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StartseiteCorsoEine lohnenswerte Laptop-Konferenz in Wuppertal01.06.2015

Festival "Stadt Klang Tal" Eine lohnenswerte Laptop-Konferenz in Wuppertal

Von Peter Backof

Also ich höre was, das wirkt so als wäre es real aus dem Stadtraum, aber so ein bisschen in die Länge gezogen, also so, als wäre eine Welle geloopt, sodass irgendetwas Reales entfremdet, musikalisiert ist. Ist das das Prinzip von dem, was wir ganz konkret jetzt gerade hören?

"Gut, ich hab jetzt angefangen, damit zu spielen, aber das ist so pur, so schön, dass man fast nichts machen muss. Durch diese Idee, dass die Stadt Wuppertal eine Rolle spielen soll, haben wir angefangen, Klänge zu sammeln. Die Schwebebahn ist sehr berühmt und die hat auch tolle Klänge; und ich war auf der Suche nach dem Klang, wie die Schwebebahn wendet."

Ich lag also falsch: Der Klang, den Wuppertaler wohl kennen, ist echt. Für Gunda Gottschalk, Initiatorin des Festivals "Stadt Klang Tal", das charakteristische Geräusch Wuppertals schlechthin. Für andere ist - oder war es - Lärm: Das sonore Brummen und Schleifen gibt es nicht mehr, weil die Schwebebahnkehre inzwischen mit einer Sprinkleranlage gewässert wird, was den Sound dämpft. Der tönt so von einer CD der Wuppertaler Stadtwerke aus Gunda Gottschalks Laptop, beim Workshop "Mein Stadtsound".

Andere Klänge dagegen werden ihr live aus der Stadt als Stream zugespielt. An der zentralen Verkehrsader "Gathe" steht jemand mit einem Mikrofon. Oder im ehemaligen "Wartesaal dritter Klasse" des Bahnhofs Mirke, der inzwischen als alternatives Kulturzentrum dient.

"Das Schöne ist, dass eben mit ´Utopiastadt´ ein Kooperationspartner dazu gekommen ist, wo Hacker zu Hause sind, die eben so ein alternatives Internet aufbauen. Und diese Ressourcen werden jetzt zusammengeführt".

"Utopiastadt" mit Hacking Space, Gardening Space und Radwerkstatt ist das eine Festivalzentrum. Im zweiten, ein Galerieraum in der Luisenstraße, kommen die Soundschnipsel aus dem - in diesem Moment - programmiertechnisch vernetzten Stadtraum zusammen, manche Konserve, manche live.

"Sodass wir heute Abend, wenn alles gut geht und nicht irgendwas zusammenbricht, auch Livestreams haben werden. Das heißt eben: Die Künstler bekommen die Aufnahmen hier eingespeist und können wirklich live Sachen abrufen, die in dem Moment auch in Echtzeit erklingen."

Beim Konzert wird es dementsprechend vielschichtig. Drei Musiker sitzen mit Laptops auf der Bühne. Für Elektromusiker ist der Laptop heute das Arbeitsgerät der Wahl, schon alleine deswegen, weil er mobil ist. Die Musiker hatten im ersten Schritt der Konferenz auch selber Klangmaterial in der Stadt gesammelt, das sie nun, beim Konzert, neben dem live zugespielten Material, verarbeiten - indem sie improvisieren. Und etwa hundert Besucher fragen sich: Welches Klangelement ist da roh und analog, welches digital manipuliert und inszeniert: ein ziemlich gutes Sinnbild für das Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Medien, wie es sich für uns eben heute darstellt. Komplex und auch mal philosophisch: Sollen wir überhaupt noch trennen zwischen dem Echten und dem Inszenierten? Singt dieser Gesangsverein, den wir da hören, in diesem Moment echt, in der Kneipe nebenan oder ist das ein vom Musiker vorbereiteter Klangschnipsel?

Eine Frage, die beim Hören noch schwieriger zu beantworten ist als beim Sehen. Tina Tonagel, eigentlich bildende Künstlerin, ist auch beim Konzert als Musikerin dabei. Sie bricht den Begriff einer "Laptop-Konferenz" noch einmal von einer ganz anderen Seite her herunter: Sie hat in aufgeklappte Koffer Kühlschrankroste oder Triangeln montiert. Vom modischen Hi-Tech zum selbst gemachten Low-Tech: Anarchisch wie ein mit echten Blumen bepflanzter, alter Fernseher.

Also für mich wirkt das - auch ironisch -, als wollte man dieses typische Verhalten "Der Mensch mit seinem Laptop im Café", der die üblichen Programme und Apps nutzt, so ein bisschen karikieren auch, aus den Angeln heben?

"Ja! Eigentlich kann man das so sagen. Ich guck mir selber ungern Konzerte an, wo einfach nur Musiker hinter ihrem Laptop versteckt sind und irgendwas machen. Weil das einfach zu abstrakt ist und digital. Und deshalb dachte ich, ich ändere das mal ein bisschen."

Laptop ist nicht gleich Laptop. Die Künstler haben Handschriften: Die iranisch-US-amerikanische Farahnaz Hatam hat eine eigene Programmiersprache entwickelt, den "Super Collider", und kann damit sämtliche Parameter von akustischem Rauschen generieren und manipulieren. Für "Stadt Klang Tal" indes hat sie eine ganz simpel gestrickte Benutzeroberfläche entwickelt, sodass sogar Grundschulkinder mit Rausch-Klängen jonglieren können.

Und natürlich ist das auch Kalkül des Festivals: aus der engen Experimentalmusik-Nische herauszukommen und Programm für alle zu machen. Ein Blick ins Konzertpublikum zeigt, dass es funktioniert: vom Teenager, den Hacking fasziniert, über etwas ältere Kenner Neuer Musik, bis hin zu spontan entschlossenen Wuppertalern, die ihre Stadt mal anders hören wollten: Dieser Besuch hat sich gelohnt!

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