Montag, 21.10.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteEine WeltWo ehemalige Kindersoldaten weinen dürfen01.04.2017

Friedensprojekt in KolumbienWo ehemalige Kindersoldaten weinen dürfen

In den Bergen oberhalb von Bogotá lernen ehemalige kolumbianische Kindersoldaten mit oft traumatischen Erfahrungen umzugehen. Sie haben eine Kinderrepublik gegründet, in der sie selbst die Entscheidungen treffen und den Ton angeben.

Von Anne Herrberg

Eine bemalte Wand im Projekt "Kinderrepublik Benposta" in Bogota in Kolumbien. In der Kinderrepublik wohnen Minderjährige, die als Kindersoldat rekrutiert worden waren oder rekrutiert werden sollten und vor der Gewalt und den Paramilitärs geflohen  (picture alliance / dpa)
Eine bemalte Wand im Projekt "Kinderrepublik Benposta" in Bogota in Kolumbien. In der Kinderrepublik wohnen Minderjährige, die als Kindersoldat rekrutiert worden waren oder rekrutiert werden sollten und vor der Gewalt und den Paramilitärs geflohen (picture alliance / dpa)
Mehr zum Thema

Mütter von Kriegsopfern Vergebung statt Rache in Kolumbien

Beginn neuer Friedensverhandlungen Ein Lichtblick für Kolumbien?

Steinmeier in Kolumbien "Ein Signal der Hoffnung für die Welt"

Kolumbien Nach 52 Jahren Bürgerkrieg endlich Frieden?

Durch den dichten Tannenwald ziehen noch die Nebelschwaden, Morgentau tropft von Nadeln. David stapft mit Gummistiefeln durchs nasse Gras. Langsam bricht die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei. Von der Sierra auf 3000 Meter Höhe ins Tal, dort erstreckt sich ein Meer aus roten Backsteingebäuden: Bogota, Kolumbiens Hauptstadt. 

"Hier oben ist es manchmal ganz schön kalt. Aber es gibt keine Gewalt, keine Konflikte, wir lernen in Solidarität und Harmonie zu leben. Das kannte ich vorher nicht, ich habe vorher nie in Frieden gelebt."

"Nachts hörte ich oft, wie Menschen schrien vor Schmerz"

Hier oben ist Benposta. Eine Gemeinschaft von Kindern, die Opfer des kolumbianischen Bürgerkrieges geworden sind. Die bedroht wurden, verfolgt, zwangsrekrutiert von einer der vielen bewaffneten Gruppen in diesem Konflikt – wie David. Er ist hochgewachsen, hat die dunkle Hautfarbe der Afrokolumbianer von der Pazifikküste. 

"Dort, wo ich herkomme, haben die Paracos, die Paramilitärs das Sagen. Sie töten und folterten. Unser Haus war genau gegenüber ihrer Versammlungszentrale. Nachts hörte ich oft, wie Menschen schrien vor Schmerz. Sie haben mich gezwungen, Boten- und Wachdienste für sie zu erledigen, ich konnte nicht Nein sagen, denen ist alles egal."

David floh als er 15 war, gemeinsam mit seinem Bruder und seinen Cousins kam er nach Benposta in den Bergen hinter Bogota. "Nación de Muchachos" steht am Eingang, "Kinderrepublik". David, inzwischen 18 und damit einer der Ältesten, ist zum Bürgermeister dieser Gemeinschaft gewählt worden:

"Dieser Ort funktioniert nach unseren Regeln, wir bestimmen selbst, was wichtig ist und wie wir uns dabei organisieren. Und dazu wählen wir auch eine Regierung und bestimmen alles in Versammlungen."

In der Gemeinschaftsküche herrscht wildes Durcheinander. Ein Trupp backt Brot, ein andrer schält Zwiebeln, es gibt die Gruppe, die Tische deckt und die die abwäscht – jeder muss Verantwortung übernehmen, damit die Republik funktioniert.

"Misshandelte Kinder suchen in den bewaffneten Gruppen Zuflucht"

Es gibt einen Gemüsegarten, eine Waschküche, ein Theater und Sportplätze. Die Häuser-Einheiten tragen Namen wie Che Guevara oder Nelson Mandela. Rund100 Kinder leben darin – die die Jüngsten sind gerade mal sieben Jahre alt. Betreut werden sie dabei von Psychologen, Lehrern und José Luis Campos, der Theologe kommt aus Spanien – dort, in Galizien, entstand Mitte der 1950er Jahre auch die Idee der Kinderrepublik Benposta: Für Kinder, die wie José Luis, Opfer der Diktatur Francos wurden.

"Benposta ist ein politisches und ein reformpädagogisches Konzept. Die Kinder sind die Hauptpersonen, ihre Perspektive steht im Mittelpunkt. Und wir arbeiten gegen Stigmata an: Kein Kind wird als Armer, als Dieb, als Guerillero geboren, sondern mit Würde und mit Rechten. Aber das Umfeld hier in Kolumbien, in das sie geboren werden, raubt ihnen die Rechte und oft sogar ihr Leben."

Seit 1985 sind an die 8000 Minderjährige von den vielen illegalen bewaffneten Gruppen in Kolumbien als Soldaten rekrutiert worden – von Paramilitärs, von Banden und vor allem von der Guerilla.

"Wir haben hier durch die Jahre mindestens 400 ehemalige Kindersoldaten betreut, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Aber das ist ungemein schwer, denn es sind eben Dinge aus ihrem Umfeld, die sie in den Krieg zwingen: Sie werden von ihren Familien verlassen, sind Waisen, werden misshandelt und vergewaltigt. Es gibt große Armut auf dem Land, Ungleichheit, Perspektivlosigkeit. Und oft suchen die Kindern in den bewaffneten Gruppen Zuflucht."

So war das bei Jaimi, sie kommt aus Norte de Santander, im Grenzgebirge zu Venezuela. Alle, in ihrem Dorf lebten vom Kokaanbau, denn sonst gab es nichts.

"Der Staat ist eigentlich nicht präsent, nur das Militär und es schikaniert die Bauern. Es zerstört die Felder, und wenn es zu Gefechten mit der Guerilla kommt, nehmen sie keine Rücksicht auf uns. Aber alle leben vom Koka-Anbau, denn es gibt nichts anderes. Deswegen bin ich zur Guerilla, da waren alle meine Freunde und wir wollten für ein besseres Leben kämpfen."

Am Abend treffen sie sich - viele weinen

Mit 13 konnte sie einen Gewehrlauf säubern, mit 15 lebten viele ihre Freunde nicht mehr. Jaimi war bei der EPL, der Volksarmee zur Befreiung – eine Rebellengruppe, die sich Mitte der 90er Jahre eigentlich demobilisiert hat – in Jaimis Region sind sie wieder erstarkt, denn an der Armut dort hat sich trotz Versprechen der Regierung nichts geändert. Über eine kirchliche Organisation kam Jaimi zu Benposta, dort hat sie ihren Abschluss nachgeholt, heute ist sie 17, will Medizin studieren. Der Friedenspakt mit Kolumbiens größter Guerilla Farc macht ihr große Hoffnung, vor allem, dass diese angefangen hat, Kindersoldaten an Menschenrechtsorganisationen zu übergeben. Doch sie sagt auch, es ist erst der Anfang.

"Frieden ist mehr als ein Dokument, mehr als die Waffen abzugeben. Wir müssen die Art, wie wir zusammenleben, ändern. In den Städten kennen sie den Krieg oft gar nicht, darunter leiden vor allem wir Bauern auf dem Land. Kolumbien muss gerechter werden. Deswegen ist Frieden ist so schwierig, aber ich glaube fest daran, dass wir daran arbeiten müssen." 

Am Abend treffen sich alle im Versammlungsraum, erzählen sich, was sie bedrückt, was sie umtreibt, von was sie träumen. Viele weinen. Es ist ihr Moment. Ohne Erwachsene. Im Schein von Kerzen, unten, im Tal, blinken die Lichter der Stadt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk