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George Church. Der Mann, der das Genom für jedermann fordert

Genetik. - Das erste menschliche Genom, das vor zehn Jahren vorgestellt wurde, stammte von mehreren Menschen. Inzwischen sind über 200 Genome analysiert, in der Warteschleife weitere 1000. George Church, Genetiker von der Harvard Medical School strebt das persönliche Genom für jeden an.

Von Michael Lange | 25.06.2010

    Ein brummiger Hüne mit Vollbart und Lockenkopf. George Church von der Harvard-Medical-School gilt als Vordenker der Genom-Forschung. Bevor er aber in die Zukunft blickt, möchte er gerne mit ein paar Vorurteilen aufräumen.

    "Everybody was announcing a draft of the human genome."

    Vor zehn Jahren sei zwar die Entschlüsselung des Genoms gefeiert worden, sagt Church, aber das sei nicht mehr als ein Entwurf gewesen.

    "Heute haben wir bestenfalls eine ziemlich vollständige Arbeitsversion. 93 Prozent des Genoms liegen vor. Sieben Prozent fehlen immer noch. Es fehlen allerlei Wiederholungen und Einschübe, die auch für Computer schwer zu lesen sind. Meine Arbeitsgruppe und andere sind dabei, eine Routinemethode für die Entzifferung dieser Bereiche zu entwickeln, wie wir sie brauchen für die persönliche Genomik."

    Der Schriftsteller Richard Powers nennt George Church den Edison der Genom-Forschung. In seiner Reportage "Das Buch über mich" schreibt er:

    "Ein unabhängiger Geist, ein scharfer Verstand. Zwei Meter groß, Felsenkletterer, Eisschwimmer. Er baut Roboter und züchtet Tauben. Dieser Mann ist zu schillernd und zu produktiv, um wirklich zu sein."

    Und noch mehr ist von George Church bekannt. Er ist Rechtshänder, Blutgruppe Null positiv, wiegt 111 Kilo und leidet unter Narkolepsie, weshalb er manchmal mitten am Tage plötzlich einschläft. Außerdem ist sein Genom für jeden Internetbenutzer nachlesbar.
    "Mein Genom ist Teil des 'Persönlichen Genom-Projektes'. Ich gehe nicht davon aus, dass mein Genom etwas Besonderes ist. Wir haben bereits mit einem Computer-Programm nach den interessantesten Genomen gesucht. Meines war nicht dabei, aber das ist OK."

    In dem von ihm initiierten Persönlichen-Genom-Projekt will George Church das Erbgut von 100.000 Menschen entziffern und ohne Namensnennung die Sequenzen ins Internet stellen. 16.000 Personen haben sich bereits bei ihm angemeldet. Bald soll jeder sein Genom kennen, so seine Vision, für maximal 1000 Dollar. Church:

    "In den letzten fünf Jahren sank der Preis für ein Genom um den Faktor eine Million."

    Der aktuelle Stand: 5000 bis 10.000 Dollar für ein vollständiges menschliches Genom.

    "Bis zum 1000-Dollar-Genom ist es nicht mehr weit. Und danach wird der Preis weiter sinken."

    Der Schriftsteller Richard Powers entschied sich mitzumachen beim "Persönlichen-Genom-Projekt". Als einer der ersten erhielt er von George Church sein Genom auf einem USB-Stick.

    "Ich fühle mich wie ein Jäger und Sammler, der zum ersten Mal eine gefrorene Lasagne sieht."

    Die Information schien zunächst nutzlos, aber schnell wurde Richard Powers klar, welcher Sprengstoff darin verborgen sein könnte.

    "Vielleicht sagt es mir, ob ich ein Risiko trage für Darmkrebs, an dem mein Vater gestorben ist, als er so alt war wie ich jetzt? Oder es weist mich auf Lungenprobleme hin, mit denen meine Mutter jetzt in ihren Siebzigern kämpft."

    Neues Wissen verändert das Leben, weiß auch George Church. Aber an vieles werden wir uns gewöhnen. So auch an das persönliche Genom auf der Chipkarte oder im Handy.

    "Ihr Mobiltelefon ist geeignet als Verbindung zwischen den Genom-Daten und Ihrem Alltag. Es liest den Bar-Code auf einer Verpackung, durchsucht dann Ihr Genom und sagt Ihnen, wenn das Medikament oder das Nahrungsmittel nicht gut für Sie ist."

    Das Genom wird in unseren Alltag Einzug halten und unser Leben verändern. Davon sind beide überzeugt: George Church, der Wissenschaftler und Visionär, und Richard Powers, das Versuchskaninchen. Powers:

    "Ich werde mich niemals mehr ganz sicher fühlen."


    Zur Sendereihe "Ich | Mensch | Genom"