FrankreichJagd auf die Völkermord-Verdächtigen von Ruanda

27 Jahre nach dem Genozid in Ruanda sucht das Ehepaar Gauthier nach Zeugen in Frankreich. Sie sind sich sicher: die Regierung Mitterrand hat 1994 in Kigali ein Regime von Völkermördern unterstützt. Viele der damaligen Befehlshaber leben heute in Frankreich. Präsident Macron will die Aufarbeitung vorantreiben.

Von Christiane Kaess | 26.03.2021

Schädel und Knochen von Opfern, die während des Genozid 1994 in Ntarama, Ruanda, vergeblich Schutz in einer Kirche suchten. Über drei Monate dauerte das Morden. Extremistische Hutus töteten Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder, die den moderaten Hutus oder den ethnischen Tutsis angehörten. Mehr als eine Millionen Menschen starben.
Am 7. April jährt sich der Genozid in Ruanda: über drei Monate lang töteten extremistische Hutu rund eine Million ethnische Tutsis und moderte Hutu im Land. (AP/Ben Curtis)
Dafroza Gauthier steht vor einem Regal mit sorgfältig beschrifteten violetten und grauen Aktenordnern. Die sind voll von schriftlichen Zeugenaussagen, die die gebürtige Ruanderin und ihr Mann Alain von ihren regelmäßigen Besuchen aus Ruanda mitbringen. Sie sind die Grundlage für die Ermittlungen gegen mutmaßliche Täter im Völkermord an den Tutsi. Diese in Frankreich ausfindig zu machen, sei nicht schwer, sagt die schlanke Frau.
"Die Leute, die den Völkermord begangen haben, haben sich nicht versteckt. Die Verbrechen wurden nicht hinter verschlossenen Türen begangen. Sie fanden in aller Öffentlichkeit statt. Alle sahen es und die Leute sagten danach: dieser oder jener hat den Völkermord, in Kigali, in Butare oder einer anderen ruandischen Stadt begangen."

30 Klagen in 20 Jahren und nur drei Verurteilte

Dafroza und Alain Gauthier suchen die Haupt-Verantwortlichen der Verbrechen. Über 30 Klagen haben sie in den letzten 20 Jahren bei der französischen Justiz eingereicht. Verurteilte gibt es bisher nur drei. Männer, die eher morden ließen als selbst zum Mörder zu werden, und die sich unschuldig fühlen, sagt Alain Gauthier.
"Sie leugnen absolut alle Zeugenaussagen im Prozess. Wir sind für sie ein Verein von Denunzianten. Sie beschuldigen uns zum Beispiel, systematisch intellektuelle Hutu in Europa zu verfolgen. Sie geben gar nichts zu, bis zu dem Punkt, dass ihre Anwälte für einen Freispruch plädieren."
Ruanda nach dem Völkermord - Der lange Weg zur Versöhnung
In Ruanda ermordeten radikale Hutu 1994 etwa eine Million Tutsi, Twa und gemäßigte Hutu. Der Völkermord hat eine lange Vorgeschichte, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht - schon damals begann die ethnische Segregation der ruandischen Gesellschaft. Die Aufarbeitung des Genozids bleibt schwierig.

"Ein bisschen wie bei den Nürnberger Nazi-Prozessen"

2014 wurde der Ruander Pascal Simbikangwa in Frankreich zu 25 Jahren Gefängnis wegen Völkermordes verurteilt – zwei ehemalige Bürgermeister aus Ruanda bekamen von der französischen Justiz lebenslänglich. Es sind die größten Erfolge in der Arbeit der Gauthiers und für die Überlebenden des Genozids in Ruanda, eine große Erleichterung. Bei ihrer Jagd nach mutmaßlichen Tätern konzentriert sich das Ehepaar auf den Völkermord an den Tutsi, nicht auf andere Opfer des Krieges in Ruanda. In dem kleinen ostafrikanischen Land sind die Gauthiers mittlerweile bekannt – was ihre Arbeit erleichtert. Das Sammeln der Zeugen-Berichte wird mit der Zeit trotzdem schwieriger. Die Leute seien entmutigt, weil die Justiz in Frankreich in diesen Fällen nur langsam vorankäme, kritisieren die Beiden. Zudem erlischt fast 27 Jahre nach dem Genozid die Erinnerung der Betroffenen. Zeugen versterben, manche wollen auch keine alten Wunden neu aufreißen. Dennoch, findet Dafroza Gauthier, gibt es noch genug Involvierte, die aussagen.
"Was die betrifft, die getötet haben: viele von ihnen reden. Sie sind nicht damit einverstanden, dass sie im Gefängnis sind oder waren, obwohl sie die Befehle derjenigen ausgeführt haben, die sich jetzt in Frankreich aufhalten – all die großen Organisatoren und Planer des Genozids. Wer nichts sagt, sind die Ideologen. Sie glauben, sie haben nichts verbrochen, auch keine Leichen gesehen. Es ist ein bisschen wie bei den Nürnberger Nazi-Prozessen. Die Angeklagten sind wie undurchlässig für die Geschichte."

Präsident Mitterrand pflegte enge Beziehungen zum Regime

Dafroza Gauthier erinnert sich, wie bereits in ihrer Kindheit die Tutsi in Ruanda diskriminiert wurden – über Jahrzehnte hinweg gab es immer wieder Pogrome gegen die Volksgruppe.
In den Schulen wurden verächtliche Stereotype gezeichnet, Tutsi als Kakerlaken und Schlangen beschimpft, erzählt Dafroza. Auch Wissenschaftler sagen, das bereitete den Weg für den Genozid. Dafroza verließ das Land in den 70ern, um in Belgien zu studieren, ging dann nach Frankreich, wo Alain und sie ein Paar wurden. Ihr Mann, ein gebürtiger Franzose, hatte 1970 als Entwicklungshelfer in Ruanda gearbeitet. Besorgt beobachteten die gelernte Chemikerin und der Französischlehrer von Frankreich aus, wie 1990 in Ruanda der Bürgerkrieg ausbrach. Die Lage für die Tutsi im Land wurde immer gefährlicher. Die französische Regierung und der damalige Präsident Francois Mitterrand pflegten zu der Zeit enge freundschaftliche Beziehungen zum Regime in Ruandas Hauptstadt Kigali – eine Hutu-Regierung, in der mehr und mehr die Extremisten das Sagen hatten.
25 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda - Ein Genozid durch die Ideologie des Hasses
Die Kolonialmächte Belgien und Deutschland machten aus den Hutu und Tutsi verschiedene Ethnien, ursprünglich waren sie zwei soziale Klassen. Dies begründete einen Hass, der sich ab dem 7. April 1994 im zentralafrikanischen Ruanda in einem Genozid entlud. Mindestens eine Million Menschen starben.

"Im Radio sagte man: 'Wir bereiten uns auf etwas vor'"

Alain zieht die Kopie eines Briefes vom Januar 1993 aus einem Schnellhefter. "An den Präsidenten der Republik" - ist er überschrieben. Gauthier fragte Mitterrand darin anklagend: Wie kann Frankreich ein Regime unterstützen, das die elementarsten Menschenrechte mit den Füßen tritt? Die Antwort aus dem Elysée ein paar Tage später hat Alain Gauthier auch noch schwarz auf weiß: Frankreich setze sich weiterhin für Menschenrechte und die Wiederherstellung des Friedens ein. Einen Monat vor Beginn des Genozids besuchte Dafroza Gauthier ihre Familie in Kigali. Zwei Wochen wollte sie bleiben.
"Nach einer Woche hat meine Mutter gesagt, Du musst abreisen. Du bist hier nicht sicher. Du hast Deinen Ehemann und Deine Kinder in Frankreich. Wir sollen hier nicht alle zusammen umkommen. Wir hatten uns verbarrikadiert. Ich bin in der Woche gar nicht rausgegangen. Kein Tutsi war mehr in Sicherheit. Es gab schon Morde, Festnahmen, Einschüchterungen. Das Radio sendete Hassbotschaften. Man hat Massengräber gegraben. Im Radio sagte man: Wir bereiten uns auf etwas vor."

"Es gibt keinen einzigen Überlebenden"

Die Erinnerung daran verursache ihr manchmal Black-Outs, sagt Dafroza Gauthier, aber manche Bilder bleiben. "Ich erinnere mich an die Nachbarn, wo Kinder waren und junge Leute, die aus Kanada für die Ferien gekommen waren. Es war vor Ostern, der Genozid begann an Ostern. Ich denke oft an sie. An alle dort, es gibt keinen einzigen Überlebenden. Niemand hat überlebt."

Macron will sich jetzt der französischen Vergangenheit stellen

Dafroza konnte das Land noch verlassen, der Großteil ihrer Familie kam im Völkermord um. Vor ein paar Jahren wurden Alain und Dafroza Gauthier vom jetzigen Präsidenten Ruandas, Paul Kagame, geehrt für ihr Engagement. Dass Kagame international wegen seines autoritären Regierungsstils immer wieder scharf kritisiert wird, störte sie nicht. Sie glauben, Kagame habe das Land vorangebracht. In Frankreich unterdessen will sich Präsident Emmanuelle Macron jetzt der französischen Vergangenheit stellen. Die Gauthiers sind sich sicher: Die damalige französische Regierung hat 1994 in Ruanda ein Regime von Völkermördern unterstützt. Ihnen aber geht es vor allem um die Opfer: "Es ist wichtig, dass die Überlebenden, ihre Würde durch die Rechtsprechung wiedererlangen", sagt Alain und Dafroza fügt hinzu: "Wir machen weiter – für die Opfer, für ihre Erinnerungen, einfach, um sie zu rehabilitieren."