Interview der Woche
"Es mangelt am Willen" - Klimaforscher Rahmstorf hält 1,5-Grad-Ziel politisch kaum noch für erreichbar

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf hält die Überschreitung der 1,5-Grad-Marke bei der Erderwärmung für kaum noch aufhaltbar. Politisch sei dies angesichts der Weltlage praktisch nicht mehr zu schaffen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

31.07.2023
    Das Foto zeigt Stefan Rahmstorf.
    Stefan Rahmstorf hält das 1,5-Grad-Ziel politisch für kaum noch erreichbar. (IMAGO / IPON / IMAGO / IPON)
    Rahmstorf ist Ozeanograph am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Er betonte, rein physikalisch sei es noch möglich, unter dem Wert von 1,5 Grad zu bleiben. Nur habe bei den allermeisten Regierungen der Klimaschutz keine Priorität.
    Rahmstorf führte aus, man müsste das Thema anpacken, "wie wenn man in einer Kriegssituation ist und das einfach die Top-Priorität hat." Es fehle nicht an Lösungen, es gebe auch bereits die nötigen Technologien, doch es fehle der politische Wille - auch bei Bundeskanzler Scholz.
    Das ganze Interview können Sie hier nachlesen. Die Hörfassung finden Sie hier. Gesendet wird das Interview am Sonntag ab 11:05 Uhr im Deutschlandfunk.

    Kritik an Wortwahl eines "Klimaschutzes mit Brechstange"

    Kritisch äußerte sich der Klimaforscher dazu, dass Maßnahmen der Regierung zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes von manchen Politikern als "Klimaschutz mit der Brechstange" diffamiert würden. Dies blende die Dringlichkeit aus, die wissenschaftlich bewiesen sei. Auch der Vorsitzende des Weltklimarates, Skea, hatte zuletzt erklärt, die 1,5-Grad-Marke sei nicht mehr zu halten. Die Welt werde mit dem Überschreiten zwar nicht untergehen, aber sie werde eine gefährlichere, konstatierte der Physiker im Magazin "Spiegel".

    Europa als Hitze-Hotspot

    Dabei nimmt die extreme Hitze laut Rahmstorf in Europa deutlich schneller zu als in anderen Regionen auf vergleichbaren Breitengraden. Während die globale Durchschnittstemperatur seit dem Beginn der Industrialisierung um etwa 1,2 Grad gestiegen sei, liege der Wert in Europa doppelt bis dreimal so hoch. Auch bei den Bränden im Mittelmeerraum sieht Rahmstorf einen Zusammenhang mit der Klimakrise. Die Brandursache sei zwar in der Regel durch Menschen veranlasst, Trockenheit und Hitze sorgten aber dafür, dass die Brände ein solches Ausmaß erreichten.
    Weltweite Datenauswertungen zeigten, dass extreme Hitze heute 90-mal häufiger auftrete als in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, sagte Rahmstorf. An keinem einzigen Tag sei das Wetter so, wie es ohne den Klimawandel gewesen wäre. Dies belege auch eine Untersuchung der ETH Zürich aus dem vergangenen Jahr.

    Rahmstorf: Besserverdiener sollten Hauptlast der Maßnahmen tragen

    Rahmstorf fügte hinzu, um Menschen von Klimaschutzmaßnahmen zu überzeugen, sei es seiner Meinung nach wichtig, diese gerecht zu gestalten. Die Hauptlast müssten Besserverdiener tragen, die auch mehr zu den Emissionen betrügen. Zudem sei es entscheidend, dass Politiker die Vorhaben gut erklärten und auch die Opposition diese nicht zerrede. Es gehe um das Vorgehen gegen einen gemeinsamen Gegner, den Klimawandel.
    Diese Nachricht wurde am 29.07.2023 im Programm Deutschlandfunk gesendet.