Montag, 28. November 2022

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EZB-Zinspolitik
"Zugeständnis an südeuropäische Länder"

Im Kampf gegen die extrem niedrige Inflation berät die EZB über eine weitere Senkung des Leitzinses. Der Banken-Experte der Universität Hohenheim, Burghof, warnt vor einer Abwärtsspirale. Die Krise werde vermutlich mit dem vollkommen falschen Instrument bekämpft, sagte er im DLF.

Hans-Peter Burghof im Gespräch mit Christiane Kaess | 05.06.2014

    Nach Ansicht von Burghof ist eine weitere Senkung des Leitzins ein Zugeständnis an viele südeuropäische Staaten. Der Schritt mache Reformen verzichtbar, die eigentlich notwendig seien, sagte der Finanzexperte. Stattdessen wolle die EZB gute Stimmung für die Konjunktur machen. "Ich halte die Niedrigzinspolitik für nicht besonders förderlich."
    Burghof betonte, dass die EZB die wirklichen Probleme nicht lösen könne. Wichtige Reformen könnten nur die Regierungen umsetzen. "Einigen Ländern fällt das noch sehr schwer", sagte Burghof. Die Reaktion der Märkte auf umfassende Reformen sei derart rabiat, dass sich die Regierungen das nicht trauten.

    Das Interview in voller Länge:
    Christiane Kaess: Von 0,25 auf noch niedrigere zum Beispiel 0,15 Prozent, so weit könnte Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, heute gehen mit seiner Zinsentscheidung. Eine erneute geldpolitische Lockerung im Kampf gegen niedrige Inflation und schwaches Wachstum, die scheint festzustehen.
    Mitgehört am Telefon hat Hans-Peter Burghof, er ist Banken- und Finanzexperte an der Universität Hohenheim. Guten Tag!
    Hans-Peter Burghof: Guten Tag!
    Kaess: Herr Burghof, wären Sie denn auch enttäuscht, sollte die Zinssenkung wiedererwartend doch nicht kommen?
    Burghof: Nein! Ich wäre freudig überrascht, muss ich an der Stelle sagen, weil ich diese Niedrigzinspolitik generell nicht für sehr förderlich halte. Allerdings glaube ich natürlich, die Erwartungen sind andere, und das heißt, wir würden in dem Augenblick natürlich Turbulenzen auf den Märkten kriegen. Insbesondere die doch schon sehr hohen Aktienkurse, denen bekäme das nicht gut. Man könnte also auch sagen, das ist gut so, weil die eigentlich schon überhöht sind.
    Kaess: Also heißt das, das ist ein Zugeständnis an den Aktienmarkt?
    Burghof: Es ist ein Zugeständnis an viele. Ein Zugeständnis an den Aktienmarkt, der ist aber nicht der Hauptdrücker an der Stelle. Es ist ein Zugeständnis an die südeuropäischen Staaten, denen man das Geld über den Bankenapparat noch billiger macht, was halt dann Reformen verzichtbar macht, die eigentlich notwendig wären. Man kann das immer positiv interpretieren. Man kann sagen, wir gewinnen dadurch Zeit für Veränderungen, für Reformen. Auch das ist natürlich dann ein Zugeständnis, ein politisches Zugeständnis an die südeuropäischen Staaten.
    Diese eine Argumentation, die man hier anführt, wir müssen eine Deflation verhindern, die ist in diesem Fall ein bisschen schwierig, weil wir ja eigentlich in den südeuropäischen Ländern Anpassungen haben müssen. Die sind viel zu teuer geworden, da müssen die Faktorpreise sinken, damit die Länder produktiver werden. Faktorpreise, was heißt das? – Vor allem Löhne. Aber sinkende Löhne führen natürlich auch zu sinkenden Preisen.
    Die Härte ist schwer durchsetzbar
    Kaess: Also ist das, was wir heute von der EZB bekommen könnten, so etwas wie eine Mogelpackung?
    Burghof: Es wird etwas versprochen. Es wird gesagt, natürlich auch, wir machen gute Stimmung für die Konjunktur - das sieht man an den guten Aktienkursen -, und wir versuchen auf dem Wege das Problem zu lösen, ohne wirklich die fundamentalen Probleme zu lösen. Das ist auch nicht ganz unlogisch, weil die EZB ja an die fundamentalen Probleme gar nicht heran kann, weil die müssen in den Ländern selbst gelöst werden.
    Kaess: Das könnten nur die Regierungen?
    Burghof: Das können nur die Regierungen. Dafür müssen sie mutig sein und konsequent und hart. Diese Härte ist je nach politischen Umständen unterschiedlich schwer durchzusetzen. Manche Länder haben da sehr gute Fortschritte gemacht, also man soll das nicht alles schwarzmalen, was jetzt passiert ist, aber einigen Ländern fällt das immer noch sehr, sehr schwer.
    Kaess: Herr Burghof, schauen wir mal noch ein bisschen genauer auf die reale Wirtschaft und die Unternehmen. Negativzinsen beziehungsweise Strafen für Banken, die Geld bei der EZB bunkern und nicht als Kredite vergeben, das ist das, was heute kommen könnte. Trifft das tatsächlich den Kern des Problems? Haben wir tatsächlich eine Kreditklemme?
    Burghof: Wir haben offenkundig in den südeuropäischen Staaten eine Kreditklemme. Die Frage ist, wo ist die Ursache, und die Ursache liegt möglicherweise nicht bei den Banken. Die Banken werden normalerweise ein Kreditgeschäft machen, wenn es sich für sie lohnt. Was sehr besorgniserregend wäre, wäre, wenn jetzt der Staat quasi die Banken zwingen würde, Kredite zu vergeben, das heißt im Grunde genommen, unseriös das Geld zu investieren. Das heißt, wir bekämpfen da die Krise im Grunde genommen mit dem vollkommen falschen Instrument.
    Ein Bank kann das Geld nicht parken
    Kaess: Weil das wäre dann die Gefahr, dass man Unternehmen Kredite gibt, die eigentlich gar nicht kreditwürdig sind?
    Burghof: Richtig. Und die Kreditwürdigkeit dieser Unternehmen hängt ganz stark an den Rahmenbedingungen, die die jeweiligen Staaten bringen. Da kommen wir wieder auf die Reformen zurück. Warum ist es so schwierig, einem Unternehmen in Griechenland Kredit zu geben? Na ja, weil die Rahmenbedingungen eben nicht so sind, dass man darauf vertrauen kann, dass man das Geld in dem Wert, den man investiert hat, wieder zurückbekommt.
    Kaess: Gibt es eigentlich schon irgendwelche Vorerfahrungen mit diesen Negativzinsen für Banken?
    Burghof: So pauschal hat das, glaube ich, noch nie jemand gemacht. Negative Zinsen gab es gelegentlich, wenn Länder Kapital aus dem Ausland abwehren wollten. Allerdings war das dann halt gezielt eben nur für dieses ausländische Kapital gemacht.
    Kaess: Nun besteht ja auch die Gefahr, dass die Banken das Geld dennoch nicht den Unternehmen geben würden, die es brauchen könnten, sondern bei sich selber parken. Ist das auch eine Möglichkeit?
    Burghof: Das ist unter den Rahmenbedingungen sehr gut möglich. Aber bei sich selber parken, kann eine Bank ja gar nicht. Sie muss das Geld, was sie hat, ja irgendwo anlegen. Bei sich selber parken hieße, sie würde Bargeld erwerben.
    Kaess: Also doch wieder ausweichen auf die EZB und dann der Strafzins möglicherweise?
    Burghof: Nein, nein! Das Bargeld wäre ja dann im eigenen Tresor. Aber das ist eine vollkommen verrückte Idee natürlich, weil Bargeld kostet auch Geld, wenn man es hält. Dann braucht man die Tresor-Kapazitäten und Tresor-Kapazität muss versichert werden. Da gibt es bestimmte Kosten und zumindest solange die Kosten bei der EZB und der negative Zins, der dann möglicherweise droht, nicht höher ist als diese Kosten, die ich aus der Bargeldhaltung habe, wird man trotzdem weiterhin das Geld bei der EZB belassen. Diese einfache Vorstellung, die Bank behält das Geld einfach, ist nicht ganz richtig. Die Bank muss es ja irgendwo in irgendeiner Form aufbewahren.
    Man muss aus der Billiggeld-Politik rauskommen
    Kaess: Dann gehen wir mal weg von den Unternehmen und schauen auf die Sparer. Es gibt ja viele Finanzexperten, die auch so wie Sie warnen vor dieser Niedrigzinspolitik. Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, der hat im Deutschlandfunk auf die Frage, ob die Niedrigzinspolitik eine schrittweise Enteignung des Vermögens ist, folgendes gesagt. Wir hören mal rein:
    O-Ton Georg Fahrenschon: “Ja ganz klar! Durch diese niedrige Zinspolitik der Europäischen Zentralbank verlieren die privaten Haushalte in Deutschland pro Jahr etwa 15 Milliarden Euro an Zinseinnahmen. Das sind pro Kopf, egal ob Kind oder Greis, etwa 200 Euro pro Jahr.“
    Kaess: Das sagt Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Würden Sie das genauso sehen?
    Burghof: Ich würde ihm da zustimmen. Das ist tatsächlich so. Die niedrigen Zinsen sind ein Problem. Früher hat man - was heißt früher -, in den vergangenen Jahrzehnten hat man in der Regel ein bis zwei Prozent über der Inflationsrate Zinsen bekommen, und jetzt liegt man halt ein halbes Prozent darunter, und das trotz der niedrigen Inflationsrate. Die EZB rühmt sich ja immer, dass sie es geschafft hat, in den vergangenen Jahren Preissteigerungen weitestgehend zu verhindern. Das ist auch richtig. Nur die Menschen haben nichts davon und damit ist das eigentlich auch ein bisschen wertlos, was sie da geliefert hat.
    Kaess: Jetzt haben wir viel über die Schwierigkeiten und die Kritik an der möglichen EZB-Entscheidung gesprochen. Was wäre denn die Alternative?
    Burghof: Ja nun, die Alternative wäre, dass man sich Gedanken macht, wie man aus dieser Billiggeld-Politik rauskommt. Das ist ja in den USA schon so, da gab es ja immer mehr Anläufe, die treiben das ja noch auf die Spitze. Die Bereitschaft der US-amerikanischen Zentralbank, billiges Geld in den Markt zu geben, ist ja noch größer als die der europäischen. Aber wann immer sie das tun, ist die Reaktion der Märkte derart rabiat, dass sie das sich dann doch nicht wirklich trauen.
    Kaess: Glauben Sie, dass die mögliche – man muss immer dazu sagen mögliche – Entscheidung der EZB heute, denn wir haben sie noch nicht schwarz auf weiß vorliegen, aber sollte sie so kommen, so wie wir das erwarten, glauben Sie, dass das etwas ist, was nur vorübergehend ist? Ist das absehbar, wie lange dieses Problem noch andauert?
    Burghof: Das Problem wird eine ganze Weile andauern. Da wir ja die Probleme so nicht gelöst kriegen, wird man immer das Gefühl haben, wir müssen noch mehr tun und wir dürfen auf keinen Fall zurückschrauben. Das heißt, diese Politik des billigen Geldes, wenn man sich darin fängt, kommt man da nicht so leicht wieder raus.
    Wir stellen uns so schlecht wie möglich dar
    Kaess: Das heißt, wir kommen in eine Endlosspirale?
    Burghof: So ein bisschen schon. Sie müssen zum Beispiel einen Aspekt sehen: Viele sehen ja in der Entwicklung der Aktienkurse ein Maß für das wirtschaftliche Gedeihen eines Landes. Das ist auch nicht ganz falsch. Aber das Risiko ist natürlich, wenn man jetzt die Zinsen anhebt, dass die Aktienkurse massiv einbrechen. Sehr hohe Zinsen für fest verzinsliche Anlagen führen eben dazu, dass die Alternativen sehr, sehr begehrt werden, und deswegen sind die Aktienkurse gegenwärtig so hoch. Das heißt also, wenn wir dann plötzlich runtergehen, müssen wir mit einem Crash der Aktienmärkte rechnen, und das wäre natürlich auch ein Problem.
    Kaess: Zum Schluss noch: Wäre denn eine Euro-Abwertung, wie sie ja auch von einigen diskutiert wird, wäre das die bessere Alternative, um den Südländern zu helfen?
    Burghof: Das versuchen wir ja gerade auf dem Wege. Diese Politik der niedrigen Zinsen soll ja gerade den Euro abwerten. Wir sind ja nicht mehr in der Zeit fester Wechselkurse. Das heißt, wir können nicht formal den Euro abwerten, indem wir entscheiden, der ist jetzt einfach weniger wert. Das geht nicht. Aber wir können natürlich versuchen, eine Politik zu machen, die dazu führt, dass der Euro weniger wert erscheint. Man könnte auch sagen, wir können uns selbst so schlecht wie möglich darstellen und dann hoffen, dass die Konsequenz ist, dass der Euro halt billiger wird, dass wir dann leichter Sachen verkaufen können. Das ist ein Teil einer solchen Abwertungspolitik, was man im Moment betreibt.
    Kaess: …, sagt Hans-Peter Burghof. Er ist Banken- und Finanzexperte an der Universität Hohenheim. Danke schön für diese Einschätzungen.
    Burghof: Bitte schön!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.