Freitag, 30. September 2022

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„Europeras“ von John Cage in Wuppertal
Anti-Oper als Wunschkonzert

Mit „Europeras“ hat der amerikanische Avantgarde-Komponist John Cage 1987 eine musikalische Collage nach dem Zufallsprinzip geschaffen; die Opernelemente werden wild zusammengewürfelt. Daniel Wetzel vom Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll hat erstmals Musiktheater inszeniert.

Ulrike Gondorf im Gespräch mit Katja Lückert | 03.02.2019

    Szene aus "PLAY* EUROPERAS 1&2" von John Cage, inszeniert von Rimini Protokoll
    Szene aus "PLAY* EUROPERAS 1&2" von John Cage, inszeniert von Rimini Protokoll (Jens Grossmann, Wuppertaler Bühnen)
    "200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Nun schicke ich sie alle zurück." So hat John Cage sein Stück "Europeras" kommentiert. Darin zerlegt er das komplexe Gesamtkunstwerk Oper in seine einzelnen Komponenten, in Arie, Begleitmusik, Kostüm, Bühnenbild, Gestik, Beleuchtung. Alles wird unabhängig voneinander und nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und von der unerbittlichen Präzision einer Digitaluhr dirigiert. Doch das Chaos geht in Ordnung. Alles ist am falschen Platz wie im richtigen Leben. So klingt eine Happening-Oper.
    Ein kulinarisches Klangwunder
    Daniel Wetzel vom Regiekollektiv Rimini-Protokoll lässt es so im längeren, eigentlich dem ersten Teil des Werks geschehen. In Wuppertal wird der aber erst nach der Pause gespielt. Da paradieren die schönsten Schätzchen aus dem Dekorations- und Kostümfundus über die Bühne. Und im ganz falschen "Film" singen zehn Damen und Herren aus dem Wuppertaler Opernensemble, als ständen sie auf der Bühne der Mailänder Scala, stimmschön und hingebungsvoll. Ein kulinarisches Wunschkonzert, raffiniert angereichert durch das Spiel mit Erwartungen und Wahrnehmungen des Publikums, dem Cage eigentlich auf der Spur war. "Die Power von Oper live bewährt sich souverän, und Wetzels Regie regiert das geplante Chaos mit Witz und Umsicht", meint Opernkritikerin Ulrike Gondorf im Deutschlandfunk.
    Europapolitischer Kommentar zur Oper
    Das genügt dem politisch engagierten Theaterkollektiv Rimini-Protokoll aber nicht. Und so sucht der Abend noch einen Standpunkt zu Europa in "Europeras". Der erste Teil ist eine Video-Installation mit singenden Menschen vom krisengeschüttelten Rand des Kontinents zwischen Athen, Istanbul, London und St. Petersburg. Und im zweiten Teil mogelt Wetzel die "Experten des Alltags" hinein, die so viele Produktionen von Rimini-Protokoll tragen. Das sind hier die Beleuchtungsstatisten. Auf Plakaten bringen sie wie auf einer Demo ernst gemeinte Fragen zu Europas Zukunft auf die Bühne. Das hat nun gar nichts mit den Fragen zu tun, die den ironischen und tiefsinnigen Spieler John Cage umtrieben. Aber es stört nicht. Der Zuschauer hat auch so seinen Spaß am klingenden Durcheinander. Die Klänge organisieren sich im Ohr des Zuhörers ohnehin zum Wunschkonzert.