Mittwoch, 18. Mai 2022

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FIFA-Skandal
"Nur Blatter auszutauschen reicht natürlich nicht"

Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen) und ehemaliges Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages hat die Rolle der UEFA beim aktuellen FIFA-Skandal heftig kritisiert. Die UEFA spiele sich jetzt als Reformer auf, habe aber "bislang nichts dazu beigetragen, diesen Korruptionsstadl irgendwie aufzuräumen", sagte sie im DLF.

Viola von Cramon im Gespräch mit Christoph Heinemann | 28.05.2015

Viola von Cramon, Bündnis 90/Die Grünen, gehörte dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages an.
Viola von Cramon: "Natürlich kann aus der Politik viel mehr Druck kommen." (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Christoph Heinemann: Statt der Bälle passen als Logo für den Fußballweltverband künftig eher Gitterstäbe. Wenn man wissen möchte, wie sich die FIFA unter ihrem umstrittenen Präsidenten Joseph Blatter entwickelt hat, muss man gegenwärtig nach Zürich schauen! Gestern die Festnahmen hochrangiger FIFA-Funktionäre, und als sei nichts geschehen, möchte sich der alte Präsident morgen wiederwählen lassen! Eigentlich!
"Ich will mein Geld zurück", sagte einst die Premierministerin, die britische, Margaret Thatcher. Heute sind ähnliche Rufe aus der britischen Hauptstadt zu hören.
Und am Telefon ist Viola von Cramon, sie gehörte für Bündnis 90/Die Grünen dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages an. Guten Tag!
Viola von Cramon: Ja, hallo, Herr Heinemann!
Heinemann: Frau von Cramon: Alle schießen sich auf Sepp Blatter ein! Sie auch?
von Cramon: Natürlich ist das eine leichte Aufgabe. Aber ich glaube, man muss ein bisschen tiefer gehen. Letztendlich konnte Sepp Blatter über fast 35 Jahre nur schalten und walten in dem Rahmen, weil es eben keine Checks and Balances, weil es keine Kontrollmechanismen gab, weder in seinem eigenen Verband noch durch andere Akteure im Sport. Und das ist im Grunde das wirklich Tragische, wenn man das mal so ein bisschen durchdekliniert.
Jetzt spielt sich die UEFA als Reformer auf, aber die UEFA selbst hat ja bislang auch nichts dazu beigetragen, diesen Korruptionsstadl irgendwie aufzuräumen, ganz im Gegenteil. Und selbst wenn die UEFA das jetzt boykottieren sollte oder beziehungsweise eine Verschiebung beantragt, was sicherlich der richtige Schritt ist, wenn man so ein bisschen hinter die Kulissen guckt und sich die Akteure anschaut, dann sieht man natürlich, dass das auch alles hochgradig korrupt ist.
Also, ein Rummenigge, der als Vorsitzender der Profi-Liga, der europäischen Profi-Ligen unterwegs ist, hat sich ja beispielsweise bei der Verschiebung Katars, bei dem Termin mit 195 Millionen Euro sehr schnell zufrieden gegeben. Also, da gibt es gute Gründe zu glauben, dass Blatter da auch an vielen Stellen ein leichtes Spiel hatte. Und wenn Sie ein bisschen schauen, wie sich die Politik insgesamt, international, aber auch in Deutschland mit dem Blatter arrangiert hat – er hat das Bundesverdienstkreuz in Deutschland bekommen –, der Sport, der Fußball als werbeträchtigstes Produkt auf dem internationalen Sportmarkt eignet sich einfach hervorragend für beide Seiten, sich dann eben auch mit der Führungsfigur Blatter und mit der FIFA zu arrangieren.
Heinemann: Was kann nur, wenn wir noch mal zu den Festnahmen kommen, er dafür, Herr Blatter dafür, wenn Kollegen mutmaßlich mit den Fingern im Mustopf erwischt werden?
von Cramon: Wie meinen Sie das?
Heinemann: Was kann er für die Korruption? Er hat ja keine direkte Schuld daran!
von Cramon: Sagen wir so, Herr Blatter ist natürlich unglaublich gewieft und kennt das Spiel des internationalen Sports sehr gut.
Nun muss man wissen, dass all die, die jetzt verhaftet wurden oder die vielleicht noch mit einer Anklage belangt werden, alle engste Vertraute waren, engste Stimmenbeschaffer von Blatter waren. Es ist kaum davon auszugehen, dass das System, was diese Herrschaften ernährt hat, nicht auch eben von Herrn Blatter befördert wurde und ins Leben gerufen wurde.
Also, die starke Kommerzialisierung des internationalen Fußballs, des Sports, so wie Blatter die vorangetrieben hat, das ist ein Kind aus dem Hause Blatter. Und natürlich weiß er ganz genau, was gespielt wird, natürlich weiß er ganz genau, wie die Fernsehrechte weiter vermarktet werden. Natürlich hält er so die Abhängigkeiten, die er braucht, um wieder gewählt zu werden, auch am Leben. Also, von daher ist es schon sehr scheinheilig, dass er selbst zwar jetzt nicht mit einer Anklage belangt wird und sich quasi davon distanzieren will, aber das sind natürlich seine engsten Vertrauten.
"Blatter ist derjenige, der die Hand über alles hält"
Heinemann: Wäre denn die FIFA ohne Blatter sauber?
von Cramon: Na ja, sauber ist was anderes. Aber wenn man erst mal überhaupt wieder in die Lage versetzt würde, Leute irgendwie zu installieren, die auch einer gewissen Kontrolle ausgesetzt würden, dass man Archive öffnen kann, dass man beispielsweise den Garcia-Bericht, der ja doch handfeste Beweise liefert, warum Korruption bei der Vergabe von Katar und Russland im Spiel war, wenn man das öffentlich machen könnte, wenn man auch die ISL-Akten, also der Bericht oder der Beweis darüber, dass bereits in den 90er-Jahren sehr viel Geld verschoben wurde, wenn man das alles einfach mal öffentlich machen kann und dann strafrechtlich ermitteln könnte, wie das ja in der Schweiz jahrelang eben nicht gewollt war, ich glaube, dann hätte man nach einer gewissen Zeit auch einen anderen Weltverband. Also, nur Blatter auszutauschen, reicht natürlich nicht. Aber er ist derjenige, der die Hand über alles hält, über jede Reform, entweder von außen oder von innen.
Heinemann: Wir haben Wladimir Putins Mutmaßungen gehört, die Festnahmen, eine Aktion, um die Wiederwahl zu verhindern. Wie sehen Sie das, war der Zeitpunkt des Zugriffs zufällig gewählt?
von Cramon: Natürlich nicht, das war hervorragend terminiert. Nun muss natürlich gerade vielleicht Herr Putin etwas genauer schauen, wie er beispielsweise mit dem Chefermittler der FIFA auch umgegangen ist. Ich meine mich zu erinnern, dass er ihm zunächst ein Einreiseverbot erteilt hat beziehungsweise dass dann seitens Russland gesagt wurde, alle Akten, alle Computer, auf denen unsere Vergabeunterlagen zu finden sind, haben wir leider vernichtet, weil die nur geleast waren. Also, das heißt, wenn man mit einem Chefermittler der FIFA, der ...
Heinemann: Kann passieren!
von Cramon: ... erst mal sozusagen der Neutralität verpflichtet ist, so umgeht, und der wiederum mit einer FBI-Agentin verheiratet ist, muss man sich nicht wundert, wenn da vielleicht auch da eine gewisse Reaktion kommt!
Also, das ist nicht zufällig gewählt, das ist natürlich ganz gezielt gewählt und das ist auch gut so. Weil, ohne den Druck der Öffentlichkeit, ohne dass wir jetzt internationale Medien auf diesem Vorfeld des Kongresses hätten, gäbe es gar keine Chance, da auch nur in irgendeiner Form Reformen anzustoßen. Und daher, gut, natürlich ist die Mutmaßung, dass es jetzt das US-amerikanische FBI ist, was da maßgeblich die Untersuchungen führt, das in der aktuellen Konfrontation mit Russland, gibt dem natürlich noch Nahrung. Aber in dem Fall trifft es schon die Richtigen.
"Aus Deutschland haben wir da leider eher Totalausfälle"
Heinemann: Wer kann jetzt welchen Druck auf die FIFA ausüben?
von Cramon: Ich glaube, das sind eben die verschiedenen Spieler, die sich bisher sehr zurückgehalten haben. Also, aus Deutschland haben wir da ja auch leider eigentlich eher Totalausfälle, muss man ja sagen. Also, wenn Sie jetzt schauen, welche Sponsoren sich bei der FIFA gemeldet haben und darum bitten, dass sich da was ändert, dann hat Adidas als einziges Unternehmen neben Gazprom FIFA nach wie vor die Treue geschworen.
Also, die deutschen Sponsoren oder der deutsche Hauptsponsor könnte da deutlich mehr Druck ausüben und hätte das in der Vergangenheit schon tun können.
Natürlich kann aus der Politik viel mehr Druck kommen. Sicherlich könnten Parlamente ihre nationalen Verbände auffordern, sich bei der Frage FIFA deutlicher und ganz klarer in einer Weise zu positionieren, wie sie das bisher nicht gemacht haben.
"Eine sehr enge und unschöne Vermengung von Sport und Politik"
Heinemann: Wie weit ginge dieser politische Druck? Könnten Sie sich vorstellen, dass sogar WM-Endrunden 2018 oder 2022 boykottiert werden könnten?
von Cramon: Na gut, das kann die Politik nicht beschließen, aber natürlich sollten entsprechende Resolutionen in den Parlamenten verfasst werden. Ja, natürlich stelle ich mir so was vor. Dass man sagt, solange Russland seinen Aggressionskrieg in der Ukraine nicht beendet, solange Katar nicht die Forderungen erfüllt, die mindestens von Gewerkschaften, von Menschenrechtlern, von anderen Organisationen angeprangert werden, wird es dort keine Austragung der Fußballweltmeisterschaft geben, ja!
Und natürlich hofft man, dass dieser politische Druck in vielen europäischen Parlamenten dazu führt, dass die nationalen Verbände dann unter Druck gesetzt werden und dann die sich nicht nur über die UEFA, sondern eben weltweit zusammentun und sagen, da muss jetzt von innen was passieren. Das hätte man längst machen können. Aber wie ich am Anfang berichtete, ist es natürlich unglaublich schick, auf den Tribünen zu sitzen, ist es eben, wie die Kanzlerin das auch gemacht hat, sehr schick, sich nach dem Spiel in die Katakomben mit den verschwitzten Spielern zu begeben und die ersten Bilder zu präsentieren!
Also, das ist eine sehr enge und sehr unschöne Vermengung von Sport und Politik und ich würde mir sehr wünschen, dass es da eine gewisse Distanz und eben dadurch auch eine Kontrolle gibt.
"Warner wird aussagen"
Heinemann: Wobei Angela Merkel ja nicht in der Kabine von Sepp Blatter war, das muss man noch mal dazusagen! Alle Augen richten sich jetzt möglicherweise auf einen, der frühere Vizepräsident Jack Warner hat sich in seiner Heimat Trinidad und Tobago der Polizei gestellt, der weiß sehr viel. Rechnen Sie damit, dass Warner auspackt?
von Cramon: Ja, sicherlich. Er muss seine Söhne, die ja auch unter Anklage stehen, schützen. Und ich glaube, wenn er die Wahl hat, entweder 20 Jahre lang möglicherweise ins Gefängnis zu gehen oder als Kronzeuge auszusagen, vermute ich, dass er sich für Zweiteres entscheiden wird, ähnlich wie das Chuck Blazer ja auch gemacht hat aufgrund seiner Aussagen und seiner Kooperationsbereitschaft der FBI ja auch nur mit den Beweisstücken, die sie jetzt haben, arbeiten konnte. Daher denke ich, dass Warner da in eine ähnliche Richtung gehen wird.
Heinemann: In der FIFA haben zum Beispiel die Fidschi-Inseln so viel Stimmgewicht wie große Fußballnationen, etwa Deutschland mit seinen 6,8 Millionen DFB-Mitgliedern. Macht das die FIFA anfällig, käuflich?
von Cramon: Ja, selbstverständlich. Natürlich ist ein Miniverband, der pro Jahr von der FIFA ernährt wird mit 250.000 Dollar oder etwas mehr, etwas weniger, je nachdem, extrem käuflich, extrem anfällig. Und dieses System FIFA, was es bisher gab, war ja auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass da die Korruption gedeihen konnte.
Inwiefern man das jetzt im ersten Aufschlag schon knacken kann und inwiefern es da wirklich auch eine Bewegung von innen gibt, da Dinge umzustellen, das möchte ich jetzt in dem Moment, das kann man nicht vorhersagen. Aber dass das System natürlich dazu führt, dass Blatter sich an der Spitze halten konnte, weil er auch sukzessive immer wieder neue Miniverbände aufgenommen hat in den letzten Jahren, das ist ganz offensichtlich.
Heinemann: Viola von Cramon, ehemaliges Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!
von Cramon: Ich danke Ihnen, Herr Heinemann, auf Wiederhören!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.