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Wirtschaft
Russland spürt Folgen des Brexit-Votums schon jetzt

Angesichts der drohenden wirtschaftlichen Folgen hat Russlands Präsident Wladimir Putin zurückhaltend auf den Ausgang des britischen Referendums reagiert. Doch russische Kommentatoren sind sicher, dass das britische Nein zur EU im Kreml für Hochstimmung gesorgt hat. Denn viele meinen: Erst zerfällt die EU, dann die NATO.

Von Florian Kellermann | 27.06.2016

    Ein Skateboardfahrer fährt an der Anzeigetafel einer Wechselstube in Moskau vorbei. Im Hintergrund moderne Hochhäuser.
    Die Europäische Union ist der größte russische Handelspartner. (EPA/SERGEI ILNITSKY)
    Der russische Präsident Wladimir Putin wies die Behauptung, er freue sich über das Referendum in Großbritannien, weit von sich. Denn:
    "Das Ganze wird Folgen haben, nicht nur für Großbritannien und für Europa, sondern auch für uns. Die Märkte haben negativ reagiert und werden weiter unter dem Referendum leiden. Mittelfristig sollte sich die Aufregung legen, aber wer aus der Entwicklung welche Vorteile zieht, wird sich erst noch in der Praxis zeigen."
    Die russischen Kommentatoren sind sich - trotz Putins Beteuerung - einig, dass das britische Nein zur EU im Kreml für Hochstimmung gesorgt hat. Zumindest der Rechtspopulist im Parlament Wladimir Schirinowskij, der Kreml-Positionen oft überspitzt darstellt, durfte seine Freude auch offen zeigen: Er sagte voraus, dass nun erst die EU und dann auch die NATO zerfallen würden.
    "Erst zerfällt die EU, dann die NATO"
    Doch auch wenn Wladimir Putin mit seiner angeblichen Neutralität zum Brexit nur kokettierte und im Kreml heimlich die Sektkorken knallten, im Grunde hat er Recht. Die Entscheidung der Briten wird auch Russland betreffen, und das nicht unbedingt positiv. Schon vor dem Referendum sagte German Gref, Chef der halbstaatlichen Sberbank, gegenüber der Nachrichtenagentur "Bloomberg" zu einem Brexit:
    "Das ist eine sehr schlechte Nachricht für unsere Wirtschaft. Denn die Europäische Union ist der größte russische Handelspartner. 50 Prozent unseres Außenhandels entfallen auf die EU. Unsere Währung wird geschwächt, und das Interesse in russische Wertpapiere wird sinken. Die Aktien der Sberbank haben schon vor der Abstimmung zehn Prozent ihres Werts eingebüßt - allein wegen der Gefahr eines möglichen Brexit."
    Am Freitag, dem Tag nach dem Referendum, fielen die Papiere der Bank um weitere 6,4 Prozent. Auch das russische Bruttoinlandsprodukt wird unter der Entscheidung der britischen Wähler leiden, sagen Experten.
    Rentenerhöhung in Russland wird ausgesetzt
    Dafür gibt es zwei Gründe. Investoren meiden in turbulenten Zeiten risikobehaftete Anlagen. Sie sind weniger bereit, ihr Kapital in Schwellenländern zu investieren. Außerdem ist Russland direkt betroffen: Denn, wenn die Wirtschaft in der EU schwächelt, wegen der Folgen eines Brexit, dann wird das die Rohstoffpreise drücken. Und für Russland ist der Export von Öl und Gas eine der wichtigsten Einnahmequellen.
    In Moskau seien die Folgen des Referendums schon jetzt spürbar, erklärte auch Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew:
    "Die Rohstoffmärkte und die Aktienmärkte sind volatiler geworden, das freut uns gar nicht. Die Risiken für die Weltwirtschaft und für unsere Wirtschaft wachsen. Die Regierung muss das analysieren und die richtigen Konsequenzen ziehen."
    Aus dem russischen Finanzministerium hieß es bereits, es wolle wegen der turbulenten Finanzmärkte eine geplante Rentenerhöhung aussetzen.
    Großbritannien als einer der schärfsten Russland-Kritiker in der EU
    Dass sich die Verantwortlichen im Kreml trotzdem heimlich über das Brexit-Referendum freuen, wie Experten meinen, hat vor allem politische Gründe. Eine geschwächte EU, so die Überlegung in Moskau, werde sich künftig schwerer auf gemeinsame Sanktionen gegen Russland verständigen können. Zumal gerade Großbritannien einer der schärfsten Russland-Kritiker in der EU ist.
    Die Freude habe auch schlicht psychologische Gründe, so Alexander Baunow vom Carnegie-Centre in Moskau:
    "Das Streben nach einem EU-Beitritt wurde für ehemalige Satelliten-Staaten der Sowjetunion und auch für einige ehemalige Sowjetrepubliken zu so etwas wie einer nationalen Idee. Diese richtetet sich direkt gegen die russische Vorherrschaft in Osteuropa. Nun verliert die EU so ein wichtiges Mitglied und das schmälert ihr Ansehen, ihre Anziehungskraft. Russische Politiker spüren da eine Art Genugtuung."
    So ist es zu erklären, dass die Sprecherin im russischen Außenministerium Maria Sacharowa etwas übermütig der englischen Sprache einen neuen Begriff hinzufügen will: Nach dem Brexit werde man in der EU womöglich bald vom "Whoexit" sprechen, schrieb sie im Internet - abgeleitet vom englischen Wort "whoever" - "wer auch immer". Damit meinte sie: Wenn sich die EU nicht wandle, würden bald noch viele weitere Mitglieder austreten wollen.