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FIFA-Fußball-WM
Der Gastgeber als großer Verlierer

"Die Gastgeberrolle dient als Startrampe für das Wohl der Bürger", hatte FIFA-Präsident Joseph Blatter einst über die Fußball-WM gesagt. Einer aktuellen Studie zufolge trifft allerdings das Gegenteil zu. Im Fall von Brasilien deutet manches darauf hin, dass das Land nicht gerade der große Profiteur sein wird.

Von Marina Schweizer | 30.05.2014
    Blick auf die Arena Pernambuco in Recife, Brasilien (aufgenommen am 23. Juni 2013).
    Umgerechnet rund zehn Milliarden Euro kostet die Weltmeisterschaft in Brasilien nach offiziellen Angaben. Immer wieder ist die Rede von der teuersten WM aller Zeiten. (picture alliance / dpa - Srdjan Suki)
    Der Confederations Cup im vergangenen Sommer – der Testlauf für die Weltmeisterschaft in Brasilien. Schon in diesen Wochen zeigt sich: Es brodelt in der Bevölkerung. Viele Brasilianer glauben offensichtlich nicht an die Prophezeiungen des Fußball-Verbandes FIFA, wie sie deren Präsident Joseph Blatter anlässlich der Stadioneröffnung in der Hafenstadt Recife machte:
    "Es ist bereits das zweite Mal, dass in Recife ein großes Fußballturnier stattfindet, nachdem die Stadt bei der WM 1950 Austragungsstätte war. Ich bin erstaunt über die Vision dieser WM-Stadt – das Stadion auf der grünen Wiese zu bauen, wo vorher nichts stand. Wo aber künftig 5000 Wohnungen stehen sollen. Welch ein WM-Erbe. Die Gastgeberrolle dient als Startrampe für das Wohl der Bürger. Ich wünsche Ihnen eine großartige Zeit und nur das beste!"
    Positive Effekte werden überzeichnet
    Ob wirtschaftlich so viel Gutes an Brasilien und seinen Bürgern hängen bleiben wird? Eine aktuelle Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstitutes und der Berenberg Bank kommt da zu einem anderen Schluss:
    "Ein solches Ereignis wird natürlich auch immer dazu genutzt, politische Propaganda zu betreiben. Insofern werden natürlich vorher Studien und Gutachten erstellt, die positiven Effekte werden im Vorfeld oftmals überzeichnet, um dieses Event überhaupt ins Land zu bekommen",
    sagt Henning Vöpel, einer der Studienautoren. Die Versprechen, so sagte er, könnten aber oft nicht gehalten werden. Beispiel: Südafrika: Auch beim Ausrichter der WM 2010 war die Hoffnung auf den großen Aufschwung groß. Und jetzt?
    "Also, wir können jetzt nicht beobachten, dass das Land im Wirtschaftswachstum besonders profitiert hätte. Was wir allerdings beobachten, dass die Signalwirkung nach außen sehr gut funktioniert hat. Der afrikanische Kontinent insgesamt ist geeigneter geworden, um ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Und ein zweiter sehr wichtiger Effekt war ein interner Effekt."
    Der sogenannte "Civic Pride". Die Menschen sind stolz darauf, dass ihr Land ein solches Großereignis gestemmt hat. Und das kann nach Ansicht des Weltwirtschaftsinstituts produktiv wirken. Zumindest im Vorfeld ist ein solcher Stolz auf das Land vielerorts in Brasilien nicht zu spüren. Zahlreiche Bürger würden das Geld für die Stadien lieber in Schulen und Krankenhäuser investiert sehen. Nach offiziellen Angaben sind es inzwischen umgerechnet rund zehn Milliarden Euro. Immer wieder ist die Rede von der teuersten WM aller Zeiten.
    Die Schweiz profitiert mit
    Dagegen wird der Fußball-Weltverband FIFA auch bei dieser WM kräftig mitverdienen – und Milliarden an Fernsehgeldern und Lizenzrechten einnehmen. Die FIFA argumentiert: Das Geld fließe zurück in die Landesverbände und auch in soziale Projekte. Doch, dass der Verband selten als Wohltäter gesehen wird, könnte noch an etwas anderem liegen: Die FIFA bekommt im Gastgeberland deutliche Steuererleichterungen. Und: Weil Fernseh- und Marketingverträge in der Schweiz geschlossen werden, fließen die Steuern dafür genau dorthin. Henning Vöpel:
    "Das heißt: Es verbleiben nicht einmal die Steuereinnahmen und die fiskalischen Effekte beim Staat, sondern die gehen auch direkt an die FIFA, kann man sagen. Sodass für das Land direkt nur diese mittel- bis langfristigen Imageeffekte stehen. Und umso wichtiger ist es, dass ein Land wie Brasilien mit der rechtzeitigen Bereitstellung der Stadien, mit einer reibungslosen Organisation des Events tatsächlich dieses Signal sendet, weil das eben ganz besonders wichtig ist."
    Die Schlagzeilen der vergangenen Woche sprechen eine andere Sprache: Die Organisation im Ausrichterland verläuft alles anderes als reibungslos. Und so könnte es sein, dass für Brasilien am Ende noch nicht einmal der positive Imageeffekt auf der Haben-Seite steht.