
In Debatten über Männlichkeit stehen oft die Ränder im Fokus: hier toxische Männlichkeitsbilder, dort progressive Konzepte von Geschlecht, Queerness und vielfältigen Lebensmodellen.
Weniger Beachtung finden jedoch Männer der Mitte. Laut einer kürzlich veröffentlichten Meta-Studie erleben sie ihre Männlichkeit als unsicher. Wenn das männliche Selbstbild ins Wanken gerät, wirkt sich das auf Gefühle und Selbstbild, auf Einstellungen und Wahlentscheidungen aus.
Männer der Mitte unter Druck
Mit den Männern der Mitte haben sich Debatten und Forschung bisher kaum befasst. Man kann sich ihnen aber annähern. So werteten Forschende der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel für eine sozialpsychologische Meta-Studie mehr als 120 Studien aus, an denen knapp 20.000 Männer teilgenommen hatten.
Waren die Männer in ihrem Selbstbild unsicher, zeigten sie in Experimenten die klarsten Reaktionen: Bedrohte Männlichkeit rief „noch größeres Männlichkeitsgehabe“ hervor – „quer durch alle Nationalitäten, Altersstufen und sozialen Schichten, in konkreten Aktionen und sozialem Verhalten“, so die Erkenntnis von Studienautorin Lea Lorenz.
Demnach waren Männer dann eher für patriarchale Strukturen, für Geschlechtertrennung, „rechtere“, aggressivere Politik, und sie sprachen Frauen oder sexuellen Minderheiten eher die Rechte ab.
Zwar war der Effekt im Durchschnitt nicht sehr groß, allerdings war das Grundmuster durchgehend signifikant nachweisbar. Lorenz‘ Fazit: Es sei deutlich geworden, unter welchem Druck Männer stehen – auch jene, die „sich selbst als souverän und gefestigt in ihrer Männlichkeit sehen“.
Männer mit ambivalentem Rollenbild
Der Soziologe Matthias Schneider liest aus den Studien noch etwas anderes heraus: „Die Männer der gesellschaftlichen Mitte sind eher moderne Männer, die aber am gesellschaftlichen Status quo festhalten.“ Demnach ist ihnen Gleichstellung als Wert durchaus wichtig; sie wollen auch mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen.
Gleichzeitig grenzen sie sich von Erwartungen ab, mehr Fürsorge und Hausarbeit zu übernehmen. Diese Männer stehen Schneider zufolge unter einer „ambivalenten Spannung“. Sie hätten „relativ wenig Interesse, sich mit der eigenen Geschlechterrolle auseinanderzusetzen“, seien aber auch nicht „offen antifeministisch“.
Schneider sieht bei ihnen „offene Achsen“ – sowohl zu einer progressiven als auch zu einer traditionellen oder „maskulinistischen“ Seite.
Junge Männer mit problematischem Männerbild
Dass gerade junge Männer eine „offene Achse“ zu letzterer Seite haben, hat jüngst eine Studie in der Schweiz gezeigt: Danach befürchtet fast jeder Zweite im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, „echte“ Männer würden an den Rand gedrängt.
Forschende führen das unter anderem auf den Einfluss der sogenannten Manosphere zurück. Das ist der digitale Raum, in dem Influencer wie Andrew Tate männliche Überlegenheit und Frauenhass propagieren.
Aber auch reale Abstiegsängste spielen eine Rolle: Die in multiplen Krisen aufwachsenden jungen Männer wählen reaktionäre Männlichkeitsvorstellungen als „Leitplanke“ durch das Leben, „weil die ihnen eine vermeintliche Sicherheit geben“, analysiert Soziologe Schneider.
Dass gerade der Macho allgemein ein Comeback erlebe, dass also quasi ein Pendel zurückschlage, weisen Wissenschaftler allerdings als zu pauschal zurück.
Laut dem Psychologen Markus Theunert gibt es eher zwei Dynamiken: Viele junge Männer orientieren sich heute an einem dominanten Männerbild. Gleichzeitig setzen sich viele andere kritisch mit Geschlechterrollen auseinander und hinterfragen patriarchale Privilegien.
Junge Männer müssten sich zwischen Vorwärts- und Rückwärtsbewegung entscheiden, betont Theunert. „Was tatsächlich unter die Räder kommt, ist die Position der Mitte – also dieses etwas hilflose Unterfangen, irgendwie theoretisch für Gleichstellung zu sein, aber praktisch sich im eigenen Lebensvollzug nicht hinterfragen wollen zu lassen.“
Zugehörigkeit und Kontrolle mindern Anfälligkeit für Populismus
Aus seiner Arbeit an Schulen berichtet der Autor und Aktivist Fikri Anıl Altıntaş von einem „enormen Gesprächsbedarf“ unter Jungen und jungen Männern. Viele wollten in ihrer Männlichkeit gesehen werden und suchten Orientierung, sagt er. „Nicht alle stehen auf Andrew Tate, den selbsternannten König der Maskulinität.“
Angesichts von Zukunftsängsten brauche es Angebote „auf Augenhöhe“ – konkrete Sozialpolitik und „gleichstellungsorientierte Männerpolitik“.
„Diejenigen jungen Männer, die ein Gefühl von Zugehörigkeit und Kontrolle haben, die in ihren Sorgen und Ängsten wahrgenommen werden, die sind nicht wirklich anfällig für populistische Erzählungen – auch im Kontext von Männlichkeit“, so Altıntaş.
Onlinetext: Beate Thomsen
















