Dienstag, 28. Juni 2022

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Feridun Zaimoglus "Siegfried"
Ein zotiger, neuer Blick auf eine alte Sage

Das Münchner Volkstheater hat die germanische Sage um Siegfried und den Nibelungenstoff vom Rhein an die Isar geholt. Unter der Regie von Christian Stückl ist der "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit seinen tumben Figuren und seiner zotigen Sprache ein parodistischer Totalausverkauf für den deutschen Nationalmythos - und ein reines Vergnügen zuzuschauen.

Von Sven Ricklefs | 28.03.2015

Feridun Zaimoglu
Autor Feridun Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
"Nur manchmal, ...."
"Ja, da haben wir's."
"... wenn die Eule auf dem kahlen Baum ruft, wird's komisch in meinem Schädel Uhuu. Uhuu."
"Maul halten."
Ja so ist er dieser Siegfried von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, dieser Siggi, wie ihn einige nennen, oder Siegchen Friedlein, wie seine Mutter Sieglinde, die Königin der Niederlande, ihn ruft. Er ist: etwas komisch im Kopf. Obwohl, sehr viel beschränkter als der Rest der Mannschaft ist er eigentlich auch nicht. Ob nun Hagen von Tronje, der den drachenblutgestählten Siegfried final in die berühmte Eichblattverletztlichkeit sticht. Oder Gunter, der König des Burgunderreiches, der scharf ist auf Brunhild, aber eigentlich zu schwach ist für sie. Oder: Ob diese Brunhild, die Walkürenkönigin, die Siegfried will, aber von dem nicht gewollt wird und dafür eben Hagen bekommt, ob die oder ob Krimhild, die Burgunderprinzessin, die Siegfried bekommt, weil er unter der Tarnkappe Gunter die Brunhild erstreitet und entjungfert, sie alle, die da im Nibelungenlied raufen und lieben, rauben, morden und betrügen, sie sind nicht gerade die Hellsten. Jedenfalls nicht in dieser Version des Mythos im Münchner Volkstheater.
Da ragt Siegfried eigentlich schon wieder heraus, ist der immerhin noch Held, Drachentöter, Walkürenbesieger mit Kettenhose, wohldefiniertem Oberkörper, ebensolchem Geschlechtstrieb und rasierten Achselhöhlen. Kein Wunder, dass er sich seinem Publikum mit ACDCs Hardrockheldenballade TNT vorstellt.
Tief in die Fäkal- und Sexualsprache gelangt
Wie schon bei ihrer ebenso aggressiven wie umstrittenen und gefeierten Othello-Version an den Münchner Kammerspielen vor zwölf Jahren, hat das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel tief in die Fäkal- und Sexualsprache gelangt, um dem Stoff Erdung und Zunder zu geben. Dabei verweisen die Autoren zu Recht darauf, dass das mittelalterliche Nibelungenlied eigentlich durchaus deftig daherkommt und dass die hehren Minnesänger um den deutschen Nationalhelden Siegfried eher eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sind. Ohnehin ist dessen Ruf längst dahin, spätestens seit die Nazis in Adolf Hitler einen Wiedergänger Siegfrieds erkannten. Selbst auf der Opernbühne kann Wagners Ring kaum noch je in ungebrochener Verklärung aufgeführt werden. Trotzdem ist nun dieser Siegfried mit seinen tumben Figuren und seiner zotigen Sprache ein parodistischer Totalausverkauf für den deutschen Nationalmythos schlechthin. Das sind nur noch Karikaturen ihrer selbst, die Regisseur Christian Stückl da auf seine volkstheatrale Pappmachebühne geschickt hat, Karikaturen, die über alles stolpern und gegen alles anrennen, was sich ihnen anbietet, die im Kostüm Burgfräulein, Ritter oder Megäre komisch auf die Spitze treiben und die nicht nur sprachlich im wahrsten Sinne des Wortes auf die Kacke hauen, während sie sich im Kinderslang über sexuelle Eindeutigkeiten austauschen:
"Mein Killipilli war hart und trocken."
"Aha, du wolltest auf dunklen Pfaden ihre Jungfernschaft erhellen."
"Nein, mir war nicht nach ihrem Kackapupu."
"Wolltest Du an der Kuckumumu mutschen?"
"Gern hab ich geschlunzt, am Liebesknöllchen zart genagt."
"War ihre Mimi bäh und iih? Oder..."
Das mag sich alles grauenvoll anhören, wahr aber ist, dass Stück wie Inszenierung so grandios auf die Posse setzen, dass es ein reines Vergnügen ist, dieser zuzuschauen. Das liegt zum einen sicherlich an der unverkennbaren Spielfreude des Ensembles, das sich um den als tumbes Mittelaltermodell aufspielenden Jakob Gessner in der Rolle des Siegfried schart. Das liegt aber auch an der Wucht der säuischen Sprache des Autorenduos, dem fast naiven ästhetischen Zugriff, der vor keinem riesigen flügelschlagenden Drachen und vor keiner Travestiebesetzung der Walküren zurückschreckt und dass liegt daran, dass Regisseur Christian Stückl bei aller Ausfälligkeit immer wieder die Kurve zu kratzen versteht. Und so hat Intendant Stückl mit diesem Auftragswerk seinem Haus und dessen Namen alle Ehre gemacht, denn das heißt ja nicht umsonst: Münchner Volkstheater.