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Flüchtlinge am Eurotunnel
Die Verzweiflung wächst

In der Nähe von Calais campieren über 3.000 Flüchtlinge auf engstem Raum zwischen hohen Dünen im Unterholz. Und täglich kommen mehr. Sie wollen illegal nach Großbritannien, was aber neue, drastische Sicherheitsmaßnahmen verhindern. In dieser ausweglosen Lage richten sich die Menschen auf die kommenden Monate ein.

Von Michael Briefs | 27.08.2015

    "New Jungle" - so wird das Zeltlager in Calais genannt.
    "New Jungle" - so wird das Zeltlager in Calais genannt. (afp / Philippe Huegen)
    "Es gibt kein normales Leben hier. Afghanen, Pakistaner, Syrer, Leute aus Afrika, Eritrea und Äthiopien und dem Sudan. Alles ist schwierig. Nur einmal am Tag bekommen wir etwas zu essen. Calais ist eine sehr windige Stadt, es ist einfach schrecklich." Sikander aus Afghanistan lebt seit vier Monaten im Flüchtlings-Camp "New Jungle". "Dschangal", das heißt in seiner Sprache "Wald". Das Dünen-Lager erinnert eher an einen subsaharischen Slum. "Jetzt ist es unmöglich, durch den Tunnel zu kommen. Die Polizei wurde verstärkt und hat alle Wege nach England abgesperrt. Aber wir können auch nicht wieder zurück in unsere Heimat. Zu schwierig. Viele haben Familie zurückgelassen und sind hier, um zu arbeiten, um sie zu unterstützen."
    In ihrer Verzweiflung richten sich die Bewohner des "Jungle", soweit es ihre prekäre Lage überhaupt erlaubt, häuslich ein. Man sieht sudanesische Frauen, vor ihren Zelten den immer wieder herbeigewehten Sand wegfegen. Unter den über 3.000 Bewohnern des "New Jungle" sind geschätzt 150 Frauen und Kinder. Es gibt Zelte, die als Schule dienen, oder als Kinderhort. Das Hauptproblem ist die Versorgung mit Lebensmitteln. Die Behörden in Calais bieten zwar auf einem eigenen Gelände in der Stadt täglich eine warme Mahlzeit für Flüchtlinge an. Doch das Tagesheim Jules-Féry ist mit den rund 150 alleinstehenden Flüchtlingsfrauen, die mit ihren Kindern oder weil sie schwanger sind, hier Asyl gefunden haben, überfordert und muss seine Kapazitäten erst noch aufstocken. "Es dauert Stunden, bis wir dort etwas zu essen bekommen. Die Hilfe in Jules-Féry ist unprofessionell. Die Helfer dort sprechen auch kein Englisch."
    Flüchtlinge richten sich für längere Zeit ein
    Nur wer sich gar nicht mehr zu helfen weiß, weil er schwer krank ist, verlässt den "New Jungle". Die Afghanen, so Sikander, die im Camp den Handel mit Zigaretten und Dingen des täglichen Gebrauchs kontrollieren, organisieren auch den Handel mit Lebensmitteln. Von einem nahegelegenen Lidl-Supermarkt kommen regelmäßig Leute, um mit kleinem Profit Brote zu verkaufen. Sikander hat seine letzten 300 Euro in Kartoffeln und Gemüse investiert und ein Restaurant aufgemacht. "Wir kochen Kartoffel-Gerichte für die Leute hier. Das bringt im Schnitt so etwa einen Profit von 100 bis 200 Prozent. Neben dem Restaurant haben wir inzwischen auch eine Bar, an der die Leute etwas trinken können."
    Mitarbeiter der im "New Jungle" tätigen Hilfsorganisationen sehen diese Entwicklung kritisch. Sie glauben, dass Drogen und Alkohol Schleuserbanden und Kleinkriminelle anlocken. Es kursieren Gerüchte, dass Schlepper vorbeifahrende Lkw-Fahrer bezahlten, damit sie Migranten nach England schmuggeln. Angeblich verkaufen sich Frauen an Fernfahrer. Seit Jahren werden illegal hier lebende Menschen auf dem informellen Arbeitsmarkt in Calais ausgebeutet. "Die Leute in den Supermärkten sagen, wir seien wie Tiere, weil wir im New Jungle leben müssen."
    Vor einer ungewissen Zukunft
    Ein Wunder, dass sich die Menschen im "Jungle" ihre Würde behalten, sagt Maya Konforti von der Hilfsorganisation l'Auberge des Migrants. Doch die 60-jährige professionelle Helferin warnt davor, dass sich die Bewohner des "Jungle" aus purer Verzweiflung radikalisieren. "Jetzt, wo die neuen Infrarot-Ortungsgeräte und alle diese neuen Überwachungskameras installiert wurden, weiß niemand, was genau passiert. Aber sie versuchen es immer noch. Sie gehen abends los mit ihren dünnen Schlafsäcken und Rucksäcken und laufen die fünf Kilometer zum Tunnel, als würden sie zur Arbeit gehen."
    Seit der britische Premier Cameron potenzielle Einwanderer mit markigen Worten gewarnt hat, britischen Boden zu betreten, kommen immer mehr englische Lkw mit Hilfsgütern in den "New Jungle". Maya Konforti befürchtet, dass trotz der Solidarität der vielen freiwilligen Helfer die aktuelle Entwicklung am Euro-Tunnel in eine humanitäre Katastrophe führt. "Das Grund-Problem wird nicht durch höhere Zäune und mehr Polizei gelöst. Die Migranten, die Geld haben, geraten unter viel stärkeren Druck, weil sie Schlepperbanden mehr zahlen müssen, um illegal nach England zu kommen. Diejenigen, die kein Geld haben, werden höhere Risiken eingehen. Es wird also noch mehr Tote geben."