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EZB-Zinsentscheidung"Besonders hart für deutschen Sparer"

Die unerwartete Zinssenkung durch die EZB habe viele negative Nebeneffekte, sagte Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, im DLF. Er befürchtet Auswirkungen auf die Altersvorsorge - und sieht auch die Gefahr von Blasen.

Wolfgang Gerke im Gespräch mit Birgid Becker | 04.09.2014

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), äußert sich am 05.06.2014 während der EZB-Pressekonferenz in Frankfurt am Main (Hessen) vor Journalisten.
Wieder senkt die EZB die Zinsen. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Birgid Becker: Mitgehört hat der emeritierte Hochschullehrer für Bank- und Börsenwesen, jetziger Präsident des Bayerischen Finanzzentrums. Guten Tag, Herr Wolfgang Gerke.
Wolfgang Gerke: Hallo, Frau Becker!
Becker: Einige Bewertungen haben wir eben im Beitrag gehört. In den vergangenen etwa drei Stunden ist eine Vielzahl von Bewertungen zu den EZB-Entscheidungen eingegangen, ein breites Spektrum, das von der Aussage reicht, ja, das Kaufprogramm werde den europäischen Banken bei der Stärkung ihrer Bilanzen helfen. Das sagte der Chef des Bankenverbandes, Michael Kemmer. Oder anders: Die EZB hat ihr Pulver viel zu früh verschossen, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Oder eben haben wir gehört, die Büchse der Pandora, die da womöglich geöffnet werden könnte. Also: Was ist die richtige Bewertung oder stimmt von allem ein bisschen?
Gerke: Die richtige Bewertung, die muss man sogar noch ergänzen. Die Büchse der Pandora, die enthält noch einige Probleme. Das eine ist, dass unsere Altersvorsorge dadurch ganz erheblich geschwächt wird. Die Rendite beim Sparen in der Altersvorsorge sinkt allmählich gegen null. Lebensversicherungen sind davon betroffen. Und das andere, was ich sehe, ist, was man unbedingt im Auge behalten muss, dass Blasen entstehen können. Wenn ABS-Programme, also Kreditverbriefungen aufgekauft werden, Pfandbriefe aufgekauft werden, dann kann am Immobilienmarkt eine Blase entstehen. Aber auch am Aktienmarkt kann eine Blase entstehen, wenn die Kurse getrieben sind nicht von den Unternehmensdaten, sondern von mangelnden Alternativen im Festzinsbereich. Das sind Auswirkungen, die in nächster Zeit auf uns zukommen können. Sicherlich steht Draghi hier vor einem Riesenproblem. Er muss den südeuropäischen Ländern helfen, er steht hier unter Druck. Und da ist das Zinssignal meines Erachtens ein politisches Signal ohne große Wirkung, aber man demonstriert, in welche Richtung man marschiert. Das Aufkaufprogramm, da sehe ich die große Gefahr.
Becker: Interessant, um noch mal auf das Zinsprogramm, auf die Zinsentscheidung zu sprechen zu kommen, ist ja, dass diese Zinssenkung nicht wirklich erwartet wurde, wo es doch nach dieser neuen und viel gelobten Kommunikationsform der Forward Guidance, also des langfristigen Ankündigens von Maßnahmen nach dem Vorbild der amerikanischen Fed, so sein sollte, dass die Märkte, dass die Finanzwelt weiß, was die EZB tut. Das weiß man offensichtlich aber doch nicht so ganz?
Wolfgang Gerke, Präsident "Bayrisches Finanz-Zentrum" und Finanzwissenschaftler
Wolfgang Gerke (picture-alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
Über Wolfgang Gerke
Geboren 1944 in Cuxhaven, Niedersachsen. Seit 2006 Präsident des "Bayerischen Finanz Zentrums" und seit 2008 Honorarprofessor an der European Business School EBS. Der Experte für Bankbetriebslehre und Finanzwirtschaft studierte in Saarbrücken BWL. Er promovierte 1972 und habilitierte sich 1978 an der Universität Frankfurt. Später hatte er mehrere Lehrstühle inne, zuletzt an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Gerke: Ja, und ich glaube, Frau Becker, dass die EZB hier sich keinen Gefallen tut in ihrer Kommunikationspolitik, denn indem sie frühzeitig ankündigt, dass sie erheblich die Märkte beeinflussen will mit ihrer Politik, setzt sie sich selbst auch noch unter Druck. Und hinterher sagen die Märkte, da haben wir viel mehr erwartet. Und reagieren gar nicht so, wie man sich es gewünscht hat von der EZB. Die EZB ist in einem Dilemma. Wir haben in Europa leider dramatisches Politikversagen zu beklagen, über viele Jahre hinweg im Euro. Da hat man die einzelnen Länder nicht genug kontrolliert und die Verträge waren auch in dieser Richtung lückenhaft. Jetzt wird die EZB quasi der Ersatzstadthalter für verfehlte Politik. Insofern ist Draghi in einer schwierigen Lage. Aber Deutschland trifft seine Politik besonders hart, insbesondere den deutschen Sparer.
Becker: Sie haben das Risiko angesprochen, dass die Altersvorsorge belastet wird. Klar ist natürlich, Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, Gelder irgendwie anzulegen. Glauben Sie, im Ergebnis dürften Sparer womöglich immer risikobereiter werden? Um es positiv auszudrücken: Das kann ja höchst riskant sein.
Gerke: Ja, ich sehe das gar nicht so positiv, denn in Bezug auf die Altersvorsorge braucht man eine etwas höhere Rendite. Aber das Risiko sollte doch möglichst kalkulierbar bleiben. Und da sind die traditionellen Formen des Sparens eigentlich gute Formen bis hin zum Bausparvertrag. Und wenn da die Attraktivität verloren geht und die Lebensversicherung sich nicht mehr rechnet und das Sparbuch nach Geldentwertung negativen Zins bringt, dann ist das bei der Demografie, die wir haben, genau das, was im Moment nicht passieren dürfte, insbesondere in Deutschland nicht passieren dürfte. Die Politik, die gemacht wird, ist eine Politik, die mehr für Länder gut ist, die früher schon immer eine sehr aktive Notenbank gehabt haben, Länder wie Spanien, Italien und Griechenland, aber auch Frankreich.
Becker: Wolfgang Gerke war das. Ich danke fürs Gespräch, einen schönen Abend.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.