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Geschichtsstunde auf der Bühne

Junge Menschen, die um 1950 in der sowjetischen Besatzungszone für ihren Widerstand gegen den Stalinismus mit dem Leben oder der Freiheit bezahlen mussten, stehen im Fokus von Monika Beckers dokumentarischem Theaterstück. Für "Die im Dunkeln" hat sie zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen geführt.

Von Hartmut Krug | 05.03.2013

Leise erklingt "Es zittern die morschen Knochen", das Lied der deutschen Arbeitsfront mit den berüchtigten Zeilen "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt", wenn zwei ältere Männer durch die Tür des Eisernen Vorhangs an die Rampe treten:

"Gott sei Dank war 45 dieser Spuk vorbei. Na ja, Spuk. Wir waren ja auch irgendwie begeistert. Begeistert und blind. Begeisterte HJler mit 13. "

Während die beiden Männer sich erinnern, wie sie sich damals, zwischen 1948 und 1950, an der Erweiterten Oberschule Karl Marx, heute heißt sie Friedrichgymnasium, ihre kritischen Gedanken zum untergegangenen Faschismus und zur neuen Gesellschaftsform in der sowjetisch besetzten Zone machten, erklingt schon ein neuer Volkschor der scheinbaren Begeisterung über die Sowjets:

"Mit heißem Herzen haben wir Altenburger Anti-fa-fa-schisten auf den Tag eurer Ankunft gewartet. Die Zeit der Unsicherheit hat ein Ende."

Dann hebt sich der Eiserne Vorhang, und im Saal des mittlerweile abgerissenen "Goldenen Pflugs" kommen die jungen Menschen, deren Geschichte erzählt wird, zur Tanzschule zusammen. Es wird gesungen und getanzt, so dass die vielen auf- und erklärenden Passagen des Stückes in ein belebtes Spiel eingebettet sind. Dabei wechseln sich referierende Erzählungen der beiden dabei gewesenen Männer mit kleinen Spielszenen ab. Erzählt wird von einer Gruppe von Schülern und Lehrern, die sich gegen den Stalinismus zu wehren suchten. Erst mit Flugblättern, dann mit einem selbstgebauten Stör-Sender.
Der wird aufgebaut, indem die Darsteller munter durch die Ränge und über die Sitze turnen. Allzu langwierig wird die Störung von Wilhelm Piecks Radiorede zu Stalins 70.Geburtstag durch autoritäre Stalinzitate und Sätze von Arthur Koestler demonstriert.

Diese informative Geschichtsstunde auf dem Theater lässt Regisseur Bernhard Stengele manchmal allzu bedeutsam und bedächtig voran schreiten. Geschickt dann die Verhaftungsszene, bei der die Menschen direkt aus der Tanzschulgruppe heraustreten. Ein Chor der Angehörigen fragt dann in Eingaben nach dem Verbleib der verschwundenen Lehrer und Jugendlichen, ohne Antwort zu bekommen. Wir Zuschauer sehen dagegen, wie die Verhafteten in langen Verhören von den Sowjets u.a. zu ihrer Zusammenarbeit mit der westlichen KUG, der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, befragt werden. Folterungen werden nur berichtet oder angedeutet. Dann, nachdem alle ihre Geständnisse an einer riesigen roten Fahne vorbei hinauf gereicht haben, wird den vier zum Tode verurteilten das Gesicht weiß angemalt, und auch von Gefängnisstrafen für etliche andere erfahren wir. Denn von Anfang an hat die Aufführung überdeutlich gemacht, dass die Gruppenmitglieder schrecklich scheitern werden. So, als ein Schüler mit seiner Mutter diskutierte:

"Man darf nicht alles hinnehmen, immer nur klein beigeben. Man muss sich auch mal wehren.
Achim, bitte. Was aus dir mal werden wird. Ab ins Bett, dass du was lernst für die Schule (…)
Ich geh schon. Gute Nacht, Mama.
Achim Näther, Schüler. 1950 mit 21 Jahren in Moskau erschossen."

Leider fügen Autorin und Regisseur dieser konkreten Geschichte noch Grundsätzliches und Parabelhaftes an. Mit dem Lied von der Partei, die immer recht habe, mit Assoziationen zu Sophie Scholl und Zitaten von Heine soll weiter gedeutet werden, bis in die DDR und bis.

"Ein Stück über Widerstand am Beispiel Altenburg" nennt die 1986 in Mannheim geborene Mona Becker ihr Dokumentartheaterstück im Untertitel. Denn es will nicht nur an junge Menschen erinnern, die um 1950 in der SBZ für ihren Widerstand gegen den Stalinismus mit dem Leben oder ihrer Freiheit bezahlen mussten, sondern es soll auch für kritisches Engagement heute werben.

Entstanden ist ein regionaler Geschichts-Theaterabend, der seine Kraft vor allem aus einem aufklärerisch pädagogischen Impuls bezieht, weniger aber aus seiner künstlerischen Form. Es gab kräftigen und langen Beifall bei der Premiere, und eine öffentliche Tagung am 9. März zum "Widerstand in der frühen DDR in Thüringen" wird sich intensiv mit dessen Geschichte, aber auch mit Aufarbeitungs- und Darstellungsmöglichkeiten des Theaters beschäftigen.