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Flüchtlingsalltag
Unbändige Hoffnung auf eine strahlende Zukunft

Niemand weiß, wie viele Flüchtlinge sich in diesem Jahr aufgemacht haben, um auf lebensgefährlichen Wegen nach Europa zu kommen. Lebend angekommen sind 130.000. Eine Zahl, die wegen der Kriege in Syrien und im Irak weiter steigen wird. Auch Essam hat sein Heimatland verlassen. Der junge Syrer ist auf der Flucht nach Nordeuropa.

17.09.2014
    Der Blick aus dem Zugfenster zeigt eine verschwommene Landschaft. Aufgenommen in Köln am 30.09.2012.
    Der Blick aus dem Zugfenster zeigt eine verschwommene Landschaft. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
    Der junge Mann im kanariengelben T-Shirt lächelt breit , als der Schaffner kommt und die Fahrkarten verlangt. Catania - Mailand. 21 Stunden Fahrtzeit in dem klapprigen Zug, der beinahe täglich Hunderte von Flüchtlingen nach Norden befördert. "My name is Essam", sagt Essam. Sein eigentliches Reiseziel ist noch weit entfernt.
    "Ich möchte nach Dänemark , warum Dänemark? - Ich will dort um Asyl bitten. Und ein neues Leben beginnen, ich will studieren, Sprachen lernen..."
    Essam spricht langsam, er liebt Englisch, hat englische Literatur studiert. Immer lächelt er. Essam hat die Fahrt übers Meer überlebt, wenn auch nur knapp.
    "Wir bekamen nur einen halben Plastikbecher voll Wasser pro Tag. Die Bootsführer haben die ganze Zeit Haschisch geraucht, nach drei Tagen kam ein anderes Flüchtlingsboot, beim Umsteigen wurden zwei Leute von unserem Boot zwischen den schaukelnden Bootskörpern zerquetscht, die Wellen waren so hoch."
    An den schmutzigen Wagenfenstern zieht die ins Abendlicht getauchte kalabrische Landschaft vorbei. "Wonderful", sagt Essam, dann zieht er unvermittelt einen Zettel mit einer Nummer aus der Tasche. Jetzt lacht er herzhaft:
    "Im Aufnahmelager haben sie uns erst mal durchgezählt. Ich war die Nummer quattrocento tre, 403",
    sagt Essam stolz auf italienisch. Essam kam wie durch ein Wunder mit fast 500 weiteren Flüchtlinge bis nach Sizilien. Endlich an Land wurde er untersucht, er bekam frische Kleider und einen förmlichen Vortrag von einem Grenzbeamten.
    "Wenn Sie hier in Italien unbedingt Asyl beantragen wollen, sagte der, dann bitte sehr, aber hier können Sie nicht mit viel Unterstützung rechnen. Wenn sie hierbleiben, verlieren sie nur kostbare Zeit und Geld. Jeder Tag in Italien ist ein verlorener Tag."
    Essam will Identifizierung durch Behörden verhindern
    Kein Wunder dass Essam nach Dänemark will. Was, wenn sie ihn aber in Österreich oder Deutschland festnehmen wollen? Essam breitet seine Hände aus, mit dem Handrücken nach oben.
    "Heute morgen hab' ich mir überlegt, in ein Fast-Food-Lokal zu gehen und meine Fingerkuppen auf den glühenden Würstchenrost zu drücken. Dann hätte ich keine Fingerabdrücke mehr und könnte nicht mehr identifiziert werden, weder in Österreich noch in München, und sie müssten mich weiterreisen lassen."
    Autor: "Aber das ist ja grauenvoll...!"
    Essam lächelt, schüttelt sanft den Kopf und zieht ein nagelneues Handy aus der Tasche.
    "Mein altes ist ins Wasser gefallen, dieses habe ich mir schnell in Catania gekauft, denn ich musste meine Eltern anrufen. Unser Dorf ist zum Hotspot geworden. Milizen sind gekommen und bombardieren die Häuser mit Granaten und Raketen. Einige Bewohner wurden getötet, die anderen, auch meine Eltern, sind geflohen. In Syrien kann niemand in Frieden leben, dort ist alles kompliziert."
    Jetzt lächelt Essam nicht mehr. Völlig übermüdet schläft er bis Mailand, dort steigt er in den Zug Richtung Deutschland um. Quer durch die Alpen - ein grandioser Anblick, der Essam all die Leiden seiner Flucht vergessen lässt. Eine strahlende Zukunft liegt jetzt vor ihm, denk Essam. Sein Lächeln ist wieder da.
    "Das, was ich hier sehe, übertrifft alles, was ich mir vorgestellt habe, es wirkt auf mich wie ein Wunderland. Faszinierend, so nette Menschen, so freundliche Gesichter."
    Essam hat es bis München geschafft, die letzte Etappe wird er auch noch hinter sich bringen.