Feminismus und Sexualität - Vom Glücksversprechen zum Gewaltverbrechen

Seit der Neuen Frauenbewegung der 1970er-Jahre hat sich der Blick auf Lust, Liebe und Geschlechterverhältnisse grundlegend verändert. Eine Geschichte sexueller Emanzipation und ihrer Widersprüche.

Von Barbara Sichtermann |
Eine weibliche Hand zerreißt ein kleines Schild,auf dem das Wort "Sex" steht in der Mitte
Von der sexuellen Befreiung zu #MeToo: Wie sich der feministische Blick auf Lust, Liebe und Macht verändert hat (Getty Images / RapidEye)
Die sexuelle Befreiung gehörte zu den großen Hoffnungen der Neuen Frauenbewegung. Emanzipation sollte nicht nur gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern, sondern auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern: Selbstbestimmter, lustvoller und gleichberechtigter sollten sie werden.
Doch im feministischen Diskurs hat sich der Blick auf Sexualität verschoben. Es lässt sich eine Entwicklung erkennen von der sexuellen Revolution und der freien Liebe über die Kritik patriarchaler Machtverhältnisse bis hin zu #MeToo.
Heute scheint es, als würde Sexualität vor allem mit Übergriffen, Missbrauch und Unterdrückung verbunden. Überlässt dann aber nicht der Feminismus das Versprechen von Liebe, Erotik und Verständigung konservativen und rechten Kräften, die traditionelle Geschlechterrollen wiederbeleben wollen?
Barbara Sichtermann, Jahrgang 1943, ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Berlin. Seit 1978 arbeitet sie als freie Autorin. Ihre Themen: Leben mit Kindern, Frauenpolitik und --biografik, Medienkritik. Sie ist seit 30 Jahren Mitglied der Grimme-Preis-Kommission. 2015 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis für ihr Lebenswerk. Ihr letztes Buch (mit Ingo Rose) trägt den Titel: „Fahren Sie sofort los!“ Alexandra Kollontai. Ein Frauenleben zwischen Auflehnung und Macht. Wien, 2024

„Gleichheit“ ist womöglich der schwierigste Begriff in der politischen Theorie – jedenfalls ist er bestimmt derjenige, der am meisten missverstanden wird.
Als vor näherungsweise 250 Jahren zur Zeit der Französischen Revolution Frauen erstmals in der anhebenden Moderne ihre Stimmen erhoben und von Gleichheit sprachen, antworteten die Männer: Aber ihr seid nicht gleich. Ihr seid nicht wie wir Männer. Gott hat euch ganz andere Aufgaben zugewiesen als uns. In erster Linie verlangt er von euch, Gehorsam zu üben gegenüber dem Gatten. Ihr seid uns untertan. Schlagt die Bibel auf, da findet ihr Gottes Auftrag, wie er geschrieben steht.
Nun waren die Frauen dereinst mindestens genauso fromm wie die Männer. Und diejenigen, die lesen konnten, lasen vor allem die Bibel. Diese Frauen meinten mit Gleichheit nicht, dass sie von Gottvater mit denselben Aufgaben betraut worden seien wie die Männer, sondern dass vor einem weltlichen Gericht für sie gleiche Bedingungen gelten, dass auch sie die Scheidung einreichen können sollten oder dass ihre Zeugenaussage dasselbe Gewicht haben müsse wie die eines Mannes.
Sie meinten die Gleichheit vor dem irdischen Gesetz. Andere Frauen betonten ihre Ansprüche auf gleiche Bildungschancen, gleiche Freizügigkeit und das Recht, sich zu duellieren.

Männer ignorierten das Emanzipationsbegehren der Frauen

Man erkennt, dass solcherart Gleichheitsverlangen erst aufkommen konnte, als sich die Sphäre des gleichen Rechts mit der säkularen bürgerlichen Gesellschaft herauszubilden begann und der Herrgott als Verteiler von Chancen in den Hintergrund gerückt war.
In dieser Epoche aber musste das Gleichheitsverlangen der Frauen entstehen. Ihre Zweitrangigkeit in den meisten Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, ihre Zurückdrängung in den engen Raum der Familie und die an sie gerichteten Verbote, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen oder gar hervorzutun, ließen sich, nachdem Adel und Klerus den Rest der Gesellschaft nicht mehr gängeln durften, immer schwerer begründen.
Die Missverständnisse jedoch, die der sozusagen unreflektierte Gleichheitsbegriff mit sich schleppt, erleichterten es dem Ancien Régime noch lange, das Emanzipationsbegehren der Frauen zu ignorieren und mit geringem Aufwand zu unterdrücken.
Gleichheit? Haha! Jeder sieht doch mit eigenen Augen, wie ungleich Männer und Frauen sind. Die Frauen konnten noch so oft darauf verweisen, dass sie eine spezifische Gleichheit meinten: die politische, die juridische – die alte Welt verstand sie absichtlich miss und gab sie der Lächerlichkeit preis.

Langer Weg zur politischen und juristischen Gleichheit

Es dauerte noch etwa 100 Jahre – aber dann war es so weit. Die Suffragetten in England kämpften für das Wahlrecht und ließen sich dafür ins Gefängnis werfen. Auf dem Kontinent gingen immer mehr Frauen für den Zugang zu den Universitäten auf die Straße. Am Ende siegten sie alle.
Und damit waren die ersten großen entscheidenden Schritte für die Emanzipation getan. Gleichheit bei der politischen Mitwirkung war errungen, genauso wie Gleichheit beim Zugang zu höherer Bildung. Frauen konnten sich sogar zur Wahl stellen, und da sie – in den oberen sozialen Rängen – immer öfter höher gebildet waren, gelangten sie auch in höhere Ämter.
So ging es zu in der westlichen Welt während des 20. Jahrhunderts – in Deutschland mit einer zwölfjährigen Pause vor und während des Zweiten Weltkriegs. Aber danach schaffte es die tapfere Mutter des Grundgesetzes Elisabeth Selbert, dass der Gleichberechtigungssatz in die (vorläufige) Verfassung der Bundesrepublik aufgenommen wurde. Ein weiterer Meilenstein.

Gleichheit und Differenz

Der Begriff der Gleichheit aber wurde die ihm eingeschriebene Kniffligkeit nicht los – jedenfalls nicht, wenn er sich auf die Geschlechter bezog. Dass Frauen, wenn sie nach Gleichheit strebten, nicht aussehen und ein Leben führen wollten wie Männer, sondern dass ihre Gleichheitsforderung sich auf die abstrakte Ebene des Rechts und der sozialen Chancen bezog, das hatte man inzwischen begriffen.
Doch es taten sich neue Schwierigkeiten auf. Wie wenn Gleichheit den Frauen schadete? Wenn sie überall so aufgestellt sein sollten wie Männer, wo blieb dann die Rücksicht auf Schwangere, Wöchnerinnen und stillende Mütter? Wo ihr Anrecht, bei Kraftsportarten eine weniger gewichtige Hantel zu stemmen? Und wollten sie wirklich auf das Vorrecht verzichten, als Erste ins Boot zu steigen, wenn das Schiff sank?
Es war klar, man musste die Emanzipation zweifach denken: in Termini von Gleichheit und von Differenz. Und genau das war es, was sich die Neue Frauenbewegung der frühen 1970er Jahre auf die Fahnen geschrieben hatte.
Gleichheit war damals immer noch ein großes Thema. Denn gleiche Löhne waren nicht erreicht, Geschlechtergleichheit in Vorstandsriegen ebensowenig, und es gab auf der ganzen Welt viele große Orchester, aber so gut wie keine einzige Dirigentin. An dieser quasi-gewerkschaftlichen Front arbeiten zeitgenössische Feministinnen immer noch, und es geht, wenn auch bereichsweise langsam, stetig voran.
Zugleich aber erkannte frau, dass auch von der Differenz her weiter nachgedacht werden musste, am besten in einer Doppelmatrix von Gleichheit und Differenz in einem einzigen dialektischen Zugriff.
Das hieß: Gerade weil Frauen eben nicht etwas kleiner geratene Mannsleut waren, sondern in der Tat ein „anderes Geschlecht“, war herauszuarbeiten, was beim Streben nach Gleichheit sozusagen präventiv in der Abteilung „Verschiedenheit“ abzulegen war, um es dort einer speziellen, auf Abweichung vom männlichen Muster bedachten Betrachtung zu unterziehen.

Sexualität und Lebensglück

Schwierige Sache. Einmal auf den Pfad der Differenz gesetzt und dabei zugleich den Gedanken der Gleichheit im Hinterkopf präsent haltend, entdeckte der neue Feminismus ganz von selbst das Thema Sexualität. Denn hier regierte eindeutig die Verschiedenheit der Geschlechter. Also neben der Besonderheit des Mannes auch die der Frau.
Wie sah es denn da unter dem Aspekt der Gleichheit aus? Wurden dem Akteur und der von ihm verschiedenen Akteurin gleiche Chancen gewährt, Befriedigung zu erlangen? Hatten Frauen als sexuelle Wesen die Aussicht, gleichermaßen Wollust aus der Begegnung mit Männern zu gewinnen wie diese aus der Begegnung mit ihnen?
Das war schwer zu eruieren. Existierten Statistiken? Nein. Es gab nur Vermutungen. Und die sprachen davon, dass Frauen den Orgasmus für ihr Lebensglück nicht brauchten. Solches Glück erfülle sich für sie vielmehr durch die Geburt eines Kindes. Also alles in Ordnung. Es war die Zeit des Babybooms.
Die Neuauflage der alten Freudschen Frage: „Was will das Weib (gemeint ist hier das Weib als sexuelles Wesen)?“ durch die Frauenbewegung Anfang der 70er-Jahre war ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Emanzipation. Sigmund Freud hatte die Frage zuerst gestellt, das war sein Verdienst. Eine Antwort hatte er nicht gefunden und sich schließlich damit begnügt zu konstatieren, dass die Geburt eines Sohnes den Körper der Frau wenigstens zeitweilig mit einem Penis versehe und sie als Mutter eines Knaben so dem Schicksal entginge, ihre Lüste auf ewig dem Penisneid opfern zu müssen.
Die Emanzen antworteten unisono: So ein Quatsch! Was wir wollen, ist dasselbe, was die Männer wollen: einen Orgasmus! Was das Ziel des Aktes betrifft, so herrsche Gleichheit. Man hatte es geahnt, aber nicht genau gewusst. Jetzt wurde es ausgesprochen.
Hinzuzufügen ist nun, dass nicht allein die Frauenbewegung, sondern ganz allgemein die Zeitläufte auf diese Frage zugesteuert hatten. Die späten 60er- und frühen 70er-Jahre waren die Epoche der sexuellen Revolution. Deren Vordenker, die Autoren des Kinsey-Reports und das Forscher-Paar Masters und Johnson in Amerika, waren als Wegbereiter genauso relevant wie die Antibabypille und der Sound des Rock ‘n‘ Roll.
Wenn Marvin Gaye singen konnte: „Let's get it on“, dann wollten wir danach tanzen. Während der weltweiten Jugendrevolte galt die Überzeugung, dass Sex and Drugs and Rock ‘n’ Roll die Menschen glücklicher machten, wobei die Drogen aus reinem Übermut in die Aufzählung geraten waren, eigentlich hieß es: freie Liebe und Musik und dann noch Meditation, oder sagen wir: der feste Glaube an das Gute im Menschen – all das mache glücklich schon hier auf Erden.
Unsere Gedanken als rebellische Frauen dazu waren diese: Die Männer können, wenn sie wollen, ihr Leben ganz ohne Frauen führen. Sie sind sowieso lieber unter sich, sei es in den Vorstandsetagen, auf der Regierungsebene, am Stammtisch oder beim Fußballtraining.

Sexualität ohne Herrschaft

Eine Sphäre aber gibt es, da sind sie, sofern heterosexuell, auf uns Frauen angewiesen, und das ist die erotische, ist das Liebesleben. Wir folgerten, dass auch die Männer ein starkes Interesse daran haben müssten, sich in dieser Sphäre besser mit uns zu verstehen, uns entgegenzukommen, mit uns einig zu werden, also die Gleichheit zu fördern.
Es ging damals viel um Sex ohne Bindung, und natürlich fiel auf die Männer der Verdacht, sich jetzt im Zeitalter der Pille und der erotischen Freiheit einfach nur austoben zu wollen und jeden Tag eine neue Eroberung zu machen.
Es zeigte sich aber, dass es auch Frauen gab, die so etwas wollten, und so wuchs die Toleranz auf beiden Seiten. Es gab tatsächlich die Hoffnung, dass eine sexuelle Beziehung, die durch die Emanzipation der Frau die Elemente von Herrschaft ganz abgestreift hätte, beiden Geschlechtern einen großen Zugewinn an Lust und Lebensglück bescheren könnte.
Was war denn das für ein Sex, den die Frau bloß über sich ergehen ließ – das war doch auch für den Mann nix. Wieviel befriedigender müsste es für ihn sein, eine Partnerin zu haben, die ihn begehrt und deren Weg zur Lustsuche er mitgehen kann. Mit einem Wort: Die Emanzipation bringt auch den Männern was: eine Partnerin, mit der es sich lohnt. Das ist doch ein Angebot!
Heute klingt es fast verwegen, so etwas zu sagen, aber Sexualität barg damals im feministischen Diskurs ein Glücksversprechen, das erst durch die befreite Frau gehalten werden konnte. Und natürlich wollten wir im Hier und Jetzt schon anfangen und unser Glück versuchen. Hey Junge, „let's get it on“.

Freie Sexualität mobilisierte

Das Thema Sexualität war für die um 1969/70 entstehende und rasch stärker werdende Frauenbewegung konstitutiv. Zwar stand es gleichberechtigt neben den Themen Gewalt gegen Frauen, „Leichtlohngruppen“ und Quoten, aber es hatte den höchsten Mobilisierungseffekt.
Die kleinste organisatorische Einheit der Frauenbewegung in jener Zeit waren die so genannten CR-Gruppen, conscious-raising-groups, also Bewusstseinserweiterungsgruppen; die kamen aus dem amerikanischen women's liberation-movement zu uns. Und die „Droge“, die war das Thema Sex. Man konnte frei reden, man war unter sich. Und hatte einen historischen Auftrag: die Emanzipation.
Soweit in den CR-Gruppen und in der feministischen Untergrundpresse nicht nur erfundene Geschichten erzählt wurden, war damals das Versprechen auf schöneren Sex mit freieren Frauen keineswegs leer. In der jungen Generation gab es immer mehr Männer, die Emanzen sexy fanden. Und das waren sie auch, weil das gewachsene Selbstbewusstsein überallhin ausstrahlt, auch auf die erotische Persönlichkeit.
Man könnte ja denken, dass die Männer durch das weibliche Freiheits- und Gleichheitsbegehren verunsichert waren und alles taten, um ihre Angetrauten oder Geliebten auf den Pfad der patriarchalischen Gehorsamskultur zurückzuscheuchen, und natürlich gab es die. Aber es ist die Frage, ob sie in der jungen Generation die Mehrheit waren.
Verunsicherung ist nicht per se von Übel. Sie nötigt zum Überdenken des Status quo. Jedenfalls gab es unter den Partnern der Emanzen viele, die bei der Gleichberechtigung mitmachen wollten und begriffen, dass auch für sie auf diesem Feld etwas zu holen sei. Warum immer nur den tollen Hecht markieren? Vor allem im Bett? Die jungen Männer fanden ihrerseits, dass Erotik ohne die traditionelle Rollenverteilung viel reizvoller sein könnte. Etliche nahmen das Angebot an.

Enttäuschung über das Zusammenleben mit Männern

Es bleibt nachzutragen, dass der Aufbruch der Frauen nach der subjektiven Seite von zu viel Enttäuschung über das Zusammenleben mit Männern und natürlich auch über den Sex mit ihnen getragen war, um hoffnungsvolle Aussichten überwiegen zu lassen. Wahrscheinlich gab es seinerzeit in frauenbewegten Kreisen mehr Scheidungen als glückliche Verbindungen.
Die Grundstimmung war kämpferisch, da war zu Beginn wenig Bereitschaft, im Leben mit Männern etwas Gutes zu sehen. Viele Frauen zogen die Konsequenz und entschlossen sich, mit Frauen zu leben und Frauen zu lieben. Das war die Geburtsstunde der so genannten Kulturlesbe. Darunter verstand man eine Frau, die nicht von Natur aus dazu bestimmt war, das eigene Geschlecht zu begehren, sondern durch Frust und Einsicht dazu gelangt war.
Diese Frauen entwickelten sich grosso modo zu dem führenden Personal der Feministinnen jener Jahre; sie hatten dabei das Thema Sexualität mit Männern für sich selbst sozusagen abgehakt.
Für die Mehrheit der Frauen in Stadt und Land, die ja auch von der Emanzipation und den ihr inhärenten Gleichheitsideen angesteckt werden sollten, war das Kulturlesbentum aber keine Lösung. Für sie war die Vorstellung einer erfüllenden Sexualität mit Männern als Lohn für die Anstrengungen der Selbstbefreiung durchaus plausibel und den Versuch wert. So blieb das Glücksversprechen innerhalb der Frauenbewegung intakt.

Von der Befreiung der Sexualität zu Sex als Quelle von Leid

Es ging aber nun ganz anders weiter. Der Kampfplatz der mittleren 70er-Jahre war der Paragraf 218, war die Auseinandersetzung um die Abtreibung. Damit verschob sich der Diskurs von der Befreiung der Sexualität und den darin enthaltenen heterosexuellen Hoffnungen hinüber zu Sex als Quelle von Leid, Ungleichheit, Angst und Strafandrohung.
Die Feministinnen verlangten die Streichung des Paragrafen, eine realpolitisch kalkulierende Bevölkerungsmehrheit die Fristenlösung, also straffreier Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche. Nicht einmal mit der Wiedervereinigung, als sich die Chance eröffnete, die Fristenlösung von der sich auflösenden DDR zu übernehmen, siegten Menschlichkeit plus gesunder Menschenverstand über das Dogma.
Zu einem nicht unerheblichen Anteil steckten die Kirchen dahinter. In der DDR hatten sie ihre Macht weitgehend eingebüßt, im Westen aber waren sie immer noch Herrschaft ausübende Faktoren, die an dieser entscheidenden Stelle jeden Fortschritt blockierten und die Ungleichheit der Geschlechter im Zusammenhang mit Sexualität verstetigten.

Ambivalente Rolle der Kirchen

Für die Frauen war der Klerus, historisch betrachtet, ohnehin eine gegnerische Macht, darum bemüht, die Gefangenschaft der weiblichen Gläubigen in ihren Häusern, an den Kinderwiegen und unter der Herrschaft ihrer Männer zu befördern und ihnen so die Lust an der Sexualität um ihrer selbst willen zu verderben.
Die Männer sollten natürlich auch treu sein und nur Sex haben, wenn sie ein Kind zeugen wollten, aber da ihre Körper die möglichen Folgen des Aktes nicht zu tragen hatten, waren sie stets freier, daran konnte auch der Papst nichts ändern.
Man muss verstehen: Die Kirchen, die ja starke Autoritäten waren, stellten sich mit Nachdruck auf die Seite der Frauen, wenn die Männer fremd gingen oder den Lohn vertranken, und deshalb verbündeten sich die Frauen gegen ihre eigenen Interessen mit den Priestern. Sie glaubten, es müsse so sein, und Gott, der Herr, wolle es so.
Genau jene moralische Superinstanz, der alles daran lag, Frauen in den sozialen Hierarchien und im Bett unten zu halten und Sex nur zur Fortzeugung des Menschengeschlechts zu „erlauben“, war dann wieder die letzte und wichtigste Zuflucht der unterdrückten, um ihre körperliche Lebensfreude betrogenen Frauen.
Ihre Vorkämpferinnen, die das ändern wollten, verloren den Kampf, soweit er die Strafbarkeit der Abtreibung betraf, sogar in unserer säkularen Epoche, jedenfalls in der BRD. Ja, wir sonst so streitbaren und siegreichen Feministinnen unterlagen damals in den 1970er-Jahren. Der umstrittene Paragraf 218 existiert nach wie vor, wenn auch in reformierter, milderer Gestalt.

Sexualität - nur noch Gefahrenzone?

Von dieser Verschiebung aus dem Reich der Lüste ins Reich der Sünde und Strafe hat sich der feministische Diskurs über Sexualität nicht wieder erholt. Die Ära der Blumenkinder und des Let's get it on, die damals als ein Aufbruch in ein neues Zeitalter erschien, sie war nur ein Intermezzo. Herrschaft ließ sich aus dem Geschlechterverhältnis letztlich nicht vertreiben, Gleichheit sich nicht überall leben, und die Missverständnisse, die sich an den Begriff der Gleichheit anlagern, ließen sich nicht nachhaltig klären.
Ferner ist Sexualität in sich fragwürdig geworden, sie gilt nicht mehr als von Natur, sondern als aus menschlichen Zuschreibungen zusammengesetzt. Die und der Einzelne fragen sich: Wer bin ich als Geschlechtswesen wirklich? Zur Unsicherheit tritt Unbehagen.
Wenn Sexualität im Kontext feministischen Nachdenkens heute überhaupt vorkommt, dann als eine Gefahrenzone, die Frauen ohne therapeutische Begleitung besser meiden sollten. So jedenfalls sieht es aus, wenn man voraussetzt, dass der Diskurs die Wirklichkeit spiegelt.
Aber natürlich bringt das Reden und Schreiben nie die ganze „Wirklichkeit“, sondern immer nur deren Reflexe zur Geltung. Wer zum Beispiel im Internet herumsucht, findet durchaus positiv konnotierte Beiträge, Bilder und Empfehlungen zum Thema Sex. Überwiegen werden aber auch wohl hier die unter Kampf und Krisen einzutragenden Posts.
Hinzu kommt, dass selbst die Auseinandersetzungen in den klassischen Printmedien von dem Ton angesteckt werden, der im Internet vorherrscht: Häme und bissige Polemik auf der einen Seite und heisere Marktschreierei auf der anderen.
Jedenfalls lässt sich beobachten, dass im feministischen Diskurs beim Thema Sex eine Radikalisierung des schwarzseherischen Standpunktes erfolgt ist. Die Stichworte lauten schon lange nicht mehr love and peace, sondern Diskriminierung, Belästigung, Übergriff, Nötigung, Vergewaltigung, Missbrauch, Prostitution, Femizid. Sex ist der Sündenpfuhl an sich geworden, von siebtem Himmel keine Spur.
Gibt es überhaupt noch Liebesfilme? Einer der erfolgreichsten feministisch inspirierten Filme, „Promising young Woman“ mit Carey Mulligan, handelt von einer Frau, die Männer in ihren Bann zieht, um sie im Bett übelst zuzurichten, womit sie ihre Freundin rächen will, die nach einer Vergewaltigung zu Tode kam.

Das Glücksversprechen freier Sexualität liegt in weiter Ferne

Auch die #Metoo-Bewegung, die als Initialzündung eines Feldzuges belästigter, missbrauchter, vergewaltigter Frauen gegen ihre Peiniger funktionierte, wirkte, so wichtig und richtig sie in vielen Fällen war, ganz und gar in diese Richtung: Sex als Kategorie im feministischen Diskurs verlor seine Aura als Glücksversprechen und sank ab zur Drohung des Gewaltverbrechens.
Nun könnte man dagegenhalten, das Thema sei eben schwierig, und es nütze ja nichts, darauf zu beharren, dass alles gut werden könne, wenn es in der Realität gerade nicht gut aussehe. Und das ist ein sehr ernst zu nehmender Einwand.
Wie war es denn zu Anfang unseres Jahrtausends, als das Echo von Marvin Gayes Sangeskunst noch hörbar gewesen sein muss? Skandale um Lehrer und Priester, die sich an Kindern vergangen hatten, schockierten die Öffentlichkeit. Ausgerechnet die Sittenwächter hatten ganz offen jegliche Sitte verhöhnt. Ein Streit um Pornografie und Prostitution entbrannte, Feministinnen forderten Verbote. Die Ermittlungen im Felde von Kinderpornografie im Internet erwiesen sich als unzumutbar bis unmöglich.
Der Sexdiskurs hatte sich nun endgültig zwischen die Strafgesetzbücher, Prozessregularien und die Aufarbeitung dunkler Machenschaften in Kirchen und Landschulheimen verlagert, zu schweigen vom Aufschwung des Mädchenhandels schon während der 90er-Jahre. Wer jetzt noch an das Glücksversprechen der „sexuellen Revolution“ erinnert, gilt als hoffnungslos von vorgestern. Trotzdem muss es sein.
Dass Sex politisch sei, gilt als überholte Phrase aus der 68er-Zeit. Die Geistlichkeit aber wusste es immer schon besser, und auch der Staat hat unter den Labeln ‚Gesellschafts- und Familienpolitik' ständig mit diesen vorgeblich rein privaten Angelegenheiten zu tun. Gleichfalls, wie wir gesehen haben, die Gerichte.
Es redet also, wer über Sex redet, auch über Politik. Dies berücksichtigend müssen wir als Feministinnen und auch als geneigte Zeitgenossen, die finden, dass die Lage der Frauen in Sachen Gleichheit oder Ungleichheit immer noch der Diskussion würdig sei, neu nachdenken. Denn wir selbst und die linken politischen Parteien, die unsere Anliegen aufgriffen, dominieren die kulturelle Sphäre nicht mehr so wie gewohnt.
Rechte Parteien sind im Aufwind, und sie werden sich auch in den Sex-Diskurs mischen. Im Internet tun sie das schon, wenn auch eher indirekt. Aber wir haben dort so manchen Kasper und so manche Influencerin, die ganz neue Töne anschlagen.
Man muss noch einmal darauf hinweisen, dass auf der politisch rechten Seite der Feminismus beargwöhnt oder abgelehnt wird. Einstweilen bekämpften die Rechten ihn noch nicht mit offenem Visier, aber er ist ihr erklärter Gegner: zu liberal, zu individualistisch, zu links, zu wenig bedacht auf Heimatland, Hierarchie, Rasse und Gottvater.
Die für die Gleichberechtigung kämpfenden Frauen haben viel erreicht in den letzten 150 Jahren, und in den letzten 50 Jahren gab es noch einmal einen kräftigen Fortschrittsschub. Aber sie waren keine guten Gewinnerinnen. Sie waren so stolz auf die Verringerung des Abstandes zu den Männern, was Chancengleichheit, Bewegungsfreiheit, Aufstieg und erotische Aktivität betrifft, dass sie aus den Augen verloren, wie es auf der Gegenseite aussah.
Da gab es nicht nur die Einsichtsvollen, die sich im Zweifelsfalle auf die Seite der Frauen stellten, sondern auch die anderen, für die Emanzipation immer ein Fremdwort war und die dabei blieben, dass den Männern das letzte Wort zustünde. Solche Vertreter eines backlashes sind gerade in den jüngeren Generationen zahlreich zu finden, es scheint, als würden ihrer immer mehr.
Diese Jungs stehen frustriert vor der Tatsache, dass Mädchen in der Schule besser sind, dass sie die Mehrzahl derer stellen, die ein Hochschulstudium abschließen und Weltreisen machen. Sie trauen sich nicht, solche supergirls anzusprechen, verabreden sich lieber untereinander und ziehen über die Weiber her. Und sie stoßen auf ein politisches Angebot. Die Rechte sagt zu ihnen: Kommt zu uns. Wir ändern das.

Die Rechten liefern nun ein Glücksversprechen an die frustrierten Jungen

Wenn der feministische Diskurs sehenden Auges fortfährt, das Feld der Sexualität als eines der Gewalt und des Verbrechens zu markieren und sich jene anderen Zugänge verbietet, die dermaleinst die jungen Frauen als Utopie in den Raum stellten, zugegebenermaßen mit einem tüchtigen Schuss Verklärung, aber doch nicht ganz ohne jede Wurzel in der Wirklichkeit, dann wird es so kommen, dass es die Rechten sind, die das Glücksversprechen kapern und es unter ihrer Ägide für die junge Generation neu formulieren.
Es wird ihnen gar nicht schwer fallen. Sie werden zum frustrierten Jungen sagen: ‚Hey, mach bei uns Rechten mit, dann zweifelst du nicht mehr an deiner Überlegenheit über die Weiblichkeit. Die Mädels wollen doch selbst keinen Schlaffi, die wollen den Kerl, der es ihnen zeigt.'
Auf der Internetseite Manosphere wird längst so renommiert, und auf den ergänzenden Seiten der Tradwives posieren Frauen mit Schürze als glückliche Gattinnen, deren Lebenszweck sich in der besten aller Apfeltorten erfüllt. Zu den jüngsten Protuberanzen feministischer Einlassungen gehören indes Seiten, auf denen Frauen sich zusammenfinden, die schwören, auf ewig den Männern zu entsagen, weil... nun, man weiß doch: „Die Männer sind alle Verbrecher!“
Wogegen sich die ersten Feministinnen der 1970er-Jahre immer wieder wehren mussten, war der Vorwurf der „Männerfeindlichkeit“. Gleichberechtigung war ja gut und schön, die wollte auch der Mann von der Straße den Frauen gerne zuerkennen. Aber warum dieser Affront gegen die Männer? Dass das nicht anders ging, dass in dieser Auseinandersetzung, genannt Frauenemanzipation, die Männer bereit sein mussten, ein Stück Macht und Vorherrschaft abzugeben, um so für die Frauen neue Chancen zu kreieren, das wollte man einfach nicht wahrhaben.
Aber bei allen sozialen Kämpfen, sofern sie überhaupt ausgetragen werden, gibt es am Ende Gewinner und Verlierer. In Sachen Emanzipation haben die Frauen gewonnen und die Männer verloren, das ist unbestreitbar. Jetzt sollten die Frauen gute Gewinnerinnen sein. Ferner sollte der Gedanke wieder zugelassen werden, dass beide gewinnen! Es kann doch nach den Kämpfen irgendwann eine neue Ebene des Ausgleichs gefunden werden, auf der die Kontrahenten unter veränderten Bedingungen neu antreten.
Heute gibt es keine Leichtlohngruppen mehr, die nur für Frauen gedacht waren und etwa die Hälfte der Summe aufwiesen, die auf dem Lohnzettel eines Mannes stand. Es gibt immer noch Unterschiede, nur sind die eben viel geringer.
Dass es irgendwann mal gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt, das dürften auch die Männer anerkennen und anstreben. Es sei denn, eine Partei erringt in unserm Land die Macht, die von Gleichheit überhaupt nichts wissen will und sie als Ideologie in toto verwirft. Dann gute Nacht, Emanzipation!

Sexualität gepaart mit Liebe

Für den Diskurs über Sexualität und seine möglichen Auswirkungen auf wirkliche Liebespaare sei am Schluss darauf hingewiesen, dass ja das sexuelle Begehren die Neigung hat, sich mit dem Gefühl der Liebe zu verbinden. Es ist von ihm gänzlich abtrennbar, ja der sexuelle Trieb kann mit dem Gefühl der Verachtung und der Absicht der Destruktion einhergehen. Aber seine Neigung zum Gefühl der Liebe ist sehr wahrscheinlich stärker.
Früher hätte man gesagt, dass es Gottes Wille, beziehungsweise seine gute Idee gewesen sei, den Männern das Verlangen nach dem Weibe und den Weibern das Verlangen nach dem Manne einzugeben, um so der Menschheit eine Fortdauer auf Erden und ein Leben in Harmonie miteinander zu gewähren. So denken wir heute nicht mehr.
Aber auch wir brauchen eine verbindliche Vorstellung davon, wie Braut und Bräutigam, Frau und Mann, Mutter und Vater, Oma und Opa im besten Fall zueinander stehen. Im Zeichen der Gleichheit, sprich Augenhöhe von Mann und Frau, verdient und braucht also das Geschlechterverhältnis eine neue Definition.
Für die reicht es nicht aus, die Konfliktträchtigkeit auf die Spitze zu treiben und die Potenziale des „Friedens“, will sagen des wechselseitigen Verstehens und der Liebe, jenen Gruppen zu überlassen, die im Internet davon fabulieren, es könne wieder so werden wie im 19. Jahrhundert, als die Mutter der Kinder züchtig im Hause waltete und der Mann auf die Jagd ging.
Es sind die emanzipierten Frauen, die es versäumt haben, der Gesellschaft eine positive Definition eines egalitären Geschlechterverhältnisses zu liefern. Um die zu finden, könnten sie als Erstes damit aufhören, das männliche Begehren vorwiegend und präventiv als verbrecherische Strebung zu rubrizieren. Und einmal mehr in sich selbst hineinschauen. Wenn sie dort ein Bild, eine Idee, ein Meme, einen Hinweis entdecken, dass sie als Frauen die Männer begehrenswert finden und dass sich dieses Begehren mit Liebe verbinden will und wenn sie dann dieses Bild beschreiben, ist ein Anfang gemacht.