Donnerstag, 29. September 2022

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Folgen des Brexits
Hängepartie für deutsche Wirtschaft

Allein die Dauer der Verhandlungen über den EU-Austritt Großbritanniens stellt für die deutsche Wirtschaft ein unkalkulierbares Risiko dar. Laut Experten sind besonders Neuinvestitionen durch die unsicheren Rahmenbedingungen gefährdet. Außerdem dürfte der niedrige Pfundkurs negative Auswirkungen haben, besonders auf die deutsche Exportwirtschaft.

Von Michael Braun | 27.06.2016

    Die Märkte reagieren mit heftigen Kursschwankungen auf das Votum zum Brexit: Euro, Pfund und Yen fallen, Dollar und Schweizer Franken legen zu.
    Der niedrige Pfundkurs dürfte sehr schnell und wegen der Unsicherheit auch dauerhaft die deutsche Wirtschaft beeinflussen. (picture alliance / dpa / Ennio Leanza)
    Eine Hängepartie kann die Wirtschaft am wenigsten gebrauchen. Natürlich liefe auch dann alles erst einmal weiter wie bisher: Was etwa an Ein- und Ausfuhren verabredet war, wird erfüllt, auch noch unter dem Regime der britischen EU-Mitgliedschaft, solange die nicht gekündigt ist und nachfolgende Regelungen fehlen. Dennoch – nun politische Entscheidungen zu verzögern, verzögere auch die wirtschaftliche Entwicklung, sagt Stefan Bielmeier, der Chefvolkswirt der DZ Bank:
    "Bestehende Wirtschaftsbeziehungen werden zurzeit natürlich nur graduell davon betroffen. Aber man wird sich natürlich für Neuinvestitionen gut überlegen, ob man das jetzt tun möchte, wenn die Rahmenbedingungen auf die nächsten Jahre überhaupt nicht klar sind."
    Wenn man also nichts weiß über Markenrechte, Zölle und die Möglichkeit, ob oder mit welchen steuerlichen Belastungen die auf der Insel erzielten Gewinne ins Heimatland des Investors überwiesen werden dürfen. Investoren wissen, was sie mit der britischen EU-Mitgliedschaft haben. Und sie rechnen damit, dass die bilateralen Verträge zwischen der EU und einem ausgeschiedenen Groß- oder Kleinbritannien für Standorte auf der Insel enger gefasst sein dürften.
    Sollten Fabriken aus diesem Grunde nicht in Großbritannien entstehen, könnten kontinentale Standorte mit mehr Sicherheit bei den Rahmenbedingungen davon profitieren. Exporte auf die Insel aber würden leiden, sagt Christian Apelt von der Helaba voraus:
    "Wenn es aber tatsächlich dazu kommen sollte, dass wirklich Zölle erhoben werden, dann würde es natürlich deutsche Produkte verteuern und das wäre schon schlecht für die deutsche Exportwirtschaft, von Autos etc."
    Niedriger Pfundkurs wird deutsche Exportwirtschaft beeinflussen
    Sehr schnell und wegen der Unsicherheit auch dauerhaft wirken dürfte der niedrige Pfundkurs. Importierte Güter werden dadurch für die Briten teurer: Sie müssen mehr Pfund aufbringen, um zum Beispiel ein in Euro produziertes und kalkuliertes Auto zu bezahlen. Das werden VW, Mercedes, BMW und Co spüren, weil etwa die Hälfte aller deutschen Autoexporte auf die britische Insel geht. Die Hersteller müssten, um den Absatz zu halten, ihre Pfundpreise senken oder auf Gewinn in Euro verzichten. Gut, wer – wie BMW – zum Ausgleich ein Motorenwerk auf der Insel hat, das den gesamten Konzern mit kleinen Motoren versorgt:
    "Ich glaube, da könnten sogar am Ende Vorteile bei rausspringen, weil man hier eben im Pfundraum produziert. Das Pfund wird ja wahrscheinlich erst mal sehr schwach bleiben. Und im Endeffekt könnte es sogar von der Währungsseite her sogar Vorteile für den Produktionsstandort BMW-Motoren geben."
    Sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Auch Verbraucher, die Waren von der britischen Insel kaufen, den Mini etwa und Medikamente, oder die zum Wachwechsel vor dem Buckingham Palace reisen, werden weniger Euro dafür aufbringen müssen als bisher. Stefan Bielmeier:
    "Tendenziell ist das ein Vorteil für die europäischen Verbraucher. Und davon könnten kurzfristig natürlich britische Unternehmen auch profitieren."
    Ein weiteres Feld: die Wertpapiermärkte. Alle, die direkt oder über Lebensversicherungen und Versorgungswerke mit ihnen zu tun haben, haben zuletzt erlebt, was unsichere Aussichten über den britischen Status in Europa bedeuten: Kursverluste, mindestens erhöhte Kursschwankungen, solange die Hängepartie andauert.