Mittwoch, 25. Mai 2022

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Gesammelte Werke in fünf Bänden

"Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze." So lautet einer von vielen der ebenso provozierenden wie unwiderlegbaren Aphorismen Oscar Wildes, dessen hundertstem Todestag im November dieses Jahres gedacht werden wird - und ein nicht unbeträchtlicher Ausstoß an Werken von und über Wilde kommt auch auf den - hoffentlich geneigten - deutschen Leser zu. Ergebnis der lebenslangen Romanze eines Schriftstellers mit sich selbst sind im wesentlichen seine Bücher. Die des Oscar Wilde sind in Deutschland verbreitet und bekannt; der Autor ist im Grunde nicht mehr zu entdecken, zu feiern höchstens noch und, natürlich, weiterhin zu lesen.

Klaus Modick | 23.01.2000

Der Zürcher Haffmans Verlag, der sich mit Neuübersetzungen von Werken der klassischen Moderne bereits rühmlich hervorgetan hat, bringt nun als Kassette auch eine Werkauswahl Wildes auf den Markt. Edel gebunden in silbern schimmerndes Leinen, sorgfältig gesetzt, lesefreundlich gedruckt auf bestem Dünndruckpapier und mit Lesebändchen versehen, liegen die kleinformatigen Bände angenehm in der Hand. In bibliophiler Hinsicht ist diese Ausgabe also rundum gelungen. Sie ist einfach schön - was im Sinne Oscar Wildes wohl bereits Rechtfertigung genug wäre, sie zu veranstalten, denn: "Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut dies auf eigene Gefahr. Wer das Symbol deutet, tut dies auf eigene Gefahr."

Wir wollen die Gefahr auf uns nehmen und danach fragen, ob sich unter der schönen Oberfläche dieser Ausgabe auch editorische Notwendigkeiten verbergen - oder gar ein Oscar Wilde, wie wir ihn bislang noch nicht kannten, zum Vorschein kommt? Das Unternehmen gliedert sich jedenfalls in fünf Bände; nämlich erstens, übersetzt von Hans Wolf, Wildes einzigen Roman Das Bild des Dorian Gray; zweitens eine Auswahl aus den Erzählungen und Prosagedichten, übersetzt von Eike Schönfeldt; drittens Märchen, übersetzt von Susanne Luber; viertens eine Auswahl aus den Essays, übersetzt von Georg Deggerich; und fünftens vier Komödien, übersetzt von Bernd Eilert. Alle Bände sind mit Nachworten und Anmerkungen der Übersetzer versehen, doch verborgene Schätze, bislang auf Deutsch nicht erschienene Texte Wildes, liefert die Ausgabe nicht. Sie beschränkt sich vielmehr auf den hinreichend bekannten Kern von Wildes Werk.

Daß sie auf eine Neuübersetzung der Gedichte, und sei es in einer Auswahl, absieht, ist schade - wir wollen es in Anbetracht der enormen Schwierigkeiten, die die Übersetzung dieser reimverliebten, oft schwülstigen, öfter epigonalen Lyrik aufgeworfen hätte, dem Verlag nachsehen, auch wenn wir damit auf Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading verzichten müssen. Weil auch die Briefe Wildes keinen Eingang in die Edition fanden, fehlt nun freilich auch De profundis, jener autobiograhische und ästhetische Schlüsseltext, den Wilde im Zuchthaus zu Reading schrieb. Und diese Leerstelle wollen wir dem Verlag weniger generös nachsehen, weil sich dadurch doch der Verdacht aufdrängt, man habe hier nicht nur das Bewährte, sondern auch nur das Gefällige zusammengetragen, sei vor jenem Oscar Wilde aber zurückgeschreckt, der am schäbigen Ende seines glanzvollen Lebens entschieden unter die Oberflächen vorstieß. Was die Vollständigkeit angeht, fällt die Zürcher Ausgabe also weit hinter die bewährte Ausgabe "Sämtlicher Werke in sieben Bänden" zurück, die der Insel-Verlag in neuer Ausstattung aus Anlaß von Wildes 100. Todestag neu auf den Markt wirft - allerdings in den alten Übersetzungen.

Der einzige Trumpf der Zürcher Ausgabe ist, unter der Oberfläche ihrer glänzenden Ausstattung, mithin die Tatsache, daß alle Bände neu übersetzt wurden. Und für diese Übersetzungen, so jedenfalls Hans Wolf in seinem Nachwort zu Dorian Gray, habe lediglich ein Prinzip gegolten: Das der Lesbarkeit. "Richard Ellmann, Oscar Wildes letzter großer Lebensbeschreiber, bemerkt in seiner Biographie, daß Wildes ,Genius noch durch die Übersetzungen leuchtet'. Daß dies Leuchten (das im Deutschen bisher nur zu oft ein schwaches Glimmen war) zu einem vollen Strahlen gerät, war eines der Ziele der vorliegenden Neuübersetzung."

An Selbstbewußtsein gebricht es dem Übersetzer Hans Wolf also kaum. Wildes Genius will er kongenial zum Strahlen bringen, und zugleich fertigt er bisherige Übersetzungen als unzureichendes Glimmen ab. Da gibt es zum Beispiel eine sehr solide Übersetzung von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer aus dem Jahre 1909, mit der die renommierte Bibliothek Suhrkamp das deutsche Bildnis des Dorian Gray lange schon und immer noch in Ehren hält. Wir wollen einmal sehen, was hier wie strahlt und was schwach glimmt. Die ersten Sätze des Romans lauten bekanntlich folgendermaßen: "The studio was filled with the rich odour of roses, and when the light summer wind stirred amidst the trees of the garden, there came through the open door the heavy scent of the lilac, or the more delicate perfume of the pink-flowering thorn."

Übersetzen läßt sich das, schmelzend und schwelgerisch, so: "Üppiger Rosenduft erfüllte das Atelier, und wenn im Garten der linde Sommerwind durch die Bäume strich, wehte das reiche Arom des Flieders oder der zartere Hauch des rosablütigen Hagedorns durch die offene Tür herein."

Übersetzen läßt sich das freilich auch sachlicher: "Starker Rosenduft durchströmte das Atelier, und als ein leichter Sommerwind die Bäume im Garten hin und her wiegte, kam durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der feinere Duft des Rotdorns."

Nun würde man meinen, daß das üppige Pathos vom "linden Sommerwind", vom "reichen Arom" und "rosablütigen Hagedorn" die Übersetzung von 1909 prägt, deren Autoren ja noch unmittelbar im Sprachkontext von fin de siecle und Dekadenz standen, während sich die kühlere Sachlichkeit der Neuübersetzung verdankt. Es ist aber genau umgekehrt. Es ist Hans Wolfs Version, die dem Roman nun jenen blumig-ornamentalen, deutschen Sprachgestus der Jahrhundertwende zuführt, als wär's ein Werk des frühen Hofmannsthal. Und diese Entscheidung, den Text nicht sachlich erkalten zu lassen, sondern ihm hundert Jahre später künstlich seine wahre Zeitgenossenschaft zurückzugeben, ist durchaus überzeugend, auch wenn Wolf dabei gelegentlich in arge Jugendstiltümelei verfällt, diese Strategie andererseits aber auch nicht immer konsequent durchhält. "The sullen murmur of the bees" beispielsweise übersetzt er mit "Das gereizte Summen der Bienen", wohingegen Lachmann/Landauer mit einem wunderbar lautmalerischen "summenden Murren" aufwarten. Auch scheint es nach den Spracherfahrungen des Jahrhunderts als böser Mißgriff, wenn Wolf für das Wilde'sche "degenerate" ausgerechnet "entarten" benutzt, wo das dekadenz-selige "verfallen" viel näher gelegen hätte; doch das sind vielleicht bereits Beckmessereien, mit der man jede Übersetzung zerreden kann. Hans Wolf hat jedenfalls eine Neuübersetzung geliefert, die in der Tat lesbar ist; das freilich waren andere vor ihm auch schon - ob bereits strahlend oder noch vorläufig glimmend, lassen wir einmal dahin gestellt. Wolfs Leistung ist es vielmehr, mit historisierendem Gestus den sprachlichen Prunk des Originals eingeholt und gewissermaßen bei sich selbst abgeholt zu haben.

"Ich habe meine Oscar-Wilde-Werkausgabe so angesetzt, daß sie, wo immer es geht, so hart wie möglich am Original bleibt." Derart entschieden programmatisch zitiert Susanne Luber in ihrem Nachwort den Verleger Gerd Haffmans. Die damit angemahnte, unbedingte Werktreue muß nicht unbedingt im Widerspruch zu dem stehen, was Hans Wolf als Übersetzungsprinzip benennt: Lesbarkeit. Doch sind schöne Übersetzungen selten treu, die treuen aber nur selten schön. Die Arbeit eines guten Übersetzers bestünde dementsprechend darin, seine sprachliche Liaison mit dem Originaltext so zu gestalten, daß die Schönheit treu bleibt und die Treue schön wird. Genauigkeit und Treue schließen ja Inspiration nicht aus - im Gegenteil. Diese Kombination ist jedoch nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil der Gegenstand, dem des Übersetzers ganze Zuwendung gilt, um den er werben muß, damit er sich öffnet und in seiner Sprache aufgeht, sich nie vollständig aus der Erfahrung lösen läßt, in der er gewissermaßen seine Unschuld verlor und aus dem schweigenden Dasein der Dinge zu Sprache und Text wurde. Susanne Luber beweist ein feines Gespür für dies Problem, wenn sie anmerkt: "Der Übersetzer ist ein Autor und doch kein Autor. Er schafft einen neuen Text, aber es ist der Text eines anderen Autors. Groß ist die Versuchung, diesen Text kritisch zu beurteilen und den Autor zu korrigieren, Dinge besser zu sagen oder wenigstens zeitgemäßer. Doch das ist verboten, erst recht verboten in einer Klassiker-Ausgabe. Eine kritische Distanz zum Urtext darf der Übersetzer zwar haben, aber er darf sie nicht in die Übersetzung einfließen lassen."

Das strenge Wort des Verlegers, so "hart wie möglich am Original" zu bleiben, wirkt hier offenbar nach, und Susanne Luber hat sich ebenso daran gehalten wie Eike Schönfeldt und Georg Deggerich, die übrigens in ihren Nachworten darauf verzichtet haben, Fragen der Übersetzung aufzuwerfen oder gar irgendwelche Prinzipien aufzustellen. Herausgekommen sind deutsche Versionen, die dem Original eng verpflichtet bleiben. Das helle Strahlen freilich, das Hans Wolf im Auge hatte, schimmert da nur gelegentlich durch, und ältere Übersetzungen müssen sich vor diesen eher funktional ausgerichteten Versionen keineswegs verstecken.

"W. H. Auden fand für (Oscar Wildes Komödien) das schöne Wort ,Wortoper'; sie auch entsprechend zu inszenieren, würde meinem Gefühl beim Übersetzen am ehesten entgegenkommen. Und meinem Gefühl bin ich meist gefolgt, ganz im Sinne Wildes, der für reinen Subjektivismus auch und gerade in den interpretierenden Künsten plädierte, zu denen ich das Übersetzen zähle." Diese Bemerkungen stammen, wie man meinen müßte, nicht etwa aus einer anderen Oscar-Wilde-Ausgabe, sondern von Bernd Eilert, der die vier Komödien übersetzt hat und sich aus sehr guten Gründen in seinem Nachwort ausführlich zu seinem Ansatz des "reinen Subjektivismus" äußert. Immerhin wischt er die programmatische Erklärung des Verlegers, hart am Original zu arbeiten, mit selbstbewußter Geste vom Tisch, und die kritische Distanz zum Autor, die Susanne Luber sich versagt, gehört bei Eilert zum Konzept - wie überhaupt festzustellen ist, daß diese Ausgabe zwar durchweg solide bis hervorragende Übersetzungen liefert, ein einheitliches Prinzip aber vermissen läßt. Offenbar gab es weder Absprachen zwischen den Übersetzern noch ein Lektorat, das die erheblich divergierenden Ansätze aufeinander abgestimmt hätte. Die zitierte Bemerkung des Verlegers darf und soll also offensichtlich nicht besonders ernst genommen werden.

Ernst zu nehmen sind dagegen Sprachintelligenz, stilistische Eleganz und der Wortwitz, mit dem der Satiriker, Erzähler und Drehbuchautor Bernd Eilert sich Oscar Wildes Wortopern angenommen hat. Ein Beispiel: Wenn im Stück The Importance of Being Earnest Jack der Lady Bracknell seine Vermögensverhältnisse dargelegt hat, sagt diese: "That is satisfactory. What between the duties expected of one during one's lifetime, and the duties exacted from one after one's death, land has ceased to be either a profit or a pleasure. It gives one position, and prevents one from keeping it up. That's all that can be said about land."

Eine der kursierenden, durchaus korrekten, aber witzlos-matten Übersetzungen, wie etwa die durch Paul Baudisch, macht daraus folgendes: "Damit bin ich sehr zufrieden. Bei den heutigen Steuern - Grundsteuern zu Lebzeiten, Erbschaftssteuern nach dem Tod - ist Grundbesitz nicht länger profitabel und macht auch kein Vergnügen mehr. Er verleiht einem eine gesellschaftliche Position und hindert einen daran, sie aufrechtzuerhalten. Mehr ist zu diesem Thema nicht zu sagen."

Die abgründige Ironie und blasierte Schnoddrigkeit Oscar Wildes wird hier zu einer eher lamentierenden Feststellung in trockenes Amtsdeutsch verbannt. Bernd Eilerts Neuübersetzung löst sich vom Buchstaben des Originals, weil sie dessen Geist verstanden hat, und belebt diesen Geist wie folgt: "Das klingt zufriedenstellend. Angesichts der Steuern, die man bereits zu Lebzeiten zu zahlen hat, und jener, die man noch zahlen muß, wenn man schon tot ist, hat Grundbesitz jeden finanziellen oder sentimentalen Reiz verloren. Er verschafft einem eine Stellung in der Gesellschaft und verhindert, daß man sie je einnehmen kann. Und damit wäre dies Thema für mich erledigt."

Das Leuchten von Wildes witzigem Genie wird in dieser Übersetzung tatsächlich zu einem Strahlen, wie man es in Wildes Bühnenstücken bislang nicht sah beziehungsweise hörte, weil Eilert die Texte übersetzend so interpretiert, daß sie sich auch einer gegenwärtigen Inszenierung gewachsen zeigen könnten: "Eben auf die Bühnenwirksamkeit kam es mir bei dieser Übersetzung vornehmlich an."

Und eben diese Bühenwirksamkeit legitimiert zugleich Eilerts Freiheiten im Umgang mit dem Original. "Aus dem dramaturgischen Dilemma, das sich aus der Ungleichgewichtigkeit von glänzenden Ornamenten und eher matten Sujets ergibt, und im Effekt dazu führen kann, Szenen, die vornehmlich dem Transport der Handlung dienen, so überladen aussehen zu lassen, daß sie sogar die an sich schwerelosen Zugaben unnötig belasten, sehe ich nur einen Ausweg, der zwar hart an der Grenze des Erlaubten entlang führt, andererseits jedoch der einzige ist, der, solange man das Original nicht aus dem Auge läßt, zu einem Ergebnis führt, das sich auf der Bühne hören lassen kann: Die Übersetzung muß dies Mißverhältnis noch betonen durch ein Vokabular, das bewußt melodramatisch klingt und gewissen Ausbrüchen der Figuren einen opernhaften Charakter verleiht, auch und gerade auf die Gefahr hin, sie lächerlich zu machen."

Hier hat sich also ein Übersetzer Gedanken gemacht, und das Ergebnis seines Nachdenkens ist eine Übersetzung, die Oscar Wildes Stücke behutsam aktualisiert, indem das gegenwärtige Konnotationspotential dieser Sprache entdeckt und ans Licht gebracht wird. Im Gegensatz zu Wolfs historisierender Übersetzung des Romans, liefert Eilert eine Entfaltung von Oscar Wildes Sprachorgien in die Gegenwart und beweist damit aufs Schönste, daß bestimmte Bedeutungen des Originals überhaupt erst in seinen Übersetzungen entstehen, Bedeutungen, über die sich der Autor gar nicht klar sein konnte, über die der Übersetzer sich aber Klarheit verschaffen muß. Das ist allerdings weniger eine künstlerische, als vielmehr eine interpretierende, auch kommentierende und synthetisierende Leistung, die an die Bedeutungsstrukturen derjenigen Sprache gebunden ist, in die übersetzt wird, und die durch die kulturellen Traditionen vermittelt ist, denen diese Sprache entspringt. Man wünschte sich jedenfalls sehr, daß deutsche Theater mittels dieser Übersetzung einmal die Probe aufs Exempel machten und Ernst und seine tiefere Bedeutung, wie Eilert The Importance of Being Earnest im Geist des Stücks zutreffend übersetzt, wieder auf die Bühne brächten.

Daß Wilde ein Autor für die Gegenwart ist, hat auch schon Brian Gilberts biographischer Spielfilm von 1997 gezeigt, in dem der englische Schauspieler und Schriftsteller Stephen Fry die Titelrolle spielt. Der Haffmanschen Ausgabe, von der man sich wünschte, daß sie nicht nur im Stück, sondern auch in Einzelbänden zu erwerben wäre, ist, übersetzt von Ulrich Blumenbach, als Bonbon Stephen Frys Essay über seine Erfahrungen mit der Wilde-Rolle beigefügt, der erstmalig im New Yorker erschien. So wie Bernd Eilerts Übersetzungen sich gewissermaßen aus dem Inneren der Sprache mit Wildes Aktualität auseinandersetzen, befaßt sich Frys fulminanter Text essayistisch mit Wildes ethischer und ästhetischer Aktualität für eine Gegenwart, in der der Kult der Oberfläche zum Tagesgeschehen wurde - allerdings gewiß nicht im Sinne Oscar Wildes.

"De profundis, Wildes Brief aus dem Gefängnis an Bosie Douglas ist meiner Meinung nach der schönste und ehrlichste Brief aller Zeiten. Sein Titel bedeutet ,aus der Tiefe', und er beschreibt in einer Sprache von schmerzhafter Schönheit die Geschichte ihrer Liaison. Wilde sucht den Punkt, an dem sein Leben aus der Bahn geriet, und versucht, die Lehren von Haft und Leid auf den Begriff zu bringen. ,Das größte Laster ist die Seichtheit. Was geistig erfaßt ist, ist gut', war Wildes letztes großes Leitmotiv, und in De profundis erklingt es wieder und wieder. Es sei unsere Pflicht, uns selbst zu entdecken und so weit wie möglich zu entfalten, schrieb Wilde. Er war sich vollkommen darüber im klaren, daß man seinen Sturz auch als Sturz seiner Philosophie verstehen würde" - als er schrieb:"Die Leute deuten auf das Zuchthaus zu Reading und sagen: ,Dorthin führt das Künstlerleben.' Nun, es könnte zu schlimmeren Orten führen. Praktische Naturen (...) wissen immer, wohin sie gehen, und dahin gehen sie auch. (...) Wer danach trachtet, etwas zu werden, was nichts mit seiner Persönlichkeit zu tun hat, Parlamentsmitglied oder erfolgreicher Gemischtwarenhändler oder ein bekannter Rechtsanwalt oder Richter oder sonst etwas Langweiliges, wird unweigerlich dieses Ziel erreichen. Das ist seine Strafe. Wer eine Maske haben will, muß sie auch tragen. Ganz anders verhält es sich mit den dynamischen Lebenskräften (...). Wer einzig nach Selbstverwirklichung strebt, weiß nie, wohin er geht. Er kann es nicht wissen."