Donnerstag, 09. Dezember 2021

Forum neuer Musik 2021Das Zeitliche segnen

Die Zeit der Tabuisierung des Todes ist heute vorbei. Zeitgenössische Medien bringen uns Leichen, Obduktionen, Bestattungen jeden Tag auf den Schirm. Ist der Traum vom ewigen Leben damit ausgeträumt? Oder ist es nicht längst unser Wunsch, aus der Welt und aus dem Netz verschwinden zu dürfen?

Lecture von Prof. Dr. Thomas Macho | 04.11.2021

Ein Mann mit graumeliertem Haar und Brille steht vor einem grauen Hintergrund.
Der Wiener Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho (Klaus Fritsche )
Mit der zunehmenden Säkularisierung in der Moderne schwinden die traditionellen Hoffnungen auf Unsterblichkeit und ewiges Leben. Dieser Abschied wird auch durch die technischen Utopien der Kryonik, der Klonierung oder der Datenspeicherung von Gehirnen nicht ernsthaft in Frage gestellt. Er manifestiert sich vielmehr in einer neuen Sterbekultur und in der zunehmenden Anerkennung der Sterblichkeit als Wesen des menschlichen Lebens. Der renommierte Wiener Sterbeforscher Thomas Macho referiert eine kurze Geschichte des Todes in Moderne und Gegenwart.
In der ausschließlich auf www.deutschlandfunk.de/forum-neuer-musik anhörbaren Gesamtversion seiner Lecture durchmisst Thomas Macho fundamentales Kulturgut - immer auf der Suche nach Entwürfen von Tod und Unsterblichkeit. Er schlägt Brücken von den altgriechischen Mythen und Sagen, über humanistisches Schrifttum im frühen 16. Jahrhundert bis hin zu Walter Benjamin, Karel Čapek und Simone de Beauvoir und schließlich den TV-Staffeln der Gegenwart. Er unternimmt dabei gedankliche Ausflüge in die Zeiten der Pest sowie in sein Spezialthema, den Topos des Selbstmords. Im Anschluß an die halbstündige Lecture beantwortet Thomas Macho Fragen von Frank Kämpfer u. a. zum Verhältnis von Tod und Ökologie.
[Textauszug]

Vom Geschenk der Endlichkeit. Von Thomas Macho

"Vielleicht ist die Moderne gar nicht das Zeitalter einer Verdrängung des Todes, sondern vielmehr des allmählichen Abschieds von der Unsterblichkeit. Im selben Jahr 1516, in dem Thomas Morus seine Schrift über 'Utopia' veröffentlichte, erschien auch der 'Tractatus de immortalitate animae' des italienischen Philosophen und Humanisten Pietro Pomponazzi. In dieser Abhandlung verwarf Pomponazzi den Glauben an eine Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Er widersprach damit explizit Papst Leo X., der gerade erst auf dem 5. Laterankonzil von 1513 die Lehre von der Sterblichkeit der Seele verurteilt hatte. Pomponazzis Werk wurde 1562 in Venedig öffentlich verbrannt; davor war der Autor selbst nur knapp dem Prozess vor einem Kirchengericht entgangen.
In seinen 'Vorlesungen zur Philosophie der Renaissance' bemerkt Ernst Bloch, der Traktat Pomponazzis 'war ein ungeheurer antiideologischer, gegen die Ablassgewalt der Kirche gerichteter Stoß, denn die Macht der Kirche bestand in ihrer angemaßten Schlüsselgewalt über Himmel und Hölle. Der Schlüssel ist ja im Wappen des Statthalters Christi enthalten. Die Gewalt der Kirche bestand wesentlich in der Beherrschung der unwahrscheinlichen, transzendenten Furcht, die die Menschen bis ins achtzehnte Jahrhundert quälte und kohlschwarze Schatten auf ihr Leben warf. Man fürchtete nicht den ersten Tod, sondern den zweiten, die Hölle.'
Der Kampf gegen die Unsterblichkeit richtete sich also zentral gegen die Höllenangst; er erträumte die Emanzipation von der Herrschaft der Kirche. Darum schrieb auch Michel de Montaigne, wenige Jahre nach der Verbrennung des 'Tractatus de immortalitate animae', ein Philosoph solle das Sterben lernen, denn: 'Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt.' Und er zitierte den Kentauren Cheiron, Sohn des Kronos und Halbbruder des Zeus, der die Gabe der Unsterblichkeit abgelehnt habe, gemäß der Warnung seines Vaters, der ihm gesagt habe: 'Stell Dir einmal ernsthaft vor, wieviel lästiger, ja unerträglicher als das von mir dem Menschen gegebene Leben ein ewiges für ihn wäre! Hättest Du den Tod nicht, würdest Du mich unablässig fluchend beschuldigen, ihn Dir vorenthalten zu haben. Ich mengte ihm eigens ein wenig Wermut bei, um zu verhindern, dass Du in Anbetracht seiner Vorzüge allzu gierig und bedenkenlos nach ihm greifst.' (aus: Montaigne, 'Philosophieren heißt sterben lernen'). Kronos und Montaigne haben recht: Nicht umsonst kämpfen wir heute gegen Silicon Valley und die Internet-Konzerne um das Geschenk der Endlichkeit – das Recht vergessen zu werden."

Prof. Dr. Thomas Macho
(*1952, Wien) forschte und lehrte von 1993 bis 2016 als Professor für Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt Universität. 1976 wurde er an der Universität Wien mit einer Dissertation zur Musikphilosophie promoviert. 1984 habilitierte er sich an der Universität Klagenfurt über Todesmetaphern. Seit 2016 leitet er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) der Kunstuniversität Linz in Wien. Erhielt 2019 den Sigmund Freud-Preis.