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Folgen des Türkei-PutschesVor Schulbeginn gefeuert

Nach dem Putschversuch Mitte Juli hat die türkische Regierung Zehntausende Beamte entlassen, darunter auch viele Lehrer. Wenn heute die Schule losgeht, fragen sich manche Eltern, wer ihr Kind unterrichten soll. Sie befürchten: Nach den großen Ferien kommt das große Unterrichts-Chaos.

Von Thomas Bormann | 19.09.2016

Eine Schülerin mit Kopftuch aus der Türkei meldet sich im Unterricht am 10.06.2013 in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen)
Viele türkische Kinder werden ab heute nicht mehr von ihren alten Lehrern unterrichtet. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Viele Lehrerinnen und Lehrer haben sich in den vergangenen Tagen lautstark gegen ihre Entlassung oder ihre Suspendierung gewehrt. Trotzdem: Für 60.000 von ihnen bleiben die Schul-Tore heute geschlossen, wenn nach drei Monaten Sommerferien der Unterricht an den türkischen Schulen wieder beginnt. Süleyman Güler von der Lehrergewerkschaft in der osttürkischen Provinz Tunceli ist wütend:
"Diese Suspendierungen sind unakzeptabel. Sie verstoßen gegen internationales Recht. Wir nehmen das nicht hin. Wir fordern, dass all die Entlassungen und Suspendierungen sofort zurückgenommen werden."
Gülen-Unterstützer wurden suspendiert
Das freilich kommt für die Regierung überhaupt nicht in Frage. Jeder Lehrer, der zum Netzwerk des Predigers Gülen gehörte oder gehört, soll nie wieder an einer türkischen Schule unterrichten dürfen, nie wieder Einfluss auf türkische Kinder ausüben können.
Für Präsident Erdogan gibt es keinen Zweifel, dass der Prediger Fetullah Gülen Drahtzieher des Putsches vom 15. Juli war. Die Gülen-Bewegung habe in den Jahren zuvor den gesamten Staat unterwandert und besonders viele Anhänger in das Bildungssystem eingeschleust, heißt es. Dagegen müsse sich der Staat mit aller Kraft wehren und die Gülen-Anhänger sofort entlassen. Aber: Wie soll der Unterricht ab heute funktionieren, wenn plötzlich 60.000 Lehrer fehlen?
Tausende neue Lehrer sollen eingestellt werden
Insgesamt gebe es 900.000 Lehrer in der Türkei, beschwichtigt Yusuf Tekin vom türkischen Bildungsministerium. Zudem würden Tausende neue Lehrer eingestellt:
"Wir haben keinerlei Sorgen, dass es im neuen Schuljahr zu Engpässen kommen könnte. Wir haben alle Maßnahmen getroffen, um das zu verhindern. Wir können die Suspendierten ersetzen. Die Lehrerschaft in der Türkei hält zusammen wie eine große Familie."
Allerdings: Viele Lehrerinnen und Lehrer wurden während der Ferien aus dieser Familie verstoßen. Mehrere zehntausend sind bereits endgültig entlassen, weil sie angeblich zu einer Terror-Organisation gehörten, nämlich zur Gülen-Bewegung. Gegen tausende weitere Lehrer wird noch wegen Gülen-Verdacht ermittelt.
Angebliche Verbindungen zur PKK
Zusätzlich hat die Regierung mehr als 11.000 weitere Lehrerinnen und Lehrer vor die Tür gesetzt, weil sie angeblich Verbindungen zu einer anderen Terror-Organisation haben, nämlich zur kurdischen PKK. In der Grundschule von Ovacik, einer Kleinstadt in der osttürkischen, kurdisch geprägten Provinz Tunceli, wurden 25 Lehrer suspendiert – das halbe Kollegium.
Die Lehrer bestreiten, Verbindungen zur PKK zu haben. Sie hegen vielmehr den Verdacht, die Regierung nutze den Ausnahmezustand rücksichtslos aus, um alle kritischen Lehrer loszuwerden und durch regierungstreue, islamisch-konservative Lehrer zu ersetzen. Einer der geschassten Lehrer aus Tunceli wirft der Regierung vor:
"Sie wollen keinen säkularen und demokratischen Unterricht. Sie suspendieren die Lehrer, die einen solchen Unterricht geben. Sie wollen diese Art des Unterrichts verhindern. Deshalb werden an Universitäten und an Schulen so viele Leute suspendiert."
Regierung lässt keine Kritik zu
Die Regierung freilich geht auf derlei Kritik nicht ein und lässt den Unterricht an allen türkischen Schulen heute mit einer Projekt-Woche beginnen. Thema ist "die Niederschlagung des Putsches vom 15. Juli und der Sieg der Demokratie".