Dienstag, 28. Juni 2022

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Flüchtlinge
Ausbildung als Zukunftsperspektive

Vor allem junge Bootsflüchtlinge aus Afrika müssen in den Asylstaaten im Mittelmeerraum eine Ausbildung erhalten, fordert Rupert Neudeck, Chef der Grünhelme, nach seinem Besuch in maltesischen Flüchtlingslagern. Nur so könne eine menschenwürdige Rückkehr in die Heimatländer gesichert werden.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Friedbert Meurer | 29.11.2013

Flüchtling in einem Boot bei Malta
Die meisten Flüchtlinge auf Malte kommen aus Somalia und Eritrea (picture alliance / dpa/Str)
Friedbert Meurer: Malta hat gerade gut 400.000 Einwohner, ist das kleinste Land der Europäischen Union, vor sechs Jahren hat die Inselrepublik den Euro eingeführt. Für Empörung hat zuletzt das Angebot der Regierung gesorgt: Wer 650.000 hinblättert, der bekommt die Staatsbürgerschaft und einen schönen Pass. Eine Idee, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Den Pass hätten auch gerne gut 2000 Flüchtlinge aus Afrika, die dieses Jahr mit letzter Kraft auf Selenverkäufern die Küste Maltas erreicht haben, aber 650.000 Euro ist natürlich unmöglich. –
Rupert Neudeck, Chef der Grünhelme, ist gerade von Malta zurückgekehrt. Seine Hilfsorganisation will dort den Flüchtlingen aus Afrika helfen. Guten Morgen, Herr Neudeck!
Rupert Neudeck: Guten Morgen, Herr Meurer!
Meurer: Wie kommt das denn bei den Flüchtlingen an, für 650.000 Euro sind sie dabei?
Neudeck: Das kriegen die zum Teil gar nicht mit. Die Zeitungen werden kaum gelesen in den Flüchtlingslagern, die beiden maltesischen Zeitungen. Und dann gibt es ja nun auch noch einen Prozess. Die Regierung war auch schon mal zurückgegangen, weil die EU das auch nicht so gut gefunden hat. Es gibt jetzt eine Diskussion. Die Flüchtlinge sind natürlich einzig daran interessiert, für sich selbst eine Perspektive zu finden, die sie aber immer noch nicht haben. Selbst wenn sie Protection, das heißt Schutz von der maltesischen Regierung bekommen, also nicht zurückgeschoben werden, ist es weiter ein ziemlich dürftiger Zustand, in dem sie dort leben, und man weiß eben – und das macht die große Sorge und die Furcht dieser Regierungen im Mittelmeer ja aus, Italien, Spanien, Griechenland, jetzt Malta -, dass dieser Prozess nicht zu Ende ist. Man hatte kürzlich den Premierminister von Libyen zu Besuch auf Malta und hat ihm natürlich ganz klar erzählt, dass das nicht weitergeht mit dem kriminellen Netzwerk, das an der Küste existiert, in dem wirklich alte, verbeulte Schiffe, Selenverkäufer, wie Sie zurecht gesagt haben, dort zu hohem Geld verscherbelt werden an diese Flüchtlinge. Die libysche Regierung, so hat man uns gesagt, ist noch gar nicht in der Lage, ihre eigene Bevölkerung zu kontrollieren; wie soll sie dann die Küste kontrollieren.
"Frontex kann die Flüchtlingsboote nicht aufhalten"
Meurer: Entschuldigung, Herr Neudeck! Wir reden ja immer von Lampedusa, da war auch Papst Franziskus, da sind diese furchtbaren Bootkatastrophen passiert vor einigen Wochen. Wie sehr und in welchem Umfang ist Malta denn das Ziel der Flüchtlinge?
Neudeck: Ähnlich bis gleich. Lampedusa liegt so nahe zur Küste Nordafrikas im Mittelmeer, zu Tunesien, wie Malta zu Libyen. Im Grunde sind beide Länder ganz besonders gefährdet durch diesen Prozess, der mit Booten an der Küste stattfindet. Und die europäische Außengrenz-Polizei, die auch in Malta natürlich ganz kräftig am Werk ist, Frontex, kann da sehr wenig machen, um diese Boote aufzuhalten. Sie kann sie nicht abhalten und wieder zurückschicken. Das hatte Berlusconi seinerzeit grandios mit einem geheimen Deal, als Gaddafi noch lebte, mit Libyen gemacht. Aber das ist ja jetzt auch wieder vorbei. Jetzt muss die Europäische Union anfangen zu versuchen, mit den afrikanischen Ländern eine Politik zu machen. Das wird alles ganz schwierig, weil wir noch nicht mal im Beginn des Anfangs dieser Politik stehen.
"Ausbildung in Berufen, die in Afrika zukunftsträchtig sind"
Meurer: Wie gut werden die Flüchtlinge behandelt, die auf Malta ankommen?
Neudeck: Nicht schlecht. Ich muss sagen, dass ich davon eher beeindruckt war. Das ist eine Agentur, die dort von der maltesischen Regierung eingerichtet ist, und die Unterbringung der Flüchtlinge ist menschenwürdig und die dürfen sich auch bewegen. Das ist ja ein kleines Land. Wir haben die in der Hauptstadt Valletta überall getroffen, auf Straßen, auf Plätzen, man konnte die ansprechen, die sind auch nicht verängstigt oder so. Aber es ist natürlich keine Perspektive, wenn diese Menschen nicht wissen, was sie an Arbeit bekommen können, was sie vielleicht an Ausbildung bekommen können. Das sind meistens junge Leute, die wir getroffen haben. Sie sind meistens aus den beiden Ländern, in die man auch nicht zurückschicken kann. Das ist der Staat, der nicht mehr existiert in Afrika, Somalia, und das ist ein zweiter Staat, der eine blutige Diktatur geworden ist, Eritrea. Die Flüchtlinge werden nicht schlecht behandelt, aber man hat vonseiten der Regierung schlicht Angst, man hat Furcht davor, denn was ist, wenn demnächst, in den nächsten Monaten nach der Winterzeit, wo das ein bisschen runtergeht, was ist, wenn das drei- bis vier- bis fünfmal so stark ist. Das könnte so werden, und das weiß man nicht.
Meurer: Wenn Sie sagen, Herr Neudeck, die werden nicht zurückgeschickt, vermutlich dürfen sie aber auch nicht in die anderen europäischen Länder, was kann man auf Malta anbieten, was bietet die Organisation Grünhelme auf Malta an?
Neudeck: Wir haben mit denen gesprochen, mit den Agenturen, mit der Regierung, aber auch mit den Nicht-Regierungsorganisationen. Ich habe Kontakt jetzt mit denen. Das Allerwichtigste, das einzige, was man wirklich machen kann, ist, dass man jungen Menschen eine Berufsausbildung gibt in Berufen, die zukunftsträchtig auch in Afrika sind. Wenn man das überall täte, an der griechischen Küste, auf Zypern, in Lampedusa, auf Sizilien, auf Malta, in Ceuta, in Melilla und an der Küste Nordafrikas, dann würde schon eine ganze Menge abgeschöpft, sage ich mal in einem nicht erlaubten Ausdruck.
Meurer: Sie glauben wirklich, die Flüchtlinge gehen dann wieder zurück mit dieser Ausbildung?
Neudeck: Es gibt diese erste Erfahrung, die wir gemacht haben in Mauretanien, einem Land, das südlich von Marokko an der westafrikanischen Küste liegt. Dort gibt es die erste Erfahrung, dass bei Berufsausbildung, bei einer Ausbildung als Bautechniker, Elektrotechniker, Sonartechniker, dass die in der Lage sind, zurückzugehen, weil sie ja den Kredit, den sie bekommen haben – man muss das ja so nennen -, diese 2000, also nicht 50.000, sondern 2000, das ist etwa die Summe, die ein Flüchtling, ein Migrant kriegt, den haben sie nicht ganz ausgegeben, sondern sie können sich sehen lassen in dem Dorf, aus dem sie hergekommen sind, weil sie jetzt einen Shop aufmachen können. Das geschieht, das gelingt in den ersten Fällen, und ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, sich vorzustellen, dass es auch eine menschenwürdige Rückkehr geben kann für diese Menschen.
Meurer: Rupert Neudeck ist der Chef der Hilfsorganisation Grünhelme und gerade von der Insel Malta zurückgekehrt, hat sich dort sachkundig gemacht über die Situation der afrikanischen Flüchtlinge. Herr Neudeck, danke schön und auf Wiederhören.
Neudeck: Danke schön! – Tschüß!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.