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Fechten
Obmänner - Problem mit System?

Der deutsche Fechtsport hat derzeit nicht viel Grund zur Freude. So haben nur wenige Sportler die Voraussetzungen für den Start bei Olympia 2016 in Rio erfüllt. Für Aufregung sorgen zudem strittige Entscheidungen der Kampfrichter bei internationalen Wettkämpfen.

Von Marina Schweizer | 28.11.2015

    Die Säbelfechter Nicolas Limbach (Deutschland) und Junghwan Kim (Südkorea) bei der WM im russischen Kazan
    Die Säbelfechter Nicolas Limbach (Deutschland) und Junghwan Kim (Südkorea) bei der WM im russischen Kazan (Vladimir Smirnov/ dpa picture alliance)
    Es war ein Paukenschlag, kürzlich im Deutschlandfunk Sportgespräch: Vilmos Szabo, der Bundestrainer des Herren-Säbel-Teams, haut verbal auf den eigenen Weltverband drauf:
    "Momentan ist der internationale Fechtverband ein bisschen mit mafiösen Strukturen organisiert. Leider sind Russen in der Führung, und das ist die Realität. Wenn Du eine Weltmeisterschaft in Russland hast und alle Obmänner nur für Russland jurieren – und wir analysieren ein Gefecht nach der Weltmeisterschaft – dann ist es lächerlich – die Treffer, mit denen so einer Weltmeister wird. Und wenn wir am Ende noch gratulieren müssen, ist das ein bisschen traurig für uns."
    Eine Aussage, die Wellen schlägt. Unter vorgehaltener Hand ist in der Fechtszene von einem "ganz heißen Eisen" die Rede, das der Dormagener Trainer da anpackt.
    Um was geht es? Strittige Entscheidungen der Kampfrichter sorgen im internationalen Fechtsport für Aufregung. Das betrifft auch wegen der Schnelligkeit der Gefechte und besonderer Regeln vor allem die Säbelfechter. Zuletzt bei den Weltmeisterschaften in Moskau.
    Im Sommer dieses Jahres steht Vilmos Szabos Team im Halbfinale gegen Russland. Es gibt viele enge Entscheidungen – die meisten davon wertet der Kampfrichter, im Fechten auch Obmann genannt, zugunsten der Russen. Der Dormagener Säbelfechter Maximilian Hartung reißt sich in seinem Duell immer wieder die Maske vom Kopf, schaut ungläubig in Richtung Kampfrichter.
    "Ob das jetzt systematisch ist oder nicht, das weiß ich nicht. Ich habe in dem Match das Gefühl gehabt, dass wir benachteiligt waren."
    Die Enttäuschung über das verlorene Halbfinale sitzt auch heute noch tief. Den Begriff "mafiös" will Fechter Hartung nicht in den Mund nehmen, aber:
    "Was natürlich mit rein spielt ist: Wir haben jetzt seit einigen Jahren einen neuen Verbandspräsidenten vom internationalen Fechtverband, der heißt Alisher Usmanov. Das ist im Augenblick der reichste Russe, der ist Milliardär, und da ist natürlich ein Akteur mit in dieser Sportpolitik drin, die wir als Sportler nur von der Ferne beobachten können, der ganz anders aufgestellt ist und der ein ganz anderen Größenordnungen denkt und organisiert und sicher vieles für den Sport tut, aber natürlich: Wenn man dann ausgerechnet zuhause gegen Russland in Russland verliert und das Gefühl hat, man wurde benachteiligt, liegt der Verdacht natürlich schnell nahe, dass das nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist."
    Der Internationale Fechtsport – ein System zugunsten des russischen Fecht-Präsidenten und seiner Sportnation?
    "Insgesamt ist es wie gesagt mit Sicherheit keine mafiöse Struktur in der Form, dass da zwei drei Personen in der FIE das Zepter in der Hand halten und manipulativ vielleicht in Richtung eine oder zwei Nationen gehen."
    Sven Ressel, der Sportdirektor des Deutschen Fechter Bundes will nicht von systematischer Manipulation sprechen. Aber:
    "Ich kann bestätigen, dass wir in Kasan und insbesondere in Moskau bei der letzten Weltmeisterschaft, insbesondere die Tendenz erkannt haben, dass russische Fechterinnen und Fechter bevorteilt wurden. Das ist in der Vergangenheit so in der Form nicht zu beobachten gewesen, das gebe ich zu. Und wir haben das ja auch relativ stark auch in Moskau vor Ort geäußert, dass wir da insbesondere in dem Halbfinalgefecht der Herrensäbelmannschaft mit den Russen klare Fehlentscheidungen zu verzeichnen hatten."
    Die Anschuldigung, das russische Team habe einen Vorteil gehabt, beschreibt der Weltverband auf eine Anfrage des Deutschlandfunks als haltlos. Generalsekretär Pietruszka schreibt, Zitat: "Manche Kampfrichterfehler sind möglich, natürlich ohnehin in einer Sportart, die schwer zu bewerten ist, speziell in einer solch schnellen Waffengattung, wie dem Säbel."
    Die FIE verweist unter anderem darauf, dass sie einer der ersten Sportverbände war, die den Videobeweis eingeführt haben. Zwar wurde nach Angaben des deutschen Verbandes in Russland klar auf Missstände hingewiesen. Eine offizielle Beschwerde legte er aber nicht ein, weshalb auch die Kampfrichter nicht weiter überprüft wurden – so schildert es die FIE. Denn erst bei einer offiziellen Beschwerde muss der Weltverband aktiv werden. Ein Versuch, weitere Sportnationen zu einem Aufbäumen zu bewegen schlug fehl.
    "Und wir haben uns dann auch dahingehend abgestimmt, ob wir gegenüber der FIE Druck aufbauen sollen, um letztendlich auf diese Missstände deutlich hinzuweisen. Wir haben es dann aber fallen lassen, weil wir wie gesagt keinen Ansatz gefunden haben, der erkennen lässt, dass es hier eine Struktur der Manipulation gibt."
    Also laute Aufregung, aber keine klare Kante? Auf die Frage, ob vor den anstehenden Olympischen Spielen einfach niemand so richtig laut mit dem Säbel rasseln will, sagt der Sportdirektor des Deutschen Fechter Bundes:
    "Man muss natürlich aufpassen, es ist klar, dass man hier mit Fingerspitzengefühl agieren muss. Und wenn wir hier zu massiv auftreten, dass wir dann vielleicht doch in das Fahrwasser kommen. Es gibt gerade im Säbel Entscheidungen, die sind wirklich ganz, ganz schwer zu treffen und die kann man mal rechts mal links entscheiden. Und wenn dann diese Situation auftritt und wir massiv auftreten, kann natürlich sein, dass man diese zwicklichen Entscheidungen immer in die eine Richtung fällt. Von daher wollen wir jetzt auch vor Olympia keinen Wind machen."
    Also doch Angst, dass ein Aufbäumen sich auf sportliche Entscheidungen auswirkt? Auf die Frage, wie groß die Sorge um Konsequenzen ist, nach der deutlichen Kritik aus Deutschland, antwortet Säbelfechter Maximilian Hartung:
    "Sicher kommt der Gedanke: Wie kommt das bei der FIE an? Ich bin ja jetzt nicht nur Sportler sondern auch im Präsidium von Deutschen Fechter Bund. Was bedeutet das möglicherweise politisch. Klar stellt man sich die Frage. Aber ich denke, wenn man sich sozusagen irrt und es keine mafiösen Strukturen gibt, dann sollte ich ja eigentlich nichts zu befürchten haben."
    Die FIE hat übrigens nach eigener Aussage bei ihrem Kongress vor einigen Tagen einen Ethikcode verabschiedet – darin findet sich auch ein Artikel zu Interessenskonflikten bei Kampfrichtern.