollen und es nicht können – Claude Debussy kannte diese Art Schreibblockade. Natürlich litt er darunter, wie einem Brief an Jacques Durand im Frühjahr 1906 zu entnehmen ist.

Zitat aus den Briefen: "Mein lieber Freund, ich modere weiter vor mich hin in den Werkstätten des Nichts [...] Sie können sich die Angst nicht vorstellen, die einem dieser Zustand verschaffen kann ... Selbst wenn man unterdrückt, was daran schmerzlich zu ertragen ist, hat die Tatsache, nicht mehr mit der gleichen Freiheit denken zu können, etwas Idiotisches."

Debussy hatte Vertrauen zu seinem Verleger

Jacques Durand war der wichtigste Verleger für Debussy und auch ein Freund. Das prägt die über 300 Briefe an Durand, sagt Übersetzer Bernd Goetzke:

"In den Briefen an Durand wagt er mehr – er liefert sich da mehr aus. Er wusste, er kann Durand vollkommen vertrauen wie einem Bruder. Und das hat sich auch noch weiter entwickelt zum Ende seines Lebens hin. Da wurde Durand der einzige Vertraute, den er noch hatte. Aber er hat durchaus mit jedem eine etwas andere Sprache gesprochen. Zum Beispiel in den Briefen an Fromont – da trumpft er viel mehr auf. Klingt fast schon ein wenig unhöflich."

Zitat aus den Briefen: "Sie schlimmer Mensch! [...]; kann ich auf ein Klavier zählen, wenn nicht, werde ich versuchen, mir irgendeinen Klimperkasten [...] zu besorgen. Antworten Sie mir so schnell wie möglich."

Musik
Debussy, Claude: Childrens Corner – daraus: Nr. 4 The snow is dancing

Auch über viel Privates schreibt Debussy

Bernd Goetzke, im Hauptberuf Klavier-Professor an der Musikhochschule Hannover, betrachtet Debussys 451 Briefe an seine Verleger auch als - Zitat - "authentische Variante einer Autobiografie". Tatsächlich scheint neben dem Ringen um die eigenen Kompositionen, um den eigenen Anspruch auch viel Privates auf: Ehekrisen und Scheidung, Krankheit von Angehörigen und die chronische Finanznot, die Freude an der kleinen Tochter Chouchou und schließlich der nahende eigene Krebs-Tod. Ab und an streut Debussy eher nebenbei seine künstlerischen Überzeugungen ein.

"Nun hatte Debussy auch keine Intentionen, jemanden zu belehren. Sondern er hat nachgedacht, immer weiter nachgedacht auf seinen Spaziergängen, hat sich seine Notizen gemacht: was ist Musik? Wer bin ich? Wie soll das weitergehen mit mir und der Musik? Hat manchen Gedanken in sein carnet notiert. Und dann auch mal spielerisch untergebracht in einem Brief, um bei Durand zu testen, wie ein Gedanke ankommt, wenn er ihn teilt mit ihm."

Zitat aus den Briefen: "Im Übrigen bin ich mehr und mehr überzeugt, dass die Musik ihrem Wesen nach nichts ist, was in eine strenge und traditionelle Form gegossen werden könnte. Sie besteht aus Farben und rhythmisierter Zeit ... Alles andere ist ein Schabernack, erfunden von kalten Dummköpfen auf dem Rücken der Meister, die doch vorwiegend nur Musik ihrer Epoche gemacht haben! Allein Bach hat die Wahrheit geahnt."

Goetzke vermerkt Querverbindungen

Diese Sätze sind ein Beispiel dafür, wie Debussy erst Standpunkte in seinem Notizbuch durchdacht hat, bevor er sie in einen Brief einbaute. Bernd Goetzke, von Haus aus kein Musikwissenschaftler, dafür ein intimer Kenner von Leben und Werk Debussys, vermerkt solche Querverbindungen ganz selbstverständlich in den zahlreichen Fußnoten.

"Wenn man diese Fußnoten nicht geschrieben hätte, dann wäre vieles offen geblieben. Dann hätte man vieles nicht verstehen können, gerade als deutscher Leser hätte man nicht verstehen können, was gemeint ist."

Musik
Claude Debussy: "La Mer" – daraus: "Jeux des vagues"

Angesichts der musikhistorischen Schlüsselrolle von Claude Debussy in den Jahrzehnten um 1900 überrascht, dass Goetzkes sensible, wunderbar kurzweilig zu lesende deutsche Übersetzung von Debussys Briefen an seine Verleger eine Pioniertat ist.

"Es sind auch sonst keine Briefe von Debussy übersetzt – außer Ausnahmen: Hier und da findet man mal irgendeinen Halbsatz, einen Abschnitt oder ein Zitat. Hauptsächlich übersetzt worden ist ‚Monsieur Croche’ – seine Sammlung von Aufsätzen und Kritiken, aber die Briefe eben nicht. Ich weiß nicht, warum; es ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Vielleicht ist das ein Grund."

Metaphern, Wortschöpfungen und Witz

Debussy schreibt mit viel Wortwitz und Ironie, außerdem mit sehr eigenwilliger Zeichensetzung. Er liebt Metaphern und eigene Wortschöpfungen. Bernd Goetzke, zweisprachig aufgewachsen, tauchte ein in die Welt des Komponisten und kreierte wie Debussy neue Worte im Deutschen. Ein Beispiel:

"Und zwar hat er das Wort 'correctioner' (*) benutzt. Das gibt es nicht auf Französisch. Man versteht sofort, dass er 'korrigieren' meint, aber das heißt auf Französisch 'corriger' (*). Und im ersten Moment habe ich darüber hinweggelesen und dachte, er wollte sich einer gehobenen Sprache befleißigen. Dann habe ich gemerkt, er hatte einen Grund dafür: Es ging um die Revision der Klavierwerke von Chopin. Debussy war mal wieder in Verzug, schrieb an seinen Verleger, entschuldigte sich: ‚Ich brauche noch Zeit, morgen werde ich die Werke von Chopin korrigieren’, aber man korrigiert Chopin nicht, man revidiert, betrachtet und kommentiert vielleicht und dafür hat er das Wort 'correctioner' (*) erfunden – das habe ich eins zu eins übersetzt mit korrektionieren, natürlich nicht ohne Fußnote."

Bernd Goetzke möchte mit seiner Übersetzung der Briefe an die Verleger zweierlei erreichen: Zum einen ein erstes Fünftel von Debussys Korrespondenz zugänglich machen auch als Dokument einer bewegten Zeit, zum anderen Klischees und Vorurteile rund um den Komponisten entkräften oder besser noch: verscheuchen.

"Man hatte ihn ja abgestempelt zu einem Chauvinisten und zu einem Deutschen-Hasser. Und dann sagt er solche Sätze wie, dass ‚Bach der liebe Gott der Musik’ sei. Er hatte für niemanden eine höhere Verehrung als für Bach und Mozart. Nachdem er sich selbst gefunden hatte, hat er schon wieder Wagner in Schutz genommen gegenüber Anfeindungen von anderer Seite. Er ist ein Mensch, der sich hoch differenziert geäußert hat, und das ist nicht immer entsprechend gewürdigt worden."

Fast 500-seitiges Buch

Im Anhang versammelt Bernd Goetzke neben ein paar zentralen privaten Briefen von Debussy und seiner Tochter noch passende Auszüge aus Jacques Durands Erinnerungen. Dem fast 500-seitigen Buch merkt man an, dass es über Jahre reifen konnte. Der Übersetzer und Pianist mit Debussy-Schwerpunkt hat jedes Detail ebenso reflektiert wie liebevoll erarbeitet. Wer sich tiefergehend für Debussy interessiert, wird an Goetzkes Band viel Freude haben.

"Claude Debussy. Briefe an seine Verleger"
Übersetzt und annotiert von Bernd Goetzke. 2018, Olms, 476 Seiten, Preis 38,00 Euro.

(* Anmerkung der Redaktion: In der vorherigen Fassung wurden anstatt der Infinitive correctioner und corriger Partizipien verwendet.)

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