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StartseiteKultur heuteSimone und Antoine Veil im Panthéon beigesetzt01.07.2018

FrankreichSimone und Antoine Veil im Panthéon beigesetzt

Die Aufnahme ins Panthéon in Paris ist in Frankreich eine besondere Ehre, weil es so etwas wie der Eintritt in das "nationale Gedächtnis" des Landes ist. Nun wurden die Holocaust-Überlebende und Politikerin Simone Veil und ihr Mann Antoine dort beigesetzt.

Von Jürgen König

Die französische Holocaust-Überlebende und Politikerin Simone Veil und ihr Mann Antoine wurden im Panthéon beigesetzt.  (imago / PanoramiC)
Die französische Holocaust-Überlebende und Politikerin Simone Veil und ihr Mann Antoine wurden im Panthéon beigesetzt. (imago / PanoramiC)
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Zwei Tage lang hatte man - unter großer öffentlicher Anteilnahme - die Särge von Simone und Antoine Veil in der zentralen Pariser Holocaust-Gedenkstätte aufgebahrt, im Mémorial de la Shoah. Von dort wurden sie heute in einem feierlichen Zug auf die andere Seite der Seine ins Panthéon überführt – auf einem blauen Teppich: ein Friedenssymbol. Und Tausende Pariser nahmen Abschied von ihr: Simone Veil ist noch immer bekannt und beliebt in Frankreich. Nadine, eine Studentin:

"Diese Frau hat damals für uns gekämpft, sie hat die Rechte der Frauen verteidigt, hat sich in einer Männerwelt durchgesetzt – das ist enorm!"

Als Gesundheitsministerin hatte Simone Veil 1975 jenes Gesetz durchs Parlament gebracht, mit dem Abtreibungen in Frankreich legalisiert wurden - und das noch heute ihren Namen trägt. In der Nationalversammlung sagte sie damals:

"Ich möchte Sie an einer Überzeugung der Frauen teilhaben lassen, und ich entschuldige mich dafür, dass ich es hier in einem Parlament tue, das fast nur aus Männern besteht: Keine Frau wird jemals leichtfertig einer Abtreibung zustimmen. Es ist immer ein Drama, und es wird immer ein Drama bleiben!"

Eintritt ins "nationale Gedächtnis"

Die Aufnahme ins Panthéon bedeutet den Franzosen so etwas wie den Eintritt ins "nationale Gedächtnis". 300 Grabplätze gibt es, nur 78 davon sind belegt, erst fünf Frauen wurden hier beigesetzt und nur eine von ihnen wegen ihrer eigenen Leistungen: die Physikerin und Chemikerin Marie Curie. Sie starb 1934, wurde erst 1995 ins Panthéon überführt – dass es bei Simone Veil so viel schneller ging, liegt an Staatspräsident Emmanuel Macron. Seit dem ersten Tag seiner Präsidentschaft setzt er auf starke Symbole; schon kurz nach Simone Veils Tod vor einem Jahr verkündete Macron, dass sie ihr Grab im Panthéon finden werde. Heute sagte er dazu: 

"Das war nicht nur meine Entscheidung. Auch nicht die der Familie, die ja sehr damit einverstanden war. Es war eine Entscheidung aller Franzosen, ein gemeinsamer Wunsch als stillschweigende Übereinkunft: denn Frankreich liebt Simone Veil." 

Ausführlich würdigte Staatspräsident Macron die Lebensleistung Simone Veils. Ihre gesamte Familie war 1944 in Nizza von der Gestapo verhaftet und deportiert worden. Ihr Vater und ihr Bruder wurden in Litauen ermordet; die 17-jährige Simone Veil überlebte acht Monate im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, überlebte auch den Todesmarsch zum Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort starb ihre Mutter an Typhus, am 15. April 1945 wurden Simone Veil und ihre Schwester Madeleine von britischen Soldaten befreit.

Jeder neue Tag ein neuer Kampf gegen die Barbarei

Zurück in Frankreich studierte Simone Veil Jura. In den 60er-Jahren gehörte sie zu den ersten, die eine französische Mitschuld an den Nazigräueln während der Besatzungszeit zum Thema machte; in mehreren Regierungen war sie Ministerin für Gesundheit und  Soziales, sie war Präsidentin des Europäischen Parlaments, Mitglied des französischen Verfassungsrats.

"Sie kämpfte für eine gute Erziehung der Kinder, für die Wiedereingliederung entlassener Häftlinge, auch als Ministerin setzte sie sich für die Rechte der Schwächsten ein; sie wusste, dass 'Zivilisation' aus vielen kleinen Schritten entsteht. Die Freundschaft der europäischen Völker war ihr wichtig, ebenso der Dialog zwischen Israelis und Palästinensern; sie wusste, dass 'Humanität' nicht an unseren Grenzen haltmacht. Sie glaubte an das gemeinsame Schicksal, das man 'Nation' nennt und darin wiederum herausragend an das, was man 'Zivilisation' nennt. Sie wusste, dass jeder neue Tag einen neuen Kampf bedeutet: gegen die Barbarei."

In diesem "täglich neuen Kampf" hatte Simone Veil eine große Hilfe: ihren Mann. 57 Jahre lang war sie mit dem Unternehmer und Politiker Antoine Veil verheiratet; sein ganzes Leben hindurch hatte er ihren Kampf zu seinem gemacht – bis zu seinem Tod 2013. Dass sie nun gemeinsam im Panthéon ruhen, wird in Frankreich als besonders schönes Symbol gesehen.

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