Samstag, 10. Dezember 2022

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Familienstreit im Front National
"Marine Le Pen will eine regierungsfähige Partei"

Der Streit in der Familie Le Pen werde den Front National nicht zerlegen, sagte Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut Ludwigsburg im Deutschlandfunk. Frankreich werde weiterhin mit der Partei rechnen und sich fragen müssen, warum sie stärkste Kraft vor allem bei den Arbeitern ist.

Henrik Uterwedde im Gespräch mit Thielko Grieß | 11.04.2015

    Jean-Marie Le Pen (l) und Marine Le Pen, Vorsitzende der französischen rechtsextremen Front National
    Jean-Marie Le Pen (l) und Marine Le Pen, Vorsitzende der französischen rechtsextremen Front National (picture alliance / dpa / Foto: Yoan Valat)
    Thielko Grieß: Der Front National, die rechtsextreme Partei in Frankreich ist ohne die Familie Le Pen nicht denkbar. Jean-Marie Le Pen hat sie gegründet, er ist heute Ehrenvorsitzender. Marine, seine Tochter, ist Parteivorsitzende. Der jüngste Familienstreit ist öffentlich, und er ist ein politischer Streit. Jean-Marie Le Pen, 86 Jahre alt, hat seine bemerkenswerte Einschätzung wiederholt: Die Gaskammern im Nationalsozialismus seien ein "Detail der Geschichte" - das ist ein Zitat von ihm. Die Tochter spricht vom politischen Selbstmord ihres Vaters und hat im Fernsehsender TF1 angekündigt, es werde ein Disziplinarverfahren gegen ihren Vater geben. Und außerdem sagte sie, Jean-Marie Le Pen möge seine Weisheit und Klugheit dadurch belegen, dass er seine politische Verantwortung beende.
    Am Telefon begrüße ich Hendrik Uterwedde, Forscher am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Guten Morgen!
    Henrik Uterwedde: Guten Morgen!
    Grieß: Nun kann man über Jean-Marie Le Pen und das, was er sagt, den Kopf schütteln, man kann aber auch daran erinnern, dass Jean-Marie Le Pen nur das wiederholt hat, was er schon mehrfach gesagt hat - und er ist auch schon mehrfach dafür verurteilt worden. Warum reagiert die Tochter jetzt so hart?
    Uterwedde: Die Tochter will ja die Partei modernisieren, sie möchte sie von dem Schmuddelimage befreien, das ihr immer anhaftete, seit Jean-Marie Le Pen diese Partei sozusagen nach vorne und nach oben gebracht hat. Und insofern hat er zwar nur wiederholt, wie Sie sagen, was er schon früher gesagt hat, aber es war schon bemerkenswert, dass jetzt in einer Zeit, wo der Front National näher seinen Zielen scheint denn je, dass in dieser Situation sozusagen der Vater solche alten Provokationen aus der Mottenkiste holt. Also hier sind zwei Konzeptionen einer Partei, die sich frontal gegenüberstehen. Le Pen steht eben sozusagen noch für eine provokante Form eines virulenten Antisemitismus, eines Neo-Nazismus, auch einer Nostalgie der früheren Zeit von Pétain, von der Kollaboration mit den Nazis, und eben auch für die Nostalgika des französischen Algerien, also sozusagen für die alten Themen. Und von diesen Themen will Marine Le Pen die Partei befreien, sie will sie eben tatsächlich zu einer modernen rechtspopulistischen Partei machen, die eben, anders als der Vater, der eigentlich nur provozieren will und negative Energien sozusagen ausstrahlen will, möchte sie die Partei zu einer regierungsfähigen Partei machen, die eben auch die Macht übernehmen will, die auch zum Beispiel Verantwortung in Gemeinden, in Departements übernehmen will. Insofern ist es tatsächlich ein strategischer Streit, der sich sozusagen hier in der Gestalt von Vater und Tochter austobt.
    Grieß: Also ein Gegensatz des älteren Rechtsextremismus gegenüber einem neueren Rechtsextremismus. Ist denn der Rechtsextremismus von Marine Le Pen, der Tochter, der jüngeren Generation im Front National, weniger extrem?
    Uterwedde: Darüber streiten sich eben die Gelehrten. In der Verpackung ist es auf jeden Fall moderner.
    Grieß: Aber ansonsten liegt der Apfel direkt unter dem Stamm?
    Das Programm ist gleich geblieben
    Uterwedde: So ist es. Und im Kern ist eigentlich die alte Programmatik gleich geblieben. Man hat es übrigens auch bei den letzten Departementswahlen gesehen, wo die Partei sehr, sehr viele Kandidaten erstmals in ganz Frankreich hatte, und da hat es dutzendweise auch Kandidaten gegeben, die eigentlich in ähnlich trüben Wassern gefischt haben wie Vater Le Pen, sodass man eben auch sagen kann, dass dieser alte neonazistische Kern eben auch nicht ganz tot ist. Er ist nicht mehr bestimmend, aber er ist durchaus noch vorhanden. Und im Kern ist eben auch Marine Le Pen für sozusagen einen Anti-Emigrationskurs, für einen fremdenfeindlichen Kurs, für einen europafeindlichen Kurs. Nur, sie verpackt es eben geschickter. Die Kritik etwa an den Migranten in Frankreich äußert sich jetzt als Kritik an deren antirepublikanischen Verhalten, im Namen der Republik und im Namen des Laizismus, also im Namen der Werte der Republik versucht Marine Le Pen, ihren Anti-Emigrations- und Anti-Ausländerkurs zu verpacken. Das ist insofern doch letztendlich alter Wein in neuen Schläuchen.
    Grieß: Und wie schätzen Sie das ein? Wird sich der neue Wein, also wird sich Marine Le Pen durchsetzen können in diesem Machtkampf?
    Uterwedde: Also ich denke mal, dass, was die Partei betrifft, dass dieser Kurs, dieser modernere Kurs von Marine Le Pen sich letztlich durchsetzen wird. Es wird sicherlich in der Partei auch Unruhe geben, und es wird vielleicht sogar Abspaltungen geben. Aber ich denke, dass mittlerweile die Erfolge des Front National der neuen Linie von Marine Le Pen geschuldet sind. Also ich denke, letztendlich wird sich hier Marine Le Pen durchsetzen, um welchen Preis auch immer. Aber das hat man ja auch in anderen Parteien. Die andere Frage ist, ob sie längerfristig tatsächlich Erfolg haben kann. Und hier haben eigentlich auch die letzten Departementswahlen eine große Grenze gezeigt: Im französischen Mehrheitswahlsystem müssen sie bündnisfähig sein, anschlussfähig sein an andere Parteien, sonst können sie überhaupt gar nicht an die Macht kommen. Und hier bleibt bislang der Front National auch unter Marine Le Pen doch isoliert, weil sie überhaupt keine Anschlussfähigkeit hat etwa an die rechtskonservative UMP von Nicolas Sarkozy.
    Grieß: Aber natürlich bekommt die Partei etliche Stimmen, regional sehr, sehr unterschiedlich. Nun wird Parteienstreit, das kennen wir aus Deutschland, von Wählern überhaupt nicht gemocht. Das dürfte in Frankreich ähnlich sein. Nimmt die Partei insgesamt Schaden, wenn eine Familie sich öffentlich zerlegt?
    Streit wird Partei nicht zerlegen
    Uterwedde: Ja gut, ich meine, das hat natürlich jetzt auch so ein bisschen Formen einer schlechten Oper, wenn das hier als offener Familienzwist auftritt. Nur, ich würde davor warnen, jetzt zu hoffen, dass jetzt dieser Streit eine Partei zerlegen kann. Ich würde wohl doch sagen, dass mittelfristig, wie auch immer jetzt die Unruhen in der Partei sein werden und vielleicht auch die Partei Schaden nehmen wird, auch in Wahlen kurzfristig. Ich denke mal, dass der Kurs von Marine Le Pen doch sich letztendlich durchsetzen wird und dass man in Frankreich weiterhin mit einem Front National wird rechnen müssen, der doch ein erhebliches Wählerpotenzial hat. Und die etablierten Parteien, die Sozialisten auf der einen Seite und die UMP auf der anderen Seite, müssen weiter darüber nachdenken, wie sie verlorenes Vertrauen gerade übrigens in volkstümlichen Schichten, in den Schichten, die früher, ganz früher mal, kommunistisch gewählt haben, links gewählt haben, wie sie hier Vertrauen zurückgewinnen können. Es muss ihnen zu denken geben, dass der Front National die stärkste Partei bei den Arbeitern ist in Frankreich. Daran wird sich auch jetzt nach dem Zwist nicht so furchtbar viel ändern.
    Grieß: Sagt Hendrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Es ging uns um den politischen Streit und um den Familienstreit im Front National in Frankreich. Herr Uterwedde, Danke schön und ein schönes Wochenende!
    Uterwedde: Danke!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.