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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Georges Corm: Missverständnis Orient - Die islamische Kultur und der Westen20.09.2004

Georges Corm: Missverständnis Orient - Die islamische Kultur und der Westen

Rotpunkt Verlag, Zürich, 2004, 180 Seiten, Euro 19,80

<strong> Der so genannte Anti-Terror-Kampf gebiert merkwürdige ideologische Konstrukte. Sei es, dass der arabische Judenhass mit dem Antisemitismus des christlich-bürgerlichen Europa und dem deutschen Vernichtungswahn in einen Topf gerührt werden, sei es, dass der islamisch-arabischen Kultur pauschal ein Hang zum religiösen Fanatismus bescheinigt wird, und das aus Kreisen, die man mit Fug und Recht selbst als christliche Fundamentalisten charakterisieren kann, die ihre Prinzipien durchaus mit fanatischem Eifer vertreten. Der Ton ist wieder rauer geworden zwischen dem Orient und dem Okzident, was viele Intellektuelle dazu inspiriert, sich über den geschichtlichen Stand des Verhältnisses zwischen der islamischen Kultur und dem Westen Gedanken zu machen. Georges Corm ist so ein Intellektueller, der zwischen Beirut und Paris unterwegs ist, im Libanon Minister war und in Frankreich verschiedene Bücher veröffentlicht hat. Seine neuste Arbeit heißt Missverständnis Orient.</strong>

Von Ruth Jung

Orientalischer Palast (AP)
Orientalischer Palast (AP)

Überall dort, wo die westliche Zivilisation herrscht, haben sich alle menschlichen Bindungen aufgelöst, nur die nicht, deren Daseinsberechtigung der eigene Vorteil,
'die harte Barzahlung’ ist. Seit mehr als einem Jahrhundert wird die Menschenwürde auf die Stufe eines Tauschwerts herabgezogen. Es ist schon ungerecht, ja es ist monströs, dass der Besitzlose vom Besitzenden geknechtet wird, doch wenn diese Unterjochung über den Rahmen der bloßen Lohnabhängigkeit hinausgeht und die Form jener Sklaverei annimmt, welche die internationale Hochfinanz den Völkern aufbürdet, so ist das eine Ungerechtigkeit, die kein Blutbad wird sühnen können. Wir akzeptieren die Gesetze der Ökonomie oder des Tauschhandels nicht.


So heißt es im Surrealistischen Manifest von 1925. In den Texten der surrealistischen Künstler meint Jean Clair einen Generalangriff auf die westliche Zivilisation zu erkennen. Clair ist seines Zeichens Generalkonservator des nationalen Kulturerbes und Direktor des Pariser Picasso-Museums. "Der Surrealismus und die moralische Zersetzung des Abendlands" überschrieb er anlässlich der großen Ausstellungen zum Surrealismus in Paris und London unter dem Eindruck des 11. September einen Artikel in Le Monde:

Unausgesetzt hat die surrealistische Ideologie den Untergang eines materialistischen und sterilen Amerika und den Sieg des Morgenlandes gewünscht, das für ihn Bewahrer der geistigen Werte war.

Umstandslos erklärt der oberste französische Kulturverwalter die Surrealisten posthum zu Brandstiftern und geistigen Wegbereitern der islamistischen Terroristen. In der wüsten Attacke des einflussreichen Kunsthistorikers gegen eine kritische Avantgardebewegung kann man ein Musterbeispiel sehen für die mit dem 11. September freigesetzten Phantasmagorien tonangebender Intellektueller, die die Intelligenzija auf ein konformistisches Denken im Anti-Terrorkampf einschwören wollen. Es zeigt, wie dringend eine fundierte Analyse des "ideologischen Konstrukts eines Bruchs zwischen Okzident und Orient" ansteht und wie sehr es ein Desiderat ist, das einzulösen der französische Originaltitel des Buches von Georges Corm - La fracture imaginaire – verspricht. Denn nicht um ein "Missverständnis Orient" geht es, wie die deutsche Übersetzung behauptet, sondern um die blutigen Konsequenzen einer ideologischen Aufrüstung, deren Kern ein konstruierter Bruch zwischen Okzident und Orient ist,

(Und) bei dem der 11. September nur als beschleunigender Faktor einer Grundströmung fungierte, die die politische Philosophie und anthropologische Reflexion des Westens, zumal seit dem Ende des Kalten Krieges durchzieht. Der Krieg gegen den Irak stellt sich insofern als Höhepunkt dieser Entwicklung dar.

Bschreibt der in Beirut lebende Autor Georges Corm. Der Ökonom und ehemalige Finanzminister des Libanon versteht sich als Kulturvermittler; mehrere Bücher auf französisch und arabisch über den Nahen Osten und den Mittelmeerraum als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum liegen vor. Dabei gilt die mit Pathos vorgetragene Bewunderung des Autors der europäischen Philosophie, speziell dem französischen Rationalismus der Aufklärung, zu dessen Verteidigung er wortreich angetreten ist. Im fortschreitenden Irrationalismus, den religiös unterfütterten Parolen im Diskurs westlicher Politiker sieht der libanesisch-französische Intellektuelle eine ebenso große Bedrohung wie in den Hassreden fundamentalistischer Muslime. Vor allem der mit dem Bush-Clan wieder salonfähig gewordene christliche Fundamentalismus bedrohe die Weltgemeinschaft. Wie es zur Rückkehr des Religiösen in einer sich laizistisch definierenden Gesellschaft kommen konnte, ist eine zentrale Frage. Leider benutzt sie der Autor zur Entfaltung eines ehrgeizigen Großprojekts: Er unternimmt einen Streifzug durch die abendländische Philosophie und Soziologie auf der Suche nach Spuren von untergründig weiterwirkenden religiösen Dogmen, um die These zu belegen, dass im Westen die Laizisierung stehen geblieben sei; wobei er Westen eigenwillig unterscheidet in positiv besetzte "europäische Kultur" und negativ besetzte "Verwestlichung", sprich Amerikanisierung:

mit europäischer Kultur sind die großen Ideen der Renaissance und der Aufklärungsphilosophie gemeint. Als Westen oder westliche Kultur bezeichnen wir hingegen das, was die Vereinigten Staaten ihrem Geburtsort Europa und der europäischen Kultur an Macht, Techniken und Ideen hinzugefügt haben.

Durch viele Seiten muss sich der Leser kämpfen, bis er das eigentliche Ansinnen des Autors erfasst. Begriffliches Durcheinander, langatmige Phrasen und nicht nachvollziehbare Bezugnahmen auf akademische Ablagerungen machen die Lektüre über weite Strecken zur Qual; verstärkt wird dieser Eindruck durch eine Übersetzung, bei der man sich fragt, wie der Verlag sie hat abnehmen können.

Das vorliegende Buch sucht die Springfedern dieses in all seinem Narzissmus triumphierenden Diskurses des Westen zu erklären.

Was da federnd springen soll, fragt man sich an vielen Stellen; ressorts heißt Triebkräfte oder Beweggründe. Und chemin de garage ist nicht der Garagenweg, sondern das Abstellgleis - zwei Beispiele aus einer Vielzahl von haarsträubenden Fehlern, die das Verständnis der Argumentation zusätzlich erschweren.
Dem Autor ist ein ernstes Anliegen nicht abzusprechen, geht es ihm doch darum, aufzuzeigen, mittels welcher religiös verbrämter fundamentalistischer Diskurse sich der Westen – Amerika - als Inbegriff der Zivilisation entwirft und zur Behauptung dieses Anspruchs als Gegenbild die konstruierte Barbarei – den Orient - braucht. Doch am Großprojekt einer religionskritisch intendierten Ideengeschichte abendländischer Selbstentwürfe von der Antike bis zur Gegenwart mit einem Seitenblick auf arabische Kulturen kann man leicht scheitern, zumal dann, wenn man ohne kritische historische Differenzierungen auszukommen meint. Die Geschichte nämlich gerät dem Autor zum großen Steinbruch, aus dem sich jeder den passenden Brocken bricht. Corm verficht einen Relativismus und beruft sich auf die Wissenschaftstheorie des Liberalen Karl Popper

der uns so nützlich sein könnte. Trotz der mutigen und beißenden Kritik, der Karl Popper die meisten Begriffe des westlichen Denkens unterzog – im Besonderen das Weltverständnis Hegels, in dem Popper den Ursprung aller totalitären Fehlentwicklungen des modernen Staates sieht – hat sich das gegenwärtige Denken des Westens abermals in narzisstische Selbstbespiegelung versperrt. Zeigen wir uns nicht als gefährlich im Hegelschen Denksystem befangen, wenn wir vom Okzident und vom Orient, vom Christentum und vom Islam, von Nationen und Religionen so sprechen, als handele es sich um Kollektivpersönlichkeiten oder wesenhafte Totalitäten?

Hegel und Marx, die Vertreter "einer Heilsgeschichte", so Corm, werden zu Vordenkern aller totalitären Systeme. Auffallend durchzieht das Buch eine Fixiertheit auf einen Anti-Marxismus, der nicht weiter begründet wird. Da der Autor Gesetzlichkeiten im Geschichtsprozess nicht ausmachen will, interessiert ihn auch die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft nur unter dem Aspekt seines seltsamen Begriffs von Ideengeschichte, die in eine verworrene Phänomenologie mündet. Die Dialektik der Aufklärung, die Instrumentalisierung der Vernunft im Dienste einer alles vernichtenden ökonomischen Ordnung gerät ihm so aus dem Blick.
Den Surrealisten ging es darum, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Corms Appell indessen "zurück zur Vernunft" – welcher Vernunft? - verliert sich in der Abstraktion und Einöde ideengeschichtlicher Selbstgenügsamkeit. Richtig gesehen ist die fortschreitende Marginalisierung des kritischen Denkens; sein Ziel aber, die gegenwärtigen Machtdiskurse zu entziffern, erreicht er nicht. Auch wenn an manchen Stellen, so im letzten Kapitel "Wirtschaftliche Globalisierung und neue Ordnung" oder in den Kapiteln, in denen er den Ursprungsmythen des amerikanischen Nationalismus nachgeht, interessante Gedanken aufblitzen, die ein kritisches Weiterdenken befördern könnten: sie verlieren sich dann aber in einer unendlichen Assoziationskette, die man bald müde wird weiterzuverknüpfen: der Erkenntniswert ist schlicht zu gering.

Ruth Jung war das über 'Missverständnis Orient - Die islamische Kultur und der Westen’ von Georges Corm, übersetzt aus dem französischen von Bodo Schulze. Erschienen ist das 180 Seiten umfassende Buch im Rotpunkt Verlag in Zürich und kostet 19.80 Euro

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