Samstag, 13. August 2022

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Fußball-WM
"Derbe Fehlentscheidungen sind Riesenskandal"

Der UNO-Sonderberater für Sport, Willi Lemke, hat sich empört über die Vielzahl von Fehlentscheidungen bei der FIFA-Fußball-WM in Brasilien geäußert. Dass es im Weltfußball keinen Videobeweis gebe, sei provinziell, sagte Lemke im Deutschlandfunk vor der Partie Deutschland gegen die USA.

Willi Lemke im Gespräch mit Peter Kapern | 26.06.2014

    Giorgio Chiellini zieht sein Trikot über seine linke Schulter herunter, um Spuren des angeblichen Bisses zu zeigen, links und rechts hinter ihm zwei Spieler aus Uruguay
    Der Biss des Uruguayers Suárez erhitzt bei Sportfans und -funktionären die Gemüter. (picture alliance / dpa / Emilio Lavandeira Jr)
    Bei der Fußball-WM sind nach Ansicht des UNO-Sonderberaters Lemke "derbe Fehlentscheidungen" vermehrt zu sehen. "Dass jemand, der einen anderen in den Nacken beißt, auf dem Platz bleibt, ist ein Riesenskandal", sagte Lemke mit Blick auf die nicht im Spiel geahndete Tätigkeit des Uruguayers Luis Suárez. "Viele andere Entscheidungen, die mir durch den Kopf gehen, darf es nicht geben."
    Lemke forderte Konsequenzen. Selbst bei Sportarten wie Taekwondo und Fechten gebe es den Videobeweis. "Bei der Sportart Nummer eins der Welt weigert man sich aber, den Videobeweis anzutreten." Dies sei angesichts der Relevanz und Begeisterung nicht nachzuvollziehen und müsse schnellstmöglich geändert werden.<hr></hr>Das Interview in voller Länge:Kapern: Wäre das dann schon eine Wiederholung der Schande von Gijon, denn das ist ja das große Vorbild, das abschreckende Vorbild von 1982, als es da diese Absprachen zwischen Deutschland und Österreich gegeben hat, diesen Nichtangriffspakt auf dem Fußballplatz, der begleitet wurde von wütenden Protesten von Zuschauern, von Aufforderungen des Fernsehmoderators, doch besser auszuschalten? Blüht uns das heute Abend?Gruppensieg nicht gefährden durch "Hurra-Fußball"Lemke: Ich habe das ja versucht, gerade deutlich zu machen. Fußballer – und das habe ich ja jahrzehntelang erlebt -, die denken daran, heute Abend in die nächste Runde zu kommen. Das ist doch das Normalste von der Welt. Die Deutschen wollen heute Abend Gruppensieger werden und das werden sie nicht gefährden durch einen Hurra-Fußball. Wenn natürlich eine Mannschaft führt, und das ist ja auch das Normalste, der jetzt in Richtung Tor läuft, der will ein Tor schießen, da wird keiner daran denken, oh mein Gott, wir dürfen jetzt kein Tor schießen, weil dann kriegen wir womöglich Prügel von den anderen, sondern es wird sehr taktisch gespielt heute Abend. Das macht aber natürlich auch den Charme des Spiels heute Abend aus, was passiert eigentlich jetzt. Und wenn es ein Geschiebe gibt, dann, glaube ich, werden die Zuschauer so viel Theater machen in Brasilien, dass jedem Spieler auf dem Feld klar wird, dass wir das nicht wollen, sondern wir wollen ein spannendes, ein gutes Fußballspiel sehen. Aber mit diesen vielen Fragezeichen wird es heute Abend ganz besonders attraktiv.Kapern: Manuel Neuer, der deutsche Torwart, der hat vor dem ersten Spiel gegen Portugal gesagt, heute Abend, nach dem Spiel wissen wir, wo wir stehen. Wissen wir das wirklich schon? Was kann die deutsche Mannschaft im Vergleich zu den anderen Teams, die jetzt schon ins Achtelfinale eingezogen sind?"Das weiß man, dass wir uns von Spiel zu Spiel steigern können"Lemke: Die deutsche Mannschaft zeichnet sich ohne Frage aus durch die Tatsache, dass sie eine Turniermannschaft über Jahrzehnte gewesen ist. Das meint ja Lineker auch: Es laufen 22 Leute hinterher und Deutschland gewinnt. Das weiß man, dass wir uns von Spiel zu Spiel steigern können. Ich glaube, das kleine Tief, das wir gehabt haben gegen Ghana – das war übrigens ja für uns alle weltweit ein tolles Fußballspiel -, das Tief war dadurch begründet, dass die deutsche Mannschaft nach dem 4:0 gedacht hat, na ja, wir marschieren jetzt so ins Finale.Und das hat ja nicht nur die deutsche Mannschaft gesagt und ich bin ganz sicher, dass Jogi Löw gesagt hat, bleibt mal schön alle auf dem Teppich. Aber in den Köpfen ist es völlig eindeutig, dass du nach so einem Triumph – und das war ja ein Triumph – dann ein bisschen abhebst und sagt, na ja, wer ist Ghana gegen Portugal. Das hat sich gerächt mit diesem 2:2.Aber ich glaube, dass heute Abend das ein bisschen anders aussieht. Die Amerikaner – das vermute ich – werden besser spielen noch als die Mannschaft aus Ghana, und wenn wir so uns konzentrieren, dass wir heute Abend auf jeden Fall eine Runde weiter sind, dann werden wir uns, das ist meine These, von Spiel zu Spiel, von Runde zu Runde weiter steigern und dann hoffentlich nach Belo Horizonte gehen. Da würde dann Deutschland im Halbfinale spielen, sofern sie (wenn das alles so passiert, wie ich mir das vorstelle) im Viertelfinale Frankreich schlagen. Dann kann ich mir gut vorstellen, dass wir dann in Belo Horizonte Deutschland sehen. Und wenn es dann ganz, ganz gut geht, dann gibt es natürlich ein Spiel gegen einen Gegner, der von der Spielstärke sehr, sehr hervorragend aufgestellt sein wird. Dann gibt es auch die Chance für die deutsche Mannschaft, ins Finale einzuziehen.Kapern: Herr Lemke, wir sehen ja, wenn wir mal generell auf diese WM schauen, eine erstaunliche Entwicklung da im Fußball. England, Italien und Spanien reisen ab nach Hause, Costa Rica, Kolumbien und Mexiko stehen im Achtelfinale. Ist das da eine Machtverschiebung im Fußball, die wir da beobachten können, von Europa nach Lateinamerika? Was ist da passiert in den letzten Jahren?Lemke: Fehlen des Videobeweises im Fußball ist provinziellLemke: Na ja, ich würde mal an das Naheliegende denken. Wo findet denn die Fußball-Weltmeisterschaft statt? Das ist nicht auf dem europäischen oder asiatischen Kontinent. Ich erinnere an Südkorea, die damals, als wir in Asien gespielt haben, auch eine sehr gute Rolle gespielt haben. Wir spielen in Südamerika. Das hat was mit Temperaturen, mit langen Wegen, mit anderen Dingen zu tun. Und es war von vornherein von ganz vielen Fachleuten gesagt worden, die Südamerikaner werden diesmal einen (Heimvorteil) haben, und genau das spiegelt sich mit dem Weiterkommen vieler südamerikanischer Mannschaften einfach wider. Das finde ich nicht sensationell.Mich stört im Augenblick etwas ganz anderes. Sie haben es ja am Anfang auch gesagt. Wenn so richtig derbe Fehlentscheidungen jetzt wirklich wieder vermehrt zu sehen sind, ich denke nur an den Biss. Dass einer, der den anderen in den Nacken beißt, auf dem Spielfeld bleibt, ist ein Riesenskandal. Und viele andere Entscheidungen, die mir auch jetzt durch den Kopf gehen, die darf es nicht geben. Sie wissen, dass ich im Weltsport unterwegs bin und nicht nur an Fußball interessiert bin. Es gibt bei den Sportarten wie (jetzt gerade am Wochenende war ich in Moskau) Taekwando für Menschen mit einer Behinderung. Da gibt es den Videobeweis. Hallo! Was ist das denn, dass man bei den Taekwando-Meisterschaften den Videobeweis hat, beim Fechten und vielen, vielen anderen Sportarten, um derbe Fehlentscheidungen zu verhindern, und im Fußball, der Sportart Nummer eins in der Welt, da weigert man sich, den Videobeweis anzutreten. Ich finde das provinziell, das ist nicht nachzuvollziehen, dass es im Weltfußball bei der Relevanz und bei der großen Begeisterung von Hunderten von Millionen Zuschauern, da gibt es keinen Videobeweis. Das ist wirklich hinterbänklerisch und das muss so schnell wie möglich geändert werden.Kapern: Willi Lemke, UNO-Sonderbeauftragter für den Sport und langjähriger Manager von Werder Bremen, heute Morgen im Deutschlandfunk. Herr Lemke, schauen wir mal, ob Sie Recht haben mit Ihrem Tipp, dass Deutschland als Gruppenerster ins Achtelfinale kommt. Danke für das Gespräch, einen schönen Tag!Lemke: Vielen Dank, Herr Kapern.Kapern: Tschüss!Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
    Willi Lemke, UNO-Sonderberater für Sport und ehemaliger Manager von Werder Bremen
    Willi Lemke, UNO-Sonderberater für Sport und ehemaliger Manager von Werder Bremen (picture-alliance / dpa / Carmen Jaspersen)